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Panorama Psychisch krank oder Terrorist?
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20:14 09.11.2009
US-Soldaten versuchen in Einrichtungen auf dem texanischen Stützpunkt mit den Geschehnissen umzugehen.
US-Soldaten versuchen in Einrichtungen auf dem texanischen Stützpunkt mit den Geschehnissen umzugehen. Quelle: afp
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Nach dem Amoklauf in einer texanischen Kaserne ist in den USA eine neue Terrordebatte entbrannt. Dabei haben die Ermittler noch immer kein endgültiges Bild von dem weiter schwer verletzt im Krankenhaus liegenden Amokschützen von Fort Hood. Inzwischen weiß man, dass der Mann, der auf dem US-Militärstützpunkt 13 Menschen getötet hat, im Internet Selbstmordanschläge gegen die USA gerechtfertigt hat. Es gibt auch Hinweise darauf, dass er eine Moschee in Virginia besucht hat, an der ein Prediger mit Verbindungen zu Al Qaida tätig war. Ob er zu ihm Kontakt hatte, ist unklar – Kameraden sollen sich bei Vorgesetzten über seine immer radikaleren antiamerikanischen Ansichten beschwert haben.

Doch gleichzeitig hatte Nidal Malik Hasan schwere psychische Probleme. Die Ermittler gehen davon aus, dass er ein einzelner, ja vereinsamter Täter war. Doch wo endet der psychisch Kranke, und wo beginnt der Terrorist?

Dies wird in den USA nun hitzig diskutiert. Der unabhängige Senator Joseph Lieberman, der sich zwar der Fraktion der Demokraten angeschlossen hat, aber in der Sicherheitspolitik weit rechts steht, versucht das Thema auszuschlachten. „Dies war der schlimmste Terrorakt auf amerikanischem Boden seit dem 11. September“, sagte er und kündigte einen Anti-Terror-Untersuchungsausschuss des Senats an. Liberale Medien wie die „New York Times“ präsentieren den Fall als Paradebeispiel dafür, wie das US-Militär die psychischen Belastungen von Kampfeinsätzen, an denen auch Helfer wie der Armeepsychiater Hasan zerbrechen, nicht im Blick habe. Konservative wiederum sehen das Versagen darin, dass Hasan nicht aus dem Militär ausgeschlossen wurde. Dies sei der Angst geschuldet gewesen, der Diskriminierung von Muslimen bezichtigt zu werden.

Die Muslime in den USA befürchten, dass Hasan gezielt zum Terroristen abgestempelt wird. Der Stabschef der US-Armee, General George Casey, ist besorgt. „So schrecklich, wie diese Tragödie war, es wäre noch schlimmer, wenn unsere multikulturelle Armee ein weiteres Opfer würde“, sagte er in einem Interview.

Rund 3600 Muslime dienen in der US-Armee. In seiner wöchentlichen Radioansprache, die sich mit den Ereignissen von Fort Hood beschäftigte, würdigte Präsident Barack Obama deren Einsatz. Für die US-Armee sind sie im Irak und Afghanistan wegen ihrer Sprachkenntnisse und ihrer kulturellen Einblicke unverzichtbar. Sie sind manchmal allerdings auch das Feigenblatt, wenn Washington damit argumentiert, dass man keinen Krieg gegen den Islam führe. Die Loyalität der amerikanischen Muslime gilt als entscheidender Faktor dafür, dass es nach dem 11. September 2001 keine weiteren Anschläge in den USA mehr gab.

In öffentlichen Erklärungen haben muslimische Organisationen und die Familie Hasans ihren Patriotismus beschworen. Doch der unterschwellige Zweifel vieler Amerikaner an dieser Loyalität ist nicht auszumerzen. Nidal Malik Hasan soll sich über antiislamische Anfeindungen beklagt haben. Was jedoch daran Realität und was Verfolgungswahn war, weiß niemand.

von Andreas Geldner