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Panorama Rentner nicht wegen Mordes angeklagt
Mehr Welt Panorama Rentner nicht wegen Mordes angeklagt
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08:35 26.05.2011
Von Thorsten Fuchs
„Wir hatten nie gedacht, dass das alles so endet“: Wegen schwerer räuberischer Erpressung müssen sich Smian K. (erste Reihe, von links) und Burhan K. seit Mittwoch vor dem Landgericht Stade verantworten. Hinter ihnen stehen die wegen Anstiftung beschuldigte Loretta P. und der Angeklagte Gracia K. Quelle: dpa
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Der 77-jährige Rentner, der im Dezember in Sittensen einen 16-jährigen flüchtenden Einbrecher erschossen hat, muss sich sehr wahrscheinlich nicht vor Gericht verantworten. Das Verfahren sei zwar noch nicht abgeschlossen, erklärte der Sprecher der Stader Staatsanwaltschaft, Kai Thomas Breas, am Mittwoch am Rande des Prozessauftakts gegen die übrigen Einbrecher. „Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir aber davon aus, dass es Notwehr war.“ Damit deutet alles darauf hin, dass es nicht zu einer Anklage gegen den 77-Jährigen kommen wird.

Seit Mittwoch stehen vor dem Landgericht Stade vier Männer und eine Frau aus Neumünster, die an dem Überfall auf den Rentner ebenfalls beteiligt waren. Die 21 bis 25 Jahre alten Männer, alle der Polizei wegen diverser Delikte bekannt, hatten sich wenige Tage nach dem Einbruch aufgrund der intensiven Fahndung gestellt. Die 22-jährige Frau hatte die Männer nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft angestiftet und mit wichtigen Informationen versorgt. Die Täter hatten offenbar mit leichter, reicher Beute gerechnet. „Wir hatten nie gedacht, dass das alles so endet“, sagte am Mittwoch der 25-jährige Hakan Y. Von „Millionen“, die in dem Reetdachhaus am Rande Sittensens lägen, habe ihnen Loretta P. berichtet, sagte Y. Dass sich die 22-Jährige in dem Haus so gut auskannte und Skizzen anfertigen konnte, lag an einer Schwäche des Rentners für jüngere Frauen. Der 77-jährige Bestattungsunternehmer hatte ein Verhältnis mit einer Freundin von Loretta P., der er unter anderem einen Mercedes und Pferde überlassen hatte.

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Ernst B. schien ein ideales Opfer zu sein: Erst wenige Tage zuvor hatte er eine Knieoperation überstanden, fortbewegen konnte er sich nur auf Krücken. Was Hakan Y. am Mittwoch aussagte, deckte sich weitgehend mit der Anklage. Demnach haben die fünf jungen Männer Ernst B. am Abend des 13. Dezember überfallen, als er durch den Garten zum Hundezwinger humpelte. B. schrie vor Schmerzen, nachdem ihn die Männer umgerissen hatten. Zwei von ihnen, darunter der 16-jährige Labinot S., den die Polizei ebenfalls als Intensivtäter führte, bedrohten ihn mit einer täuschend echt wirkenden Softair-Pistole, während die übrigen drei das Haus durchsuchten. Was sie fanden, waren ein Portemonnaie mit 2143 Euro und eine goldene Uhr. Als sie die Alarmanlage auslösten, flüchteten sie. Da griff Ernst B., ein passionierter Jäger, zu der Waffe, die er aus Angst vor Überfällen stets bereit liegen hatte. Er gab mehrere Schüsse auf die Flüchtenden ab. Einer davon traf Labinot S. tödlich zwischen den Schulterblättern.

Ernst B. soll den Tod des Einbrechers bedauert haben. „Das wollte er nicht, das macht ihm schwer zu schaffen“, sagten am Mittwoch Bekannte, die den Prozess beobachteten. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass B. in Notwehr handelte. Zwar sei in dem Moment nicht mehr sein Leben, wohl aber sein Eigentum bedroht gewesen, erklärte Sprecher Breas. Auch weil B. auf Krücken ging, habe er keine andere Möglichkeit gehabt, den Raub zu verhindern. Die Angehörigen des Getöteten, die den Prozessbeginn ebenfalls beobachteten, bezweifeln dagegen diese Einschätzung. Der Rentner sei zu dem Zeitpunkt nicht mehr in Gefahr gewesen. „Wie das eine Notwehrsituation gewesen sein soll, kann ich mir nicht erklären“, sagte der Anwalt der Hinterbliebenen, Hendrik Prahl. Er kündigte an, vor dem Oberlandesgericht gegen eine Einstellung des Verfahrens vorgehen zu wollen. Der Prozess vor dem Landgericht wird am 1. Juni fortgesetzt.