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Panorama Bis zu 2100 Tote: Prozess rollt Skandal um Schlankmacherpillen auf
Mehr Welt Panorama Bis zu 2100 Tote: Prozess rollt Skandal um Schlankmacherpillen auf
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19:53 23.09.2019
Rund zehn Jahre nach dem Verbot der Pillen des Pharmakonzerns Servier hat am Montag der Prozess begonnen. Quelle: Fred Tanneau/AFP/dpa
Paris

Lisa Boussinot erinnert sich noch genau an den 8. März 2004 – den Tag, an dem ihre Mutter Pascale starb. Weil sie Lärm in der Wohnung ihrer Eltern über sich hörte, ging sie nach oben: „Ich sehe meine Mutter, die nicht mehr atmen kann. Weißer und rosa Schaum kommt aus ihrer Nase und ihrem Mund. Mein Vater ruft in Panik den Notdienst an. Es dauert eine Viertelstunde, eine Viertelstunde größter Angst. Dann ist sie tot.“

Heute kennt Boussinot den Grund für das plötzliche Ableben ihrer Mutter, die eine dynamische Mathelehrerin von 51 Jahren war: Sie hatte eine Herzklappenerkrankung, die höchstwahrscheinlich mit der Einnahme des Medikaments „Mediator“ zusammenhing. Mit diesem Appetitzügler wollte sie ihr Übergewicht bekämpfen, doch von seinen gefährlichen Nebenwirkungen wusste die Patientin nicht. Ebenso wenig wie die anderen rund fünf Millionen Menschen, die die Diätpillen seit 1976 eingenommen hatten.

Erst 2009 wurde der fatale Zusammenhang zwischen dem „Mediator“ und dem Risiko einer Verdickung der Herzklappen bekannt – und damit einer der größten Gesundheitsskandale Frankreichs. Während dem „Mediator“-Hersteller Servier vorgeworfen wird, die Gefahren seines überaus erfolgreichen Medikaments bewusst verschleiert zu haben, steht die französische Arzneimittelbehörde (heute ANSM) unter dem Verdacht, jahrelang alle Warnungen übergangen zu haben; einige ihrer Experten standen in enger Verbindung mit dem Servier-Konzern.

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Prozess gegen 14 Angeklagte und elf Firmen

Am Montag begann in Paris ein Prozess gegen 14 angeklagte Personen und elf Firmen und Organisationen, bei dem dem Pharmahersteller unter anderem schwerer Betrug und der ANSM fahrlässige Tötung und Körperverletzung vorgeworfen werden. Konzerngründer Jacques Servier hingegen starb bereits 2014 im Alter von 92 Jahren. Vor seinem Tod stand er neben weiteren früheren Führungskräften seines Unternehmens aber noch vor Gericht in einem ersten Verfahren.

Der jetzige Prozess ist auf sechs Monate angesetzt, es gibt fast 4500 Zivilkläger und mehr als 120 Zeugen. Experten gehen in diversen Untersuchungen von 500 bis 2100 Toten infolge der Einnahme des „Mediator“ aus. Eigentlich für Diabetiker konzipiert, griffen überwiegend Frauen zu dem Medikament mit dem appetitzügelnden Wirkstoff Benfluorex, um abzunehmen. Der Anklage zufolge lieferte Servier bewusst „trügerische wissenschaftliche Informationen“. Dessen Anwälte widersprechen.

Während „Mediator“ in Deutschland nie zugelassen war, wurde das Medikament in Italien und Spanien schon vorher verboten; in Frankreich aber blieb es laut Justizbericht aufgrund der Passivität der Behörden sowie der „Unfähigkeit, eine echte effiziente Kontrolle zu leisten“, auf dem Markt.

Einschüchterungsversuche gegen Kritiker

Ein Arzt aus Marseille, der vor möglichen Risiken warnte, berichtet von Einschüchterungsversuchen; Beschwerden der nationalen Krankenversicherung wurden überhört, die die Kosten des Medikaments zu 65 Prozent erstattete, wenn es keine therapeutische Notwendigkeit gab.

Schließlich deckte die bretonische Lungenärztin Irène Frachon nach einer langwierigen Analyse mehrerer Fälle den Zusammenhang zwischen der Einnahme des Medikaments und Herz-Lungen-Problemen auf. „Ich konnte es nicht fassen, als ich die Interessenkonflikte zwischen der Welt der Medizin, der Verwaltung und der Politik sah“, sagt sie, die 2010 das Buch „Mediator, wie viele Tote?“ veröffentlicht hat.

Im Herbst 2009 wurde „Mediator“ in Frankreich gestoppt und sechs Monate später vom Markt genommen. Bis 30. August dieses Jahres hat Servier 3732 Personen eine Entschädigung in Höhe von insgesamt 164,4 Millionen Euro zugesagt und einen Großteil davon bereits überwiesen. Nach einer Entscheidung der Justiz fordert der Konzern, dass der französische Staat 30 Prozent davon übernimmt.

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Von Birgit Holzer/RND

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