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Panorama Riesiger Ölteppich treibt weiter auf US-Küste zu
Mehr Welt Panorama Riesiger Ölteppich treibt weiter auf US-Küste zu
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12:20 28.04.2010
Mit Chemikalien wird der Ölteppich derzeit bekämpft.
Mit Chemikalien wird der Ölteppich derzeit bekämpft. Quelle: ap
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Im Golf von Mexiko tickt eine Zeitbombe. Eine Woche nach der Explosion der BP-Ölförderplattform „Deepwater Horizon“ treibt das Öl aus der gesunkenen Bohrplattform auf die rund 70 Kilometer entfernte Küste Louisianas zu. Fieberhaft versuchen Techniker, das Bohrloch in 1500 Metern Tiefe zu stopfen und das Leck an der Rohrleitung abzudichten, um eine Ölpest zu verhindern. Vier Tauchroboter waren am Dienstag im Einsatz, um ein Notfallventil am Meeresboden zu schließen. Doch bis zum Abend glückte dieses schwierige Unterfangen nicht.

So fließen weiterhin täglich rund 160 000 Liter Rohöl in den Golf von Mexiko. „Es gibt zwei Lecks“, erklärt Hilmar Rempel, Energieexperte bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. „Das Öl tritt zum einen direkt am Meeresboden aus und dann auch weiter oben aus einem Leck im Ölförderrohr, das hinauf zur Plattform führte.“ Mit dem mehrere Tonnen schweren Notfallventil ließe sich das Leck schließen. Doch noch ist unklar, ob diese Konstruktion vielleicht beschädigt ist.

Mit menschlichen Tauchern ließe sich das womöglich schneller herausfinden als mit den ferngesteuerten Minirobotern, die zur Zeit im Einsatz sind. Doch in derartige Tiefen können selbst Profis nicht mehr hinunter. „Mit einer Tauchflasche kommt man maximal in 150 bis 200 Meter Tiefe“, erläutert der hannoversche Tauchmediziner Constantin Wolter. „Selbst mit einer Druckkammer sind nur 500 Meter möglich“, erklärt Constantin. Zudem sei eine aufwendige Logistik nötig, um spezialisierte Gewerbetaucher in der Kammer auf den Meeresboden zu bringen. Diese ist wie ein Wohncontainer eingerichtet und dient dazu, Taucher über zwei bis drei Tage langsam an den dort herrschenden Druck von 51 Bar zu gewöhnen

Also bleiben den Notfallhelfern des Dienstleisters Transocean, von dem BP die Ölbohrplattform gechartert hat, vorerst nur weitere Versuche mit den Tauchrobotern. „Funktioniert das weiterhin nicht, kann man zwei Alternativen versuchen“, sagt der BGR-Experte Rempel. „Man könnte über dem Bohrloch einen großen Trichter anbringen, der das aufsteigende Öl abfängt. Das hat aber bisher niemand versucht.“ Allerdings haben Rettungskräfte an der Unglücksstelle am Dienstag mit dem Bau einer solchen Schutzkuppel begonnen. Zwei bis vier Wochen sollen diese Arbeiten in Anspruch nehmen, wie Prentice Danner, Sprecher der US-Küstenwache, am Dienstag berichtete.

Schlägt auch die Kuppel fehl, ist die letzte mögliche Variante eine sogenannte Entlastungsbohrung. „Dabei wird die ölführende Schicht neben dem ursprünglichen Loch angebohrt, und das Öl wird zu einer Plattform oder einem Bohrschiff geleitet“, erklärt BGR-Experte Rempel. Das dauert jedoch mindestens zwei Monate. Bis dahin hat der Ölteppich längst die empfindlichen Ökosysteme an den Küsten von Louisiana, Alabama und Florida erreicht.

Noch fehlen zwar die spektakulären und schockierenden Motive von verschmutzten Küsten und ölverklebten Vögeln. Doch länger als ein paar Tage dürfte es nicht mehr dauern, bis der Ölfilm, der sich inzwischen auf einer Fläche von fast 5000 Quadratkilometern ausgebreitet hat, die Küstenlinie erreicht. Bisher verhindern ablandige Winde, dass das Öl allzu schnell vorankommt. „Außerdem ist es vor Mexiko glücklicherweise deutlich wärmer als in Alaska“, sagt Rempel. „Dadurch wird das Öl schneller abgebaut.“ Ein Problem bleibe die schwere See, die die Schiffe daran hindert, das als dünnes Wasser-Ölgemisch auf der Wasseroberfläche treibende Öl einzufangen und abzusaugen.

Treibt diese Zeitbombe erst einmal an die Küste, müssen die Anrainer mit dem Schlimmsten rechnen. Auch wenn Louisiana den Aufbau von Ölsperren vor einem besonders sensiblen Naturschutzgebiet angekündigt hat und BP 32 Schiffe und fünf Flugzeuge zur Bekämpfung der Ölpest mobilisiert hat, sind Hunderte Kilometer Küste unmöglich zu schützen. Der Ölunfall lässt die Amerikaner bislang kalt. Doch Unweltschützer warnen, angesichts fehlender Katastrophenbilder die ökologischen Folgen des Unfalls zu unterschätzen: „Ölverschmutzungen schaden dem Leben im Meer nicht nur, während sie passieren, sondern oft noch Jahre und Jahrzehnte später“, sagt Jacqueline Savitz von der Umweltorganisation Oceana.

Und die schwer zugängliche Austrittsstelle in großer Meerestiefe macht es wahrscheinlich, dass die Verschmutzung noch länger anhalten wird. Bedroht sind dann nicht nur Meeressäuger, Fische und Riffe, auch der Tourismus und die großen Austernfarmen in der Mississippi-Mündung könnten leiden. Im Golf von Mexico gibt es bereits ein historisches Beispiel dafür, wie verheerend der Ölfluss aus einer verunglückten Bohrplattform sein kann. Im Jahr 1979 explodierte vor der mexikanischen Küste die Bohrinsel Ixtoc 1. Damals lag das Ölfeld ebenfalls in großer Tiefe, etwa 3000 Meter unter dem Meeresgrund, was es extrem schwierig machte, den Ölausbruch zu stoppen. Das gelang erst nach neun Monaten. Der Unfall löste die zweitgrößte Ölpest aller Zeiten aus – nach der gezielten Verschmutzung des persischen Golfs durch den irakischen Machthaber Saddam Hussein 1991. An der Unfallstelle von Ixtoc 1 strömte allerdings pro Tag mehr als die zehnfache Menge Öl aus der zerstörten Bohrstelle als beim jetzigen Unglück. Auch von den Dimensionen der jüngste großen Ölkatastrophe vor der US-Küste ist die Explosion der „Deepwater Horizon“ noch weit entfernt. Um die Ölmenge zu erreichen, die beim Schiffbruch des Tankers „ExxonValdez“ im Jahr 1989 ausgelaufen ist, müsste das Öl ein weiteres Dreivierteljahr sprudeln.

Bisher hat der Unfall in den USA noch keine größeren politischen Diskussionen ausgelöst. Obama hat bereits in der vergangen Woche bekräftigt, dass zu einer sicheren Ölversorgung der USA auch Bohrungen vor der eigenen Küste gehören. Ein Kommentar der in Umweltfragen normalerweise relativ sensiblen „New York Times“ spiegelt die bisherige Vorsicht, aus dem Unglück generelle Schlussfolgerungen zu ziehen. „Bisher ist der Unfall kein Argument dafür, die Strategie einer sorgfältigen und disziplinierten Förderung aufzugeben“, schreibt das Blatt. Die größten Ölunfälle der US-Geschichte, etwa die Explosion nach einer Schiffskollision im Jahr 1966, die in New York mehr als 100 Tote forderte, geschahen im übrigen alle mit Tankern. Und unabhängig davon, ob vor der Küste Öl gefördert wird oder nicht, ist dieses Risiko alltäglich.

Andreas Geldner und Nicola Zellmer