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Panorama Prozess um Prügelattacke: "Es steht 50 zu 50"
Mehr Welt Panorama Prozess um Prügelattacke: "Es steht 50 zu 50"
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22:07 16.06.2009
Von Wiebke Ramm
Erschien am zweiten Verhandlungstag nicht mehr vor dem Gericht: Ernst August Prinz von Hannover. Quelle: Jochen Lübke/lni

Den Richter hält es schließlich nicht mehr auf seinem Stuhl. Er tritt vor den Tisch des Zeugenstandes und kniet sich rittlings auf den am Boden liegenden Josef Brunlehner. Mit dem rechten Arm deutet er einen Schlag an. Diese Vorstellung im großen Schwurgerichtssaal des Landgerichts Hildesheim sollte am Dienstag veranschaulichen, was sich nach Ansicht von Brunlehner vor neun Jahren auf der kenianischen Insel Lamu zugetragen hat: mit dem Vorsitzenden Richter Andreas Schlüter in der Rolle von Ernst August Prinz von Hannover, der an diesem Tag vor Gericht fehlte.

Als Zeuge berichtete Brunlehner am Dienstag am zweiten Tag des Prozesses, wie er damals von Ernst August nach seiner Darstellung regelrecht überfallen worden ist. Seine Schilderung geht so: Es ist kurz vor Mitternacht am 14. Januar 2000 am Strand von Lamu. Ein Afrikaner fasst ihn am Handgelenk und an der Schulter, ein weißer Mann stürmt auf ihn los und schlägt mit voller Wucht gegen seine Brust. Brunlehner geht zu Boden, rappelt sich wieder auf, bekommt einen zweiten Schlag, diesmal in den Bauch, fällt wieder hin. Der Angreifer kniet sich auf ihn und traktiert seine Brust mit harten Schlägen, einen blitzenden Gegenstand in der rechten Faust. Der Schläger wird von den Umstehenden von seinem Opfer weggerissen. Brunlehner flieht zum Boot, der Angreifer rennt hinterher und schreit: „Du deutsches Schwein! Du Zuhälter!“ Brunlehner kann verletzt entkommen. Auf dem Boot erbricht er sich und spuckt Blut.

„Ich war froh, dass ich überlebt habe“, sagt Brunlehner neun Jahre später nun in Hildesheim. Dass er es damals mit dem Prinzen zu tun bekommen hatte, habe er erst zwei, drei Tage später im Krankenhaus in Mombasa aus der Zeitung erfahren. Von zwei Ohrfeigen („One for the music, one for the light“), zu denen sich Ernst August am Montag über seinen Anwalt vor Gericht bekannte, ist nicht die Rede. Im Gegenteil: „Da hätte ich mich mit Sicherheit schwer verteidigt, dann hätte der Prinz heute keine Zähne mehr“, sagt Brunlehner.

Er habe gar keine Chance zur Gegenwehr gehabt, soll das bedeuten. „Ich dachte, das ist ein Todeskommando“, sagt er. Der Schilderung des Prinzenopfers geht eine Belehrung durch den Richter voraus, und sie erfolgt mit Nachdruck: Die Wahrheit, nichts als die Wahrheit habe Brunlehner als Zeuge zu sagen, oder er möge die Auskunft verweigern. Machte er falsche Aussagen, machte er sich strafbar. Darauf weist der Richter in aller Deutlichkeit hin. Doch der bayerische Landwirt, der es zum Hotelier in Kenia gebracht hat, sieht keine Veranlassung zu schweigen. Er beantwortet jede Frage, erzählt wieder und wieder von dem Überfall und wirft sich sogar auf den Boden, um die Tat auf Wunsch des Richters zu demonstrieren. Mal spielt er den angreifenden Prinzen, mal sich, das Opfer. Bis schließlich sogar der Richter auf ihm kniet, um das Ganze vollends zu veranschaulichen.

Was ist wahr, was ist nicht wahr? „Es steht 50 zu 50“, sagt der Richter zu Beginn des zweiten Verhandlungstages. Für die Verteidiger von Ernst August geht es nun darum zu klären, „ab welchem Zeitpunkt Herr Brunlehner sein Opfer ausgesucht hat und zum Täter geworden ist“, wie es Anwalt Jürgen Fischer ausdrückt. Wann also – aus Sicht der Verteidigung – der nur geohrfeigte Brunlehner erkannte, dass er es mit Ernst August zu tun hatte, und beschloss, sich an ihm zu rächen.

Mittwoch wird die Befragung Brunlehners fortgesetzt. Hat die Verteidigung am Dienstag noch schweigend zuhören müssen, wird sie nun versuchen, ihn in Widersprüche zu verwickeln.

Zwei Zeugen sind unauffindbar

Nicht nur Prinz Ernst August und Josef Brunlehner wissen, was sich wirklich ereignet hat in jener Nacht auf Lamu. Es gibt Zeugen. Zehn Männer und Frauen will das Gericht in Hildesheim anhören. Am Dienstag stellte sich jedoch heraus, dass zwei Zeugen, die Ernst August belasten sollen, unauffindbar sind.

Ein Mann, der mit Brunlehner zu dem Zeitpunkt zusammen war, als der Prinz ihn geschlagen hat, soll eigentlich am 8. Juli vor Gericht aussagen. Dienstag hieß es nun, dass dieser Mann, Franklin M., im Dienste der UN im Sudan sei. Das sagte Brunlehner am Rande des Prozesses. Auch Jacqueline R., seine damalige Freundin, die ihn nach dem Vorfall versorgt und seine Verletzungen fotografiert haben soll, weiß noch nicht, dass ihre Aussage in Hildesheim für den 9. Juli erwartet wird. R. soll inzwischen mit einem Koreaner verheiratet sein und in Korea an einem unbekannten Ort leben, wie Brunlehner vor Gericht sagte. Doch es gibt noch drei andere Zeugen, die für den Hotelier am 7. und 8. Juli sprechen sollen und – soweit bekannt – auch erscheinen werden.

Am 22. und 23. Juli wird der Prozess nach derzeitigem Stand mit der Befragung der Zeugen der Verteidigung fortgesetzt. Zunächst wird der dänische Besitzer des Hotels Peponi befragt, auf dessen Terrasse sich der Prinz samt Gattin vor dem Vorfall aufgehalten hat und von wo aus er zum Strand geeilt ist. Am selben Tag dann stehen auch die Aussagen dreier Diskobesucher an, die Ernst August ebenfalls entlasten sollen. Sie werden schildern, dass Brunlehner keineswegs schwer verletzt von der Begegnung mit dem Prinzen zurückgekehrt ist. Am – nach bisherigem Plan – letztem Prozesstag, am 23. Juli, wird schließlich Prinzessin Caroline von Hannover vor Gericht erwartet.

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