Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Schlagobers im Herzen von Pjöngjang
Mehr Welt Panorama Schlagobers im Herzen von Pjöngjang
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:29 17.11.2011
Cappuccino in Nordkorea. Wiener Café in Pjöngjang eröffnet. Quelle: dpa (Symbolbild)
Anzeige
Pjöngjang

Direkt am Aufmarschfeld im Herzen der nordkoreanischen Hauptstadt hat dieser Tage ein Wiener Café eröffnet, ein Zeichen dafür, dass die Abschottung des erzkommunistischen Regimes allmählich Risse bekommt.

Ein symbolträchtigeres Gebäude hätte der österreichische Betreiber kaum finden können: Das Museum für koreanische Geschichte, ein stalinistischer Repräsentationsbau, auf dessen Dach ein zehn Meter hoher Soldat zum Angriff bläst. Dass man drinnen neben einem Crashkurs in koreanischer Revolutionsgeschichte auch „Wiener Kaffee mit Schlagobers“ bekommt, erkennt man von außen nur an einem unauffälligen Türschild mit der koreanischen Aufschrift „Café“. Erst dahinter sieht man das gelbe Emblem einer Kaffeekanne, auf der „Helmut Sachers Kaffee“ steht.

Anzeige

„Wir haben 30 bis 40 Gäste am Tag“, erklärt die junge Kellnerin. „Die meisten sind Diplomaten und andere Ausländer, die hier leben.“ Sie trägt einen schwarzen Hosenanzug und wie die meisten Nordkoreaner ist sie im Gespräch mit Fremden kurz angebunden. An einem der elf Tische sitzt ein Paar und betrachtet den Raum, eine eigenwillige Mischung österreichischer Gemütlichkeit und nordkoreanischer Trostlosigkeit. Von den hohen, stuckverzierten Decken hängen zwei Ventilatoren mit bunten Lampen, die Wände sind halbhoch mit Holz vertäfelt, rosafarbene Lamellen verhängen die Fenster. Ein großer Flachbildschirm zeigt österreichische Landschaften, im Hintergrund laufen Walzermelodien. Hinter dem Tresen stehen teure Kaffeeautomaten, und in einer Vitrine liegen Kuchenstücke aus: Apfeltorte, Kirsch-Streusel, Mohn-Walnuss-Vanille. In Wien könnte man damit keine Konditorwettbewerbe gewinnen, in Pjöngjang schon. Der Kaffee, das Geschirr und selbst die Zuckerbeutel sind aus Österreich importiert.

Zwei Euro kostet ein Cappuccino. Bezahlt wird in Devisen. Euro, chinesische Yuan und selbst US-Dollar sind den Koreanern lieber als ihr eigenes Geld. Auf dem Schwarzmarkt muss man für zwei Euro etwa 5000 koreanische Won bezahlen. Das entspricht in etwa dem Monatslohn, den Durchschnittsbürger neben den staatlichen Zuteilungen an Lebensmitteln, Kleidung und anderen Notwendigkeiten ausgezahlt bekommen.

Der Mann, dessen Namen das Café trägt, lebt in Oeynhausen bei Wien. „Wir sind offenbar auf exotische Exportmärkte gepachtet“, erklärt Helmut Sachers, Inhaber einer traditionsreichen familienbetriebenen Kaffeerösterei, die heute in 25 Länder exportiert. „Auch in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator gibt es ein Café Sachers.“ Betrieben werden die Lokale allerdings nicht von Sachers selbst, sondern von Importeuren. Die Dependance in Pjöngjang war die Idee des Wiener Unternehmers Helmut Brammen. „2009 hat er mir erzählt, dass er in sehr ungewöhnlichen Regionen Geschäfte macht“, sagt Sachers.

Zwei Jahre hätten die Verhandlungen gedauert, bevor Sachers und Brammen im März zusammen mit einem österreichischen Bäckermeister nach Nordkorea geflogen seien, um das dortige Personal anzulernen. Sehr gelehrige Männer und Frauen habe er dort getroffen, die Österreichs Kaffeehauskultur aufgesogen hätten „wie ein nasser Schwamm“.

„Dass in Pjöngjang ein Wiener Café aufmachen kann, zeigt, dass in Nordkorea unter der verkrusteten Oberfläche mehr Bewegung ist, als man von außen erahnt“, sagt ein europäischer Diplomat. „Normale Nordkoreaner kommen hier natürlich nicht hin, aber die Eliten wissen immer besser, wie das Leben außerhalb ihres Landes ist, und wollen davon auch zu Hause etwas mitbekommen.“

Das Café ist nicht das erste internationale Etablissement in der Stadt. 2009 eröffnete ein Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens eine Pizzeria, bereits die zweite in Pjöngjang, aber die erste mit ausländischer Beteiligung. Die von Schweizer Adventisten geführte Hilfsorganisation ADRA lädt seit einigen Jahren in ein Schweizer Café ein. Darin können Nordkoreaner auch Käsefondue genießen.

Unser Fernostkorrespondenten hat in der vergangenen Woche die seltene Gelegenheit genutzt, sich in Nordkorea umzusehen. Er bereiste das Land mit einer Diplomatendelegation, die sich über die humanitäre Lage in dem streng abgeschotteten Land informieren konnte.

Bernhard Bartsch

Johanna Di Blasi 17.11.2011
Wiebke Ramm 16.11.2011