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Panorama Psychologe über Depressionen: „Stigmata machen auch vor Prominenten nicht halt“
Mehr Welt Panorama Psychologe über Depressionen: „Stigmata machen auch vor Prominenten nicht halt“
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16:34 01.06.2021
Naomi Osaka, Wincent Weiß und Nora Tschirner: Sie alle haben mit Depressionen zu kämpfen - und gingen damit an die Öffentlichkeit.
Naomi Osaka, Wincent Weiß und Nora Tschirner: Sie alle haben mit Depressionen zu kämpfen - und gingen damit an die Öffentlichkeit. Quelle: imago/AITTHIPHONG/ZUMA Wire/Future Image/RND-Montage Behrens
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Naomi Osaka ist eine der erfolgreichsten Tennisspielerinnen derzeit – und doch hat die Nummer zwei der Weltrangliste am Montag überraschend ihre Teilnahme bei den French Open beendet. In einem Statement auf Instagram begründet die 23-Jährige den überraschenden Schritt mit dem öffentlichen Druck und erklärt, dass sie bereits seit 2018 immer wieder mit Angstzuständen und Depressionen kämpfe.

Osaka ist nicht die einzige Prominente, die in der letzten Zeit erstmals öffentlich über ihre psychischen Probleme sprach. Auch Schauspielerin Nora Tschirner, Musiker Wincent Weiss und Prinz Harry machten die eigenen Erkrankungen zum Thema. Der Psychologe Andreas Matuschek erklärt im RND-Interview, wie sich das Rampenlicht auf die Psyche auswirken kann, warum Privilegien nicht vor seelischem Kummer schützen und was für einen Effekt es auf Betroffene hat, wenn Prominente über psychische Erkrankungen reden.

Herr Matuschek, Sportlerinnen, Schauspieler und Royals sprechen mittlerweile öffentlich über ihre Depressionen. Inwiefern können psychische Probleme jeden treffen?

Jeder Mensch kann im Laufe seines Lebens eine psychische Erkrankung erleiden. Es gibt viele unterschiedliche Ursachen: wie die Kindheit verlaufen ist, mit welchen Freunden oder Familienmitgliedern der Kontakt gepflegt wird oder wie groß die psychische Widerstandsfähigkeit ist, wenn Belastungen auf die Psyche einwirken.

Tennisprofi Naomi Osaka hat sich auch wegen der großen Angst vor Presseterminen von den French Open zurückgezogen. Wie wirkt sich das Rampenlicht auf die Psyche aus?

Wer in der Öffentlichkeit steht, benötigt ein dickes Fell, also psychische Widerstandsfähigkeit. Es gibt immer Leute, die eine Meinung haben und diese auch kundtun. Für die Prominenten ist es wichtig, genau zu selektieren, welche Medienberichte sie über sich selbst konsumieren und wie sie mit Medien umgehen. Sobald jemand in der Öffentlichkeit steht, bietet diese Person eine große Angriffsfläche.

Andreas Matuschek ist als Psychologe im Krisenmanagement tätig. Quelle: Privat

Wieso waren Depressionen gerade bei Prominenten so lange ein „Tabu“?

Psychische Erkrankungen sind in der Gesellschaft stärker stigmatisiert als physische Erkrankungen. Die Stigmata machen auch vor Prominenten nicht halt. Wir sollten aber differenzieren, was mit Prominenten gemeint ist.

Wie genau meinen Sie das?

Ob Schauspieler mit einer klassischen Theater- und Schauspielausbildung, Royals, bekannte Unternehmerinnen, Sportler oder Influencer – in jeder Branche gibt es unterschiedliche Faktoren, die eine Erkrankung (mit) auslösen können. Die hohe Erwartungshaltung oder das Fremdbild in der Gesellschaft, das ständig aufrechterhalten werden muss, spielen eine Rolle. Wenn jemand nicht nur aufgrund einer herausragenden Leistung berühmt wird, sondern gern berühmt werden möchte, können in der Persönlichkeit durch die gewünschte Aufmerksamkeit einer breiteren Masse zudem innere Verletzlichkeiten angelegt sein.

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Was hat der Drang nach Berühmtheit mit der Psyche zu tun?

Eine Person, die bewusst berühmt sein möchte und einen Geltungsdrang hat, holt sich ihre Anerkennung oftmals von außen. Das ist Fluch und Segen zugleich: Die eigenen Fans können unterstützen, aber auch stark belasten oder sogar mobben.

Wenn Prominente über psychische Probleme reden, kommt oft der Vorwurf, dass es ihnen nicht schlecht gehen kann, weil sie genug Geld haben.

Geld, Einfluss oder die gesellschaftliche Stellung sind kein Schutzschild für psychische Belastungen. Natürlich kann das Einkommen Stressfaktoren rausnehmen, gleichzeitig kommen andere Stressfaktoren für Prominente hinzu. Wer viel Geld hat, kann viel Geld verlieren, und wer medial oft vertreten ist, muss ein gewisses Bild aufrechterhalten. Niemand sollte darüber urteilen, warum und in welcher Lage jemand erkrankt.

Zudem ist es schlicht anstrengend, dem gewünschten Bild einer breiten Öffentlichkeit zu genügen.

Psychologe Andreas Matuschek

Wenn wir auf den aktuellen Fall Osaka schauen, belastet sie offenbar weniger der Erfolgsdruck, sondern eher, eine öffentliche Person zu sein, die sich vermarkten und Interviews geben muss. Was macht dieser PR-Druck mit Prominenten?

Menschen bemühen sich ganz allgemein darum, den Eindruck, den sie auf andere machen, zu steuern und zu kontrollieren. Daher interessiert sich die Public-Relations-Branche auch für die psychologischen Konzepte aus dem sogenannten Impression-Management (Anm. der Red.: Selbstdarstellungstechniken). Bei Prominenten kann die Art und Weise, wie sie gern gesehen werden möchten, schnell eine Eigendynamik entwickeln und nicht mehr gänzlich der eigenen Kontrolle unterliegen. Dies ist für viele belastend. Zudem ist es schlicht anstrengend, dem gewünschten Bild einer breiten Öffentlichkeit zu genügen.

Grundsätzliche Frage zu den Stigmata: Wie wirkt sich die Stigmatisierung auf Betroffene aus?

Stigmata sind Verurteilungen und Stereotypisierungen. Die Angst der Betroffenen ist groß, dass sie nicht in ihrer Gänze als Mensch gesehen werden, sondern nur als ihre Diagnose. Diese Geringschätzung kann das Sprechen über Erkrankungen verhindern.

Warum hilft es Betroffenen, wenn sie über ihren seelischen Kummer sprechen?

Im Krisenmanagement sagen wir: Reden hilft. Durch das Sprechen verleihen Betroffene ihrer inneren Ohnmacht Worte. Wenn sie mit einer Person des Vertrauens ins Gespräch kommen, die aktiv zuhört und bei der sie ihren Kummer zwischenzeitlich „parken“ können, ist das eine große Erleichterung. Deswegen sind viele Psychotherapien gesprächsorientiert. Wichtig ist, dass die Betroffenen mit den richtigen Personen zum richtigen Zeitpunkt reden.

Manchmal ist die Ehrlichkeit eines berühmten Vorbilds das letzte Quäntchen, das Erkrankte zu einer Therapie bewegt.

Psychologe Andreas Matuschek

Wieso kann das nachteilig sein, wenn Betroffene mit den falschen Personen reden?

Manche Menschen geben zum Beispiel schlechte Ratschläge oder behandeln die Informationen nicht vertraulich. Betroffene sollten nur wirklich guten Freunden, denen sie vertrauen, von ihrem seelischen Kummer erzählen. Deswegen ist es auch von Vorteil, mit Psychologen und Psychologinnen zu reden, weil sie von Berufs wegen nichts weitererzählen. Besonders für Pro­mi­nente kann es aber schwierig sein, über psychische Probleme zu reden.

Inwiefern?

Bekannte Personen geben dadurch einen besonderen Schutz auf, weil nicht jeder in der Lage ist, wertschätzend und im Vertrauen mit solchen Informationen umzugehen. Wenn sie in den sozialen Medien über psychische Erkrankungen sprechen, kann es außerdem zu nicht qualifizierten Kommentaren kommen.

Was hat das für einen Effekt auf Betroffene, wenn Prominente über Depressionen oder andere Erkrankungen reden?

Es kann Betroffene ermutigen, selbst über ihren seelischen Kummer zu reden. Manchmal ist die Ehrlichkeit eines berühmten Vorbilds das letzte Quäntchen, das Erkrankte zu einer Therapie bewegt. Es kann aber auch negative Effekte haben, wenn Prominente beispielsweise von Selbstverletzungen sprechen und Nachahmungen bei den Fans auslösen. Eine Vorbild­funktion kann also auch gefährlich werden.

Welche negativen Auswirkungen kann es noch geben?

Manchmal entwickeln sich subjektive Erfahrungen der Prominenten – zum Beispiel mit der Psychotherapie – zu objektiven Maßstäben. Dann wirken bekannte Menschen plötzlich wie Experten, dabei können sie das Problem gar nicht in der Tiefe beleuchten. Betroffene sollten verstehen, dass es sich nur um eine Einzelerfahrung handelt, und sich dann professionelle Hilfsangebote suchen.

Haben Sie psychische Probleme oder Suzidgedanken? Dann wenden Sie sich bitte an folgende Rufnummern:

Telefonhotline (kostenfrei, 24 Stunden), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste:

(0800) 111 0 111 (evangelisch)

(0800) 111 0 222 (römisch-katholisch)

(0800) 111 0 333 (für Kinder/Jugendliche)

E-Mail unter www.telefonseelsorge.de

Von Alisha Mendgen/RND

Der Artikel "Psychologe über Depressionen: „Stigmata machen auch vor Prominenten nicht halt“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.