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Panorama Radfahrer prügelt Fußgänger tot: „Ich schäme mich“
Mehr Welt Panorama Radfahrer prügelt Fußgänger tot: „Ich schäme mich“
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15:13 09.04.2019
Der Angeklagte am Dienstag im Landgericht Hannover. Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
Hannover

Der Blick des schwarz gekleideten Mannes haftet am Boden, über Stunden bewegt er sich kaum. Der 28-Jährige steht seit Dienstag vor dem Landgericht Hannover, weil er als Radfahrer einen Fußgänger so verprügelt haben soll, dass dieser drei Tage später starb. Die Anklage argumentiert, der Beschuldigte habe Erfahrung im Kampfsport, und geht von Totschlag aus.

Der Beschuldigte sei am 8. Oktober 2018 mit seinem E-Bike eine Straße in Hannover-Linden entlang gefahren. Ein 40 Jahre alter Fußgänger, der auf sein Handy schaute, habe plötzlich die Straße überquert. Daran entzündete sich laut Anklage erst ein Streit und dann eine Rangelei. Das spätere Opfer soll gegen das E-Bike des Beschuldigten getreten haben. Im weiteren Verlauf habe der 28-Jährige den Fußgänger bespuckt und mit Faustschlägen zu Boden gestreckt.

Angeklagter erklärte „Übereaktion“ mit privaten Problemen

Zuvor hätten sich die Männer „wie zwei Boxer gegenüber“ gestanden, berichtete ein Zeuge. Der Angeklagte soll gesagt haben: „Wir boxen jetzt wie Männer“. Wer angefangen habe zu schlagen, wisse der Zeuge nicht mehr. Er habe versucht, die Männer zu trennen, aber der Angeklagte sei nicht zu erreichen gewesen. In dessen Augen habe „blinde Wut“ gestanden. Der Zeuge berichtete, so harte und präzise Schläge noch nicht gesehen zu haben.

Die Vorwürfe der Anklage stritt der 28-Jährige nicht ab, erklärte seine „Übereaktion“ mit privaten Problemen. Drogensüchtig sei er gewesen, 350 Euro habe er pro Woche für Kokain, Haschisch und Cannabis ausgegeben. 2016 wurde seine Frau krank, brach ihre Ausbildung ab, wie er sagte. Von da an habe er, der als Sattler bei einem Autobauer gearbeitet habe, allein für den Unterhalt aufkommen müssen. Im Sommer 2018 sei sein Sohn vier Monate zu früh auf die Welt gekommen. „Auch am 8. Oktober 2018 lebte ich noch mit der Ungewissheit, ob mein Kind überleben würde“, sagte der 28-Jährige.

Wer hat angefangen, wer wie oft zugeschlagen?

Dass er Erfahrung im Kickboxen hat, bestätigte er. „Dass man damit jemanden umbringen könnte, hätte ich nicht gedacht“, sagte er auf Nachfrage des Richters. Er schäme sich und bereue zutiefst, was er getan habe.

Eine andere Zeugin sagte aus, der Angeklagte habe angefangen, den Fußgänger zu boxen. Dieser habe nicht zurück geschlagen, sich nur geschützt. Der 28-Jährige habe sich „auf das Opfer eingeschossen“, „aggressiv und gar nicht mehr zugänglich“ gewirkt, berichtete sie.

Sechs weitere Zeugen sollen dem Gericht helfen, herauszufinden, wer angefangen und wie oft – oder überhaupt – zugeschlagen hat, um den Tod eines Mann zu klären, der auf sein Handy blickte.

Von RND/dpa