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Panorama Retter im Wettlauf mit der Zeit
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22:45 15.03.2011
Jeder zweite Einwohner wird vermisst: Die Trümmer des einstigen Fischerorts Otsuchi.
Jeder zweite Einwohner wird vermisst: Die Trümmer des einstigen Fischerorts Otsuchi. Quelle: dpa
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Die zwölfjährige Narumi und ihre zehnjährige Schwester Kotomi haben ihr Zuhause verloren – mit leerem Blick, verzweifelt, traumatisiert und auf absehbare Zeit angewiesen auf fremde Hilfe sitzen sie in einem Evakuierungszentrum in der Region Sendai in Nordostjapan. Es ist eines von rund 2000 solcher Zentren, die nach dem Erdbeben und der Tsunamiwelle hier, nahe dem Epizentrum des Bebens, eingerichtet wurden. Und die beiden Mädchen sind zwei von mehr als 100.000 Kindern, die nach einer Schätzung der Hilfsorganisation „Save the Children“ durch die Ereignisse obdachlos geworden sind.

„Sendai ist eine Trümmerlandschaft, viele Straßen sind blockiert. Tausende Kinder und ihre Familien drängen sich in den Evakuierungszentren“, berichtet Ian Woolverton, Leiter eines von der Kinderhilfsorganisation in das Katastrophengebiet entsandten Rettungsteams. „Trotzdem sind die Menschen noch erstaunlich ruhig und gefasst.“ Dabei hätten gerade die Kinder Schreckliches erlebt, ihr Zuhause und oft auch ihre Angehörigen verloren. „Sie brauchen jetzt dringend psychologische Betreuung und Schutzräume, in denen sie spielen, lernen und ihre Ängste und Traumata verarbeiten können“, sagt Woolverton. Seine Organisation ist schon seit einem Vierteljahrhundert in Japan im Einsatz – in der Region Sendai will sie in den nächsten Wochen wenigstens 20.000 Kinder betreuen.

Kinder sind die hilflosesten Opfer der Katastrophe, doch auf Hilfe angewiesen sind alle Altersgruppen. Nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) harren mehr als 500.000 Menschen in Notunterkünften aus. Viele irren noch durch die Trümmerlandschaften, die die Tsunami-Woge hinterlassen hat, auf der Suche nach Freunden und Verwandten. Rund 80.000 Häuser sollen in der Region Sendai beschädigt sein, mindestens 6300 sogar total zerstört. An den Tankstellen wird Benzin knapp, an den Supermärkten stehen die Menschen geduldig um die wenigen, rationierten Lebensmittel an.

Die Helfer liefern sich einen verzweifelten Wettlauf mit der Zeit – denn je länger die Rettungskräfte brauchen, um sich in das verwüstete Gebiet vorzuarbeiten, desto größer ist die Zahl der Leichen, die aus Trümmern, Schutt und Schlamm geborgen werden. Mindestens 3600 Todesopfer wurden bisher offiziell bestätigt, doch die tatsächliche Zahl der Toten wird weitaus höher ausfallen. Einige Experten erwarten mehr als 10.000 Opfer und mehr. Nach Angaben des japanischen Rundfunks NHK konnten bislang rund 15.000 Menschen noch nicht kontaktiert werden – derzeit weiß niemand, ob sie noch am Leben sind.

Aber auch das weitere Überleben ist schwierig geworden: Die Strom- und Wasserversorgung ist weitgehend zusammengebrochen. Mindestens 1,4 Millionen Menschen haben nach UN-Angaben kein Trinkwasser, zudem werden Lebensmittel und Benzin knapp. Mitglieder der japanischen Selbstverteidigungskräfte schaffen Decken und Lebensmittel ins Katastrophengebiet und verteilen Trinkwasser. Auch die hygienischen Verhältnisse werden immer problematischer: In den Notunterkünften gibt es nicht genügend Toiletten. Auch die Krankenhäuser unmittelbar im Katastrophengebiet sind überfüllt, viele Patienten finden nur auf den Gängen Platz.

Die meisten von ihnen haben ihre Heimat verloren. Der Fischerort Otsuchi etwa wurde komplett ausradiert. Mit den Naturgewalten hatte die kleine Stadt immer zu kämpfen – früher brachen hier oft Waldbrände aus, auch Erdbeben und Tsunami-Wellen sind für die Menschen hier nichts Neues. Diesmal aber ist von der 17.000-Einwohner-Stadt nichts übrig geblieben, jeder zweite Einwohner ist vermisst. Aber auch hier sind immer noch kleine, ermutigende Erfolge zu verbuchen: Vier Tage nach Beben und Tsunami-Welle haben Rettungskräfte am Dienstag zwei Menschen lebend aus den Trümmern geborgen – einen jungen Mann und eine 70-jährige Frau. „Sie lag in den Trümmern eines Hauses, das vom Tsunami weggeschwemmt wurde“, sagt ein Rettungshelfer. „Wir haben sie 92 Stunden nach dem Tsunami gefunden.“

David S. Schulz

25.03.2011
15.03.2011