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Panorama Prozess gegen Mafiaorganisation ’Ndrangheta: 440 Angeklagte, 900 Zeugen
Mehr Welt Panorama Prozess gegen Mafiaorganisation ’Ndrangheta: 440 Angeklagte, 900 Zeugen
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17:21 13.01.2021
Im Dezember 2019 wurden 334 Mitglieder und Unterstützer der ’Ndrangheta-Clans aus der Provinz Vibo Valentia festgenommen. (Archivfoto) Quelle: Francesco Arena/ANSA/EPA/dpa
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Lamezia Terme

Maria Chindamo. Jungunternehmerin in der Landwirtschaft, Mutter dreier Kinder, angehende Rechtsstudentin aus dem kalabrischen Limbadi. Seit fast fünf Jahren fehlte von ihr jede Spur. Verschwunden im Nichts. Seit ein paar Tagen weiß Italien, was mit Maria Chindamo passiert ist. Und dass es nichts mehr von ihr gibt. Keinen Leichnam, den ihre Familie bestatten könnte. Wenigstens das wissen ihre Kinder jetzt.

Weil Antonio Cossidente, Aussteiger des Mafiaclans ’Ndrangheta, ausgepackt hat. Er hat erzählt, wie Killer der Mafia die 44-Jährige ermordeten, ihre Leiche mit einem Traktor zermalmten und die Überreste Schweinen zum Fraß vorwarfen. Vermutlich Maria Chindamos eigenen Schweinen.

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Warum sie sterben musste? Sie habe sich geweigert, hat Cossidente ausgesagt, dem lokalen ’Ndrangheta-Boss Salvatore Ascone ein Stück Land zu verkaufen.

Keine Gnade für Verräter

Töten und dafür sorgen, dass der Leichnam nie wieder auftaucht: Das Vorgehen heißt im Mafiajargon „lupara bianca“, weiße Flinte. Eine grausame Tortur auch für die Angehörigen, die nichts über das Schicksal ihrer Lieben erfahren und kein Grab haben, an dem sie die Toten betrauern können.

Es geht aber noch grausamer: „Pentiti“ (reuige Mafiosi, die mit der Justiz zusammenarbeiten) haben berichtet, dass die Clanbosse Verräter auch bei lebendigem Leibe an die Schweine verfüttern – nackt und gefesselt. Wie den Mann, der vom eigenen Clan getötet wurde, weil er homosexuell war.

In dem ’Ndrangheta-Prozess, der am Mittwoch in der Kleinstadt Lamezia Terme an der Südspitze Italiens begonnen hat, wird es gleich um vier Morde mit der „lupara bianca“ gehen. Es wird ein Prozess der Superlative: Vor dem Richter werden mehr als 350 Beschuldigte Platz nehmen; für rund 90 weitere Angeklagte, die sich für ein Geständnis entschieden, beginnt voraussichtlich am 27. Januar ein paralleles Verfahren. Mehr als 900 Zeugen sind geladen. In der 13.500 Seiten langen Anklageschrift sind 400 Straftatbestände aufgelistet: von Mord, Erpressung und Raub über Drogenhandel, illegalen Waffen- und Sprengstoffbesitz bis hin zur Geldwäsche und anderen Wirtschaftsdelikten.

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Und natürlich wird praktisch allen Beschuldigten Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung vorgeworfen. Aus Sicherheitsgründen wird der Prozess in einem eigens errichteten, 3300 Quadratmeter großen, bunkerähnlichen Gerichtssaal stattfinden.

Zu verdanken ist der Prozess der Hartnäckigkeit des Oberstaatsanwalts von Catanzaro, Nicola Gratteri. Vier Jahre lang hatte der unerschrockene Mafiajäger mutmaßliche Mitglieder der ’Ndrangheta überwacht und abgehört, Zeugen und Aussteiger befragt und dubiose Geldströme nachverfolgt. Dann schlugen 2500 Mann der Carabinieri-Spezialeinheit ROS bei einer Großrazzia mit dem Decknamen „Rinascita-Scott“ zu: Im Dezember 2019 wurden 334 Mitglieder und Unterstützer der ’Ndrangheta-Clans aus der Provinz Vibo Valentia festgenommen. Bald darauf wanderten Dutzende weitere Mafiosi hinter Gitter oder in Hausarrest. „Wir haben die Führungsspitze der ’Ndrangheta von Vibo Valentia eliminiert“, erklärte Gratteri trocken.

Er ist der prominenteste Anti-Mafia-Staatsanwalt Italiens und bringt jedes Jahr Hunderte von Verdächtigen hinter Gitter. Gratteri war auch beteiligt an der Enttarnung und Zerschlagung von ’Ndrangheta-Zellen in der Schweiz und in Deutschland. Der Mafiajäger, der seit Jahren vor den Ablegern der Organisation im Ausland warnt, lebt gefährlich: Er steht ganz oben auf der Todesliste der Mafia und wird rund um die Uhr von einem Dutzend Personenschützern bewacht. „Dieser Prozess ist in vielerlei Hinsicht wichtig“, sagte er kurz vor dem Auftakt italienischen Medien. Es sei ein Zeichen, dass er in der Heimatregion der ‚Ndrangheta stattfinde. Und nicht etwa in der Hauptstadt Rom.

Die mächtigste Mafia Italiens

Schon vor dem Beginn des Prozesses werden Vergleiche zum sogenannten Maxi-Prozess gegen die sizilianische Cosa Nostra gezogen: Bei dem berühmten Verfahren waren 1987 mehrere Hundert Mafiosi in Palermo zu insgesamt 2665 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Der Superpate der Cosa Nostra, Totò Riina, übte danach Rache, indem er die Mafiajäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino mit ferngezündeten Bomben ermorden ließ. Aber letztlich hat sich die sizilianische Mafia nie mehr von dem Prozess erholt: Die ’Ndrangheta hat sie längst als mächtigste, brutalste und internationalste italienische Mafiaorganisation abgelöst.

Unter den Angeklagten in Lamezia Terme befinden sich wie einst in Palermo nicht nur Mafiosi, sondern auch zahlreiche Politiker, Geschäftsleute, Anwälte, Justizangestellte, Dorfpolizisten und ein Carabinieri-General. Sie alle haben laut Gratteri mit den Clans gemeinsame Sache gemacht.

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„Was mich bei den Ermittlungen am meisten überrascht hatte, war die Leichtigkeit, mit welcher die ’Ndrangheta die öffentliche Verwaltung, die Gerichte und damit den Staat als solchen unterwandern konnte“, betont Gratteri. So sei es den Clans gelungen, sogar an die Datenbanken der staatlichen Sicherheitsorgane zu gelangen.

Die zwei Schlüsselfiguren des Verfahrens sind Luigi Mancuso und Giancarlo Pittelli. Mancuso ist der Boss des gleichnamigen Clans der Kleinstadt Limbadi. Er gilt als „Kokainkönig“ Kalabriens und verfügt über beste Verbindungen zu den kolumbianischen Drogenkartellen und deren Todesschwadronen sowie zur Cosa Nostra, die bei der Verteilung der Drogen hilft. Allein mit dem Kokainhandel, bei dem sie weltweit die Nummer eins sind, verdienen die kalabrischen Clans jedes Jahr Dutzende von Milliarden Euro.

Eine kriminelle Symbiose

Der Rechtsanwalt Pittelli wiederum ist ehemaliger Abgeordneter und Senator der Berlusconi-Partei Forza Italia und in Politik und Wirtschaft bestens vernetzt. Mancuso und Pittelli sind von Ermittlern gefilmt worden, wie sie in Rom in feinen Restaurants dinierten und geschäftliche Dinge besprachen. Der Anklage zufolge ging es vor allem um Geldwäsche. Auch Regionalpolitiker der Linken stehen vor Gericht.

Die kriminelle Symbiose von Mafia, Politik, Wirtschaft und Freimaurerei sei möglich geworden, weil man die ’Ndrangheta lange unterschätzt habe, betont Gratteri: „Jahrzehntelang hielt sich der Mythos, dass dies eine Mafia aus einfachen Bauern, Hirten und vielleicht noch Entführern und Drogenhändlern war. Das war bequem für die Politik: Es wurde unterschlagen, dass die ’Ndrangheta auch wählen geht und wählen lässt.“ In Kalabrien sind die Stimmen der Mafia oft entscheidend – von den dank ihrer Unterstützung gewählten Politikern verlangen die Clans aber Gegenleistungen. Etwa in Form von öffentlichen Bauaufträgen oder Jobs in der Verwaltung.

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Auch die Wirtschaft ist untergraben: Bars, Restaurants und Hotels werden für Geldwäsche genutzt – überall in Italien. Breitgemacht hat sich die ’Ndrangheta aber besonders im Gesundheitswesen und in der Baubranche. Die Konkurrenz wird zur Zahlung von Schutzgeld gezwungen: Laut Gratteri entrichten allein in Kalabrien rund 40.000 Unternehmen den „pizzo“.

„Es geht der ’Ndrangheta nicht nur um das Materielle, um das Geld, sondern vor allem auch um die Demonstration ihrer Macht, um die Kontrolle des Territoriums“, betont die Anthropologin und Anti-Mafia-Aktivistin Chiara Tommasello aus Reggio Calabria. Die Mafia wolle sich an die Stelle des Staats setzen: „Sie strebt nach der absoluten und alles durchdringenden Autorität.“ Das Schutzgeld entspricht somit fast einer Steuer, die der Bürger abführen muss. Stellt sich jemand den Clans entgegen, setzen diese ihre Forderungen noch immer mit Einschüchterung und Gewalt durch.

Der Prozess in Lamezia Terme ist laut Staatsanwalt Nicola Gratteri „ein Meilenstein bei der Bekämpfung der ’Ndrangheta“. Ob er ebenso erfolgreich sein wird wie der Maxi-Prozess von Palermo gegen die Cosa Nostra, wird sich noch erweisen müssen. Auch Gratteri will sich nicht auf eine Prognose einlassen. Jeder Einzelne müsse seinen Beitrag dazu leisten, Kalabrien, „diese gemarterte Region“, von der mafiösen Kultur, vom Verschwiegenheitsgebot der Mafia und von der Illegalität zu befreien. „Ob Kalabrien den Neuanfang schafft, hängt vom Verhalten von uns allen ab. Es hat keinen Sinn, auf jemanden zu warten, der das für uns erledigt“, sagt der Staatsanwalt.

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Chiara Tommasello sieht dies ähnlich: „Es braucht einen grundlegenden kulturellen Wandel in Kalabrien.“ Im Laufe der Jahrzehnte habe die Vermischung von Politik und Mafia in der Bevölkerung ein tief sitzendes Misstrauen in den Staat bewirkt. Viele sind inzwischen überzeugt, dass es nur einen Weg gebe, einigermaßen in Frieden zu leben: sich mit den Zuständen abzufinden. „Gleichzeitig haben die Unfähigkeit und die Bestechlichkeit der politischen Führung Kalabrien zu einer der ärmsten und rückständigsten Regionen der EU gemacht“, betont die 33-Jährige. „Und genau diese Armut wiederum ermöglicht es der ’Ndrangheta, ihre Macht zu konsolidieren und sich als einzige Organisation zu präsentieren, die den vielen Arbeitslosen überhaupt noch einen Job verschaffen kann – und sei es nur in illegalen Tätigkeiten wie dem Drogenhandel oder der Schutzgelderpressung.“

Ob der von Gratteri und Tommasello erhoffte Kulturwandel eine Chance hat, werden die Regionalwahlen in Kalabrien am 11. April liefern: Neben vielen alten Gesichtern und Parteien des mafiösen Systems treten neue Bürgerlisten mit unverbrauchten Kandidatinnen und Kandidaten an. „Die Wahlen können zu einer großen Chance für Kalabrien werden – oder aber den Status quo auf dramatische Weise bestätigen“, glaubt Chiara Tommasello.

Von Dominik Straub/RND

Der Artikel "Prozess gegen Mafiaorganisation ’Ndrangheta: 440 Angeklagte, 900 Zeugen" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.