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Panorama Rocker verkauften Waffen an Neonazis
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21:09 24.05.2012
Spezialkräfte der Polizei durchsuchten am Donnerstag das Rotlichtmileu in Kiel. Quelle: dpa
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Kiel

Es ist fünf Uhr morgens, als die Spezialeinsatzkräfte der Polizei in Kiel Türen aufbrechen, Bordelle, Häuser und Wohnungen stürmen. Im Visier haben sie Mitglieder der seit Anfang des Jahres in Landeshauptstadt verbotenen Hells Angels. Die Rocker haben keine Chance, sich zu wehren. „Wir haben den Zugriff 14 Tage geplant und 1200 Polizisten im Einsatz“, sagt Polizeieinsatzleiter Joachim Gutt.

Ein derartiges Polizeiaufgebot hat Kiel noch nicht erlebt. Konvois von Mannschaftswagen fahren morgens vom Polizeizentrum Eichhof aus los. Ein großes Tross steuert das Rotlichtviertel am Wall an, vermummte Polizisten stürmen mit Rammen aus den Wagen, schlagen Türen der Bordelle ein, besetzen die Räume. Auch die Kneipe „Käpt’n Flint“ wird eingenommen, hier feiern noch ein paar Abiturienten, die sich sofort auf den Boden legen müssen. Dass sie nicht zur Rockerbande gehören, klärt sich schnell auf.

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Die Flämische Straße wird von beiden Seiten komplett gesperrt. Immer wieder schleppen die Spezialkräfte Kisten und Kartons aus den Etablissements. Verstärkung rückt an, später sogar die Feuerwehr, die mit schwerem Geräte der Polizei beim Öffnen von Schränken und Türen zur Seite stand.

Auch im Diskothekenzentrum in der Bergstraße schlagen die Polizisten auf. Hier wird ebenfalls durchsucht, Spezialkräfte sichern die Tür. Warum die Beamten hier sind, ist reine Spekulation. Kein Geheimnis ist aber, dass die Hells Angels oder Personen aus deren Umfeld im Türstehergewerbe tätig sind. Das scheint lukrativ zu sein, denn wer bestimmt, wer in die Discos kommt, der bestimmt auch, wessen Drogen verkauft werden.

Zutritt verschaffen sich die Polizisten in zwei Ver- und Ankaufgeschäfte im Knooper Weg. Ob dort Waffen verkauft wurden? Die Ermittler schweigen und verweisen darauf, dass zunächst die sichergestellten Beweismittel ausgewertet werden müssen. Im Altenholzer Gewerbegebiet Lehmkaten tragen wenigstens 50 Beamten mit Handschuhen Regale aus einer Lagerhalle, die den Hells Angels gehören soll. Dieses Objekt ist besonders spannend für die Ermittler. Es gibt Hinweise, dass hier möglicherweise die Leiche des vermissten Tekin Bicer verscharrt oder ins Fundament mit eingearbeitet wurde - die Halle ist jüngeren Datums, Bicer seit zwei Jahren vermisst.

Gegen Abend hatte die Polizei schon „50 Prozent der Ermittlungsleistung erreicht“, sagt Gut, der seit 36 Stunden auf den Beinen ist und den Einsatz mit den Beamten aus Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen unter strengster Geheimhaltung bis zu dem „schlagartigen Aufschlag“ in den frühen Morgenstunden geplant hatte. „Fünf führende Mitglieder der Hells Angels wurden verhaftet, gegen zwei weitere Mitglieder, die bereits in Haft saßen, wurden weitere Haftbefehle ausgestellt“, sagt er. Insgesamt leiteten die Ermittler 194 Verfahren gegen 69 Beschuldigte ein.

Neben 40.000 Euro aus Wohnungen und Häusern stellen die Einsatzkräfte noch jede Menge Waffen sicher: „Sieben Handfeuerwaffen, eine Maschinenpistole, ein Gewehr und 900 Schuss Munition haben wir unter anderem an verschiedenen Stellen gefunden“, sagt Ralf Höhs vom Landeskriminalamt. Zu dem Zeitpunkt sind die Ermittler bereits überzeugt, dass die verbotenen Hells Angels mit Waffen gehandelt haben. „Auch mit Personen mit rechtsradikalem Hintergrund“, sagt Höhs. Das erklärt die Stürmung der Wohnung des Kieler NPD-Ratsherren. „Ob es Verbindungen zur NSU gibt, muss geprüft werden“, sagt Oberstaatsanwältin Birgit Heß.

Günter Schellhase