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Panorama Personenzüge konnten gerade noch bremsen
Mehr Welt Panorama Personenzüge konnten gerade noch bremsen
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20:15 01.07.2009
Die Staatsanwaltschaft in Italien ermittelt nach dem schweren Eisenbahnunglück von Viareggio. Quelle: afp
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Am Abend befanden sich noch rund zwei Dutzend Verletzte in auf Verbrennungen spezialisierten Krankenhäusern in ganz Italien. Viele von ihnen schwebten noch in Lebensgefahr.

Die Suche nach den Schuldigen am schwersten Eisenbahnunglück in Italien seit Jahren erweist sich derweil als kompliziert. Sicher scheint nur eines: „Dieses Inferno erfolgte nicht zufällig. Es war die Folge von präzisen Taten und Unterlassungen, die wir genauestens untersuchen werden“, sagte Staatsanwalt Beniamino Deidda. Er hat ein Strafverfahren gegen Unbekannt wegen Verursachen eines Eisenbahnunglücks und fahrlässiger Tötung eröffnet.

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Die ersten Ermittlungen haben bestätigt, dass das Inferno von einer gebrochenen Achse am vordersten von insgesamt 14 mit je 30 Kubikmetern Flüssiggas gefüllten Tankwaggons verursacht worden war. Der Waggon entgleiste kurz nach Passieren des Bahnhofs bei Tempo 90 und kippte um. Dabei riss er die nächsten vier Wagen mit aus den Schienen. Beim Umkippen wurde er aufgeschlitzt. Das unter hohem Druck stehende Flüssiggas konnte entweichen und entzündete sich. Vermutlich wurde die Explosion durch einen in der Nähe vorbeifahrenden Motorroller ausgelöst. Es bildete sich eine etwa 300 Meter lange und rund 200 Meter hohe Feuerwand. Zwei Lokführer von Personenzügen konnten gerade noch vor der Unglücksstelle bremsen und verhinderten dadurch eine noch größere Katastrophe.

Die Druckwelle und die anschließende Feuersbrunst zerstörten zwei Gebäude vollständig und machten zahlreiche weitere unbewohnbar. Der italienische Infrastrukturminister Altero Matteoli bestätigte gestern im Parlament in Rom, dass die mit der technischen Untersuchung beauftragten Experten an der gebrochenen Achse des explodierten Waggons Rost festgestellt haben. Im Zentrum der Abklärungen steht, wer am Unglückswagen welche technische Kontrollen hätte vornehmen müssen und dies unter Umständen nicht oder schlampig getan hat.

Alle 14 Wagen des Unglückszugs waren in Deutschland und Polen gemeldet und befinden sich im Besitz des Unternehmens Gatx Rail mit Hauptquartier in Wien. Dieses wiederum hatte die Wagen an die italienische Sarpom vermietet, die in Trecate, wo der Konvoi losgefahren war, eine Raffinerie unterhält. Die Sarpom wiederum engagierte für den eigentlichen Transport die FS Logistica, eine Tochter der italienischen Staatsbahn Trenitalia. Alle Beteiligten sind zu Sicherheitschecks verpflichtet, und es sei „wahrscheinlich, dass nicht alle diese Kontrollen mit der ausreichenden Sorgfalt durchgeführt worden sind“, sagte der italienische Sicherheitsexperte Carlo Vaghi gegenüber der Tageszeitung „Repubblica“.

Allein in der Toskana hatten sich in den vergangenen drei Wochen drei ähnliche Unfälle ereignet, bei denen allerdings keine Menschen zu Schaden gekommen waren. Die Gewerkschaften werfen der Regierung und der Bahnführung vor, sich einseitig auf den Ausbau des Hochgeschwindigkeitsnetzes zu konzentrieren und dabei die Pendlerzüge und die Gütertransporte zu vernachlässigen. Den Unmut bekam auch Ministerpräsident Silvio Berlusconi zu spüren, der beim Besuch der Unglücksstelle von einigen Hundert Anwohnern ausgepfiffen wurde.

von Dominik Straub