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Panorama Prozess um Versand betrügerischer Flirt-SMS
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17:52 09.08.2010
Betreiber von Call-Centern sollen mit Hilfe professioneller Hundertausende Chatter Handy-Nutzer betrogen haben.
Betreiber von Call-Centern sollen mit Hilfe professioneller Chatter Hunderttausende Handy-Nutzer betrogen haben. Quelle: dpa
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Trotz Warnungen von Schwester und Onkel glaubte eine 52-jährige Bankangestellte im Flirt-SMS-Chat an das große Glück. Am Ende zahlte sie rund 25.000 Euro für gut 12.000 verschickte Kurznachrichten. Vor dem Kieler Landgericht schilderte die Frau am Montag im Prozess um mutmaßliche millionenfache Abzocke mit Flirt-SMS ihre Erfahrungen mit einem "Ulli,53", der sich später als professioneller Chatter eines Call-Centers herausstellte.

In dem Verfahren müssen sich drei Hauptangeklagte seit knapp einem Jahr wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs verantworten. Sie sollen rund 700.000 Handy-Nutzer um etwa 46 Millionen Euro geschädigt haben.

"Ulli" habe sie über ihr Profil auf einer Flirtseite angeschrieben, als ein Freund nach einer langjährigen Beziehung Schluss gemacht habe, schilderte die Frau stockend. Sie ist sprachbehindert und leidet an Epilepsie. Als sie mit "Ulli" Kontakt über das Internet aufnehmen wollte, war er nur über eine teure Kurzwahl-Nummer zu erreichen. Jeder Versuch, diese Nummer zu umgehen, schlug fehl, berichtete die Frau, die einen Hauptschulabschluss hat.

Bis zur letzten SMS glaubte sie nach eigenen Worten acht Monate lang, dass Ulli eine reale Person sei, Rettungssanitäter beim Deutschen Roten Kreuz, wie er behauptete. Schließlich hatte er ein richtiges Foto mit seiner ersten Kontakt-SMS geschickt - das hatte sie sich heruntergeladen. Doch obwohl er alle geplanten Treffen unter Vorwänden in letzter Minute absagt, wird die kräftig gebaute Frau nicht misstrauisch. Meist sitzt sie da schon im Zug auf der Fahrt zum angeblichen Rendezvous. Sie schreibt weiter, zum Preis von 1,99 Euro je SMS, wie sie dem Gericht schilderte. "Ich sah in dem "Ulli" einen Freund, der stellte so raffinierte Fragen, dass ich antworten musste." Das entspricht Arbeitsanweisungen für Animateure in Call- Centern: Sie sollen alles tun, um die Kunden im Chat zu halten.

Wenn die 52-Jährige ihr Prepaid-Handy von ihrem Ersparten lädt, dann mindestens mit 100 Euro. "Ulli" habe "von Schmetterlingen im Bauch angefangen", sagt sie fast entschuldigend. "Er schrieb auch, dass er mich nicht mehr missen möchte." Damit saß sie fest in der SMS-Falle - bis ihre Kurznachrichten mit dem Vermerk "Sendefehler" nicht mehr zustellbar waren. Erst da, Anfang Dezember 2008, recherchiert sie im Internet. Sie stellt fest, dass drei Namen unter der Nummer registriert waren, an die sie für Tausende von Euro geschrieben hatte. "Ich war wütend, enttäuscht. Das ist für mich unzumutbarer Betrug", sagt sie vor Gericht.

Für die Verteidiger äußert der Kieler Rechtsanwalt Gerald Goecke Zweifel an dem Verfahren: "Andere Staatsanwaltschaften würden die Betroffene als Hauptentlastungszeugin werten, nicht als Hauptbelastungszeugin wie die Kieler Staatsanwaltschaft. Denn das Vertrauen, in dem sie sich getäuscht hat, wird vom Strafrecht nicht geschützt. Das ist Lebensrisiko."

Die Vernehmung der Frau wird diese Woche fortgesetzt.

dpa