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Panorama Selbstgerecht, unreif, gefährlich: der Weg des Reemtsma-Entführers Thomas Drach
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16:30 23.02.2021
„Besonnenes Verhalten der Täter“? Thomas Drach 2011 beim jüngsten Prozess gegen ihn in Hamburg.
„Besonnenes Verhalten der Täter“? Thomas Drach 2011 beim jüngsten Prozess gegen ihn in Hamburg. Quelle: picture alliance / dpa
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Er hat wohl nie wirklich etwas anderes gewollt. Sollte der mittlerweile 60-jährige Thomas Drach jemals ernsthaft erwogen haben, Geld künftig anders zu beschaffen als auf verbrecherische Art, dann hat er dies nach außen hin jedenfalls gut verborgen. Drach sei ein Berufskrimineller, so befand ein Gutachter im Prozess um die Entführung des Hamburger Sozialforschers und Tabakerben Jan Philipp Reemtsma. Ein Berufskrimineller ohne jedes Interesse an einer professionellen Neuorientierung, so müsste man hinzufügen.

Dabei verfügte Drach eigentlich über beste Voraussetzungen, auf ehrlichen Wegen einen passablen Lebensstil zu finanzieren. Überdurchschnittlich intelligent sei er, auch das sagten die Gutachter über den Mann, der 1961 als Sohn einer Sekretärin und eines leitenden Miele-Angestellten in der Nähe von Köln geboren wurde. Schon mit 13 jedoch greift ihn die Polizei das erste Mal auf, weil er Autos geknackt hatte. Mit 17 beginnt er, auf Bestellung Autos zu klauen. Es folgen Überfälle auf Banken und Supermärkte; 1981, mit gerade mal 20, fährt er mit seinem Bruder durch die Schaufenster einer Kölner Sparkasse bis vor die Schalter, bedroht die Angestellten mit Gewehren und leert die Kassen. Siebeneinhalb Jahre Haft erhielt er dafür. Und doch war dies für Thomas Drach, den Freund des großspurigen Auftritts, des Lebens auf ganz großem Fuß, nur das Vorspiel zu einem noch größeren Verbrechen.

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Flucht in den Nobelbadeort

Am 25. März 1996 hat Thomas Drach, zusammen mit drei Mittätern, Jan Philipp Reemtsma gekidnappt, in einen Keller verschleppt, an Ketten gefesselt und 33 Tage festgehalten. Bis umgerechnet 16,3 Millionen Euro Lösegeld gezahlt wurden – die höchste je in Deutschland erpresste Summe. Die Tat war das Produkt präziser Vorbereitung, über Wochen hatte Drach mit seinen Komplizen Reemtsmas Leben ausgekundschaftet. Auf die Frage, warum sie gerade ihn ausgesucht hätten, erklärten sie ihrem Opfer: Sie hätten angenommen, dass sich jemand, der sein Geld geerbt hat, leichter davon trennen würde. Für Jan Philipp Reemtsma hingegen gab es nie einen Zweifel, dass Drach bereit war, seine Drohungen wahr zu machen. „Noch im Wald, vor der Freilassung, als ich aus dem Kofferraum ausgeladen wurde, hatte ich Todesangst“, sagte er in einem Interview nur wenige Tage später.

Die Flucht seines Peinigers Thomas Drach währt damals immerhin zwei Jahre. Zum Verhängnis wird ihm schließlich die Neigung, den Luxus, in dem er lebt, nicht zu verschweigen. Von Buenos Aires aus berichtet er einem alten Gefängniskumpel am Telefon, er freue sich auf ein Konzert seiner Lieblingsband, der Rolling Stones. Für die Polizei, die dessen Telefon überwacht, ist das der entscheidende Hinweis: Drach wird in Argentinien von einem Spezialkommando festgenommen. Bis dahin hat er nicht gerade gedarbt: Zuletzt lebte er in einer Villa im Nobelbadeort Punta del Este in Uruguay. Monatsmiete: 30.000 Dollar. Die 125.000 Dollar für sein Auto, ein anthrazitfarbenes Mercedes-Cabrio, zahlte er in bar.

„Ich hatte Todesangst“: Jan Philipp Reemtsma bei einer Pressekonferenz nach der Festnahme Drachs 1998. Quelle: picture-alliance / dpa

Der Zynismus des Entführers

Während des Prozesses um die Entführung hat Drach nie ernsthaft Reue gezeigt. Selbstgerecht, unreif, narzisstisch, so beschreiben ihn Gutachter. Dass ihm jedes Mitgefühl fehlt, bewies er, als er sich mit dem Hinweis auf seine angebliche Milde verteidigen wollte. Sie hätten ihrem Opfer ja auch einen Finger abschneiden können, erklärte er: „Dass Reemtsma hier heute unverletzt sitzen kann, hat er nur dem besonnenen Verhalten der Täter zu verdanken.“ Ähnlich hatte er sich auch während der Entführung gegenüber Reemtsma geäußert. Zu Drachs unveränderlichen Kennzeichen gehört es, Humor mit Zynismus zu verwechseln.

Drach wird damals zu 14,5 Jahren Haft verurteilt. Doch noch bevor er die abgesessen hat, steht er 2011 erneut vor Gericht. Da hat er aus dem Gefängnis heraus versucht, Komplizen anzuheuern, die seinen Bruder erpressen sollten. Lutz, der jüngere Drach, saß da noch selbst in Haft, weil er einen Teil des Lösegelds gewaschen hatte. Thomas verdächtigte ihn, dabei einiges in die eigene Tasche gesteckt zu haben. „Ich will nicht, dass die Ratte nur einen Euro von meinem Geld ausgibt“, schrieb er in einem Brief. Drachs Haft verlängerte sich dadurch um 15 Monate.

Drach galt als pleite

2013 jedoch wird Thomas Drach endgültig aus der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Billwerder entlassen. Sicherheitsdienste, frühere Kumpane, die Polizei, sie alle behalten ihn danach im Auge, da ein Teil des Lösegelds noch immer als verschollen gilt. Drach jedoch setzt sich zu einem Freund nach Ibiza ab. Eine Sicherheitsfirma findet in einem Schließfach in Uruguay rund 450.000 US-Dollar. Seitdem gilt Drach als pleite.

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Dass Drach nun aber Mühe haben würde, sich in ein bescheidenes Leben zu fügen, hatten Beobachter durchaus erwartet. Jetzt hat ihn die niederländische Polizei festgenommen. Der 60-Jährige, der den Behörden zufolge ohne festen Wohnsitz gewesen sein soll, steht im Verdacht, in den vergangenen Jahren in Köln und Frankfurt drei Geldtransporter überfallen zu haben. Sollte sich dies bewahrheiten, wird das Gericht bei der Strafzumessung die besondere Karriere des Thomas Drach sicher zu würdigen wissen.

RND

Von Thorsten Fuchs/RND

Der Artikel "Selbstgerecht, unreif, gefährlich: der Weg des Reemtsma-Entführers Thomas Drach" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.