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Panorama Pakistan: Gotteskrieger als Retter in der Not
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13:48 17.08.2010
„Die Regierung tut nichts für diese Leute, wir sind die Einzigen, die helfen“: Verzweifelte Flutopfer kämpfen um einen Sack Mehl. Quelle: ap, Grafik: dpa
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Der spindeldürre Mann wieselt mit schwungvollen Schritten durch eine schmale Gasse des Dorfes Kalabagh in Richtung Flussufer. Der pechschwarze, bis zur Mitte des Brustbeins reichende Vollbart des 31-jährigen Rabi teilt sich in der Brise des Windes, die vom Indus durch den steil abfallenden Hohlweg weht. Per Handschlag begrüßt er ein paar Männer, die mit bloßen Oberkörpern im Schatten einiger Weiden hocken. Vor ihnen rauschen die lehmigen Wassermassen vorbei, die der Indus Richtung Süden trägt; ein Fünftel Pakistans haben sie überschwemmt. Hinter ihnen türmen sich Haufen von Ziegelsteinen.

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Es sind die Reste der wackligen kleinen Häuser, in denen die Tagelöhner bis zur Überschwemmung am Rand des Dörfchens Kalabagh hausten – zermalmt zwischen dem steigenden Hochwasser des Flusses und dem Schlamm, der nach dem heftigen Monsunregen von den rotbraunen Steilwänden auf die Bewohner herunterrutschte.

Rabi ist gut bekannt in diesem Winkel am Kalabagh-Staudamm in Pakistans bevölkerungsreichster Provinz Punjab. Der 31-jährige Vizechef der islamistischen Gruppe Jamaat-ud-Dawa im Distrikt Mianwali war zusammen mit seinem Kollegen Hetmatullah seit Beginn der Katastrophe am 27. Juli fast jeden Tag in dem Elendsviertel am Rand des Dörfchens. Rabi und Hetmatullah leiten die lokale Sektion von Falah-e-Insaniyat (FIS), der Wohlfahrtsorganisation der Gruppe. Fast jeden Tag bringen ihre Helfer Reis, Koch­öl und Weizenmehl vorbei. Dort, wo die staatlichen Helfer nicht hinkommen.

Es ist Überlebenshilfe für die Tagelöhner, denen die Flut die Existenz raubte und die nun warten. „Wir wollen sicher sein, dass der Flusspegel weiter sinkt“, erklärt Munir Hussein, „wenn wir sicher sind, dass es trocken bleibt, bauen wir unsere Hütten wieder auf.“ Der stämmige Mann mit den schwieligen Händen will der Gefahr von Erdrutschen und neuen Hochwassern zum Trotz an der gleichen Stelle wieder bauen. „Wir haben keinen anderen Platz“, sagt Munir, „das gute, höher gelegene Land gehört dem Nawab, dem Großgrundbesitzer. Wir können nirgends sonst hinziehen.“

Rabi von Jamaat-ud-Dawa ergreift die Chance, die der Tagelöhner ihm da bietet. „Die Regierung tut nichts für diese Leute“, sagt er, „wir sind die Einzigen, die helfen.“ Der Punjab gilt als eines der wichtigsten Rekrutierungsgebiete für die pakistanischen und afghanischen Talibanmilizen. Viele Selbstmordattentäter stammen aus der Provinz. Einen ganzen Tag lang hat der 31-jährige Besitzer eines kleinen Ladens für Mobiltelefone in der Distrikthauptstadt Mianwali sich auf Anweisung seiner Oberen Zeit genommen, um dem Ausländer die Katastrophenhilfe der Islamisten vorzuführen.

Die Gruppe besitzt außerhalb Pakistans einen ziemlich schlechten Ruf. Denn unter dem Mantel von Jamaat-ud-Dawa fungiert nicht nur die Wohlfahrtsorganisation „Falah-e-Insaniyat“. Die 2008 verbotene islamistische Terrortruppe „Lashkar-e-Toiba“, die im November 2008 mit ihrer Bombenattentat im indischen Bombay weltweit bekannt wurde, gehört ebenfalls zu dem Verbund; außerdem zählen Koranschulen dazu, an denen im Punjab etwa 20 000 Studenten lernen.

„Für die Islamisten ist die Flut eine große Chance“, glaubt Kamal Siddiqi, Chefredakteur der Tageszeitung „Tribune Express“. „Sie können den Pakistanern nun zeigen: Seht her, wir greifen den Erzfeind Indien an, aber hier in Pakistan haben wir ein Herz für unsere Landsleute in Not.“

Rabi macht während der tagelangen Tour durch das Katastrophengebiet rund um Mianwali kein Geheimnis aus seiner politischen Haltung. „Bruder“, sagt er zur Begrüßung, „mach dir keine Sorgen. Ich bin stolz darauf, ein Dschihadi zu sein, ein Heiliger Krieger. Wir wehren uns und kämpfen um unser Recht, wenn wir attackiert werden. Aber wir respektieren, wenn du in Frieden kommst.“ Er nennt nur zwei Bedingungen: Er will seinen Nachnamen nicht nennen und nicht fotografiert werden. „Wir wollen keine persönliche Publizität“, sagt der Heilige Krieger, „es geht nur um die Hilfe.“ Aber die Organisation, die immer mit einem Bein im Untergrund steht, will so auch die Anonymität ihrer Anhänger schützen.

Auf dem Basar von Kalabagh stauen sich die Autos. Die pakistanischen Streitkräfte haben auf der Höhe des Hochwassers den nahegelegenen Jinnah-Damm gesprengt, auf dem die wichtigste Straßenverbindung von Kalabagh nach Mianwali verlief. Jetzt werden Autos und Busse im wechselnden Einbahnverkehr über eine 100 Jahre alte Holzbohlenbrücke geleitet, über die einst eine Schmalspureisenbahn führte.

Zwischen den wartenden Fahrzeugen steht ein kleiner Lastwagen voll Nahrungsmitteln. Sie stammen von Pakistanern aus der Stadt Faisabad, die in Privatinitiative Hilfe für Flutopfer gesammelt haben, und nun die Dörfer abklappern. Es ist die private Antwort auf das weitverbreitete Misstrauen, dass Pakistans korrupte Bürokratie gesammelte Spenden sowieso einfach verschwinden lassen würde. Aber es sieht nicht so aus, als ob die gut meinenden Helfer aus Faisabad ungeschoren über die Brücke kommen werden. An den Planken des Lastwagens hängen Menschentrauben. Sie strecken Hilfe suchend die Hände aus. Sie flehen um Essen und Wasser. Ein paar erschrockene Männer stehen mit Stöcken bewehrt auf der Ladefläche und versuchen, die Welle der Not zurückzudrängen.

Rabi schüttelt den Kopf. „Das hat keinen Zweck so“, sagt er, „niemand hat eine Kontrolle, wer etwas bekommt. Die meisten von denen sind Helikopter.“ So nennen Pakistaner die Profiteure, die die ergatterten Hilfsgüter auf dem Basar verscherbeln, den Profit in Haschisch anlegen und bekifft mit ausgebreiteten Armen versuchen, ihr Gleichgewicht zu halten.

„Um so etwas zu verhindern, registrieren wir die Hilfesuchenden, besuchen ihre Häuser und verteilen dann unsere Unterstützung von Haustür zu Haustür.“ Das bringt natürlich auch den Vorteil, mit der Adressenkartei bei der politischen Arbeit systematisch vorgehen zu können.

Rabi rasselt Zahlen herunter: 2000 Familien in Mianwali und Umgebung, so sagt er, versorgt seine Truppe. In Esakhel, wo die Flut immer noch weiter steigt, sollen 100 000 Menschen nur dank der Bemühungen von Jamaat-ud-Dawa überleben. Angesichts des kleinen Tischs mit zwei Dutzend Medikamenten, den die Islamisten rund 20 Kilometer außerhalb von Mianwali aufgestellt haben, kommen allerdings Zweifel an solchen enormen Zahlen auf. Der kleine Stand steht im Schatten Tausender Säcke voller Weizen, die die Behörden hier seit der letzten Ernte gestapelt haben. Der Monsun hat die riesigen Planen, die das Getreide schützen sollen, längst durchweicht. „Die Regierung lässt das alles verkommen“, schimpft Rabi, „während die Leute nach der Flut hungern.“

Abgeschnitten von der internationalen Hilfe ließ die Organisation sich unzählige Wege einfallen, um Mittel für ihre wohltätige Arbeit zusammenzutrommeln. Nachbarschaftsgruppen rufen bei Jamaat-ud-Dawa an und übergeben Spenden. Wenn es knapp wird, gehen die Mitglieder der Truppe von Haus zu Haus und betteln. In einer Plastiktasche trägt Rabi einen Haufen Quittungsblöcke, in denen säuberlich Barspenden eingetragen werden.

Ein anderer Vertreter seiner Organisation hatte am Anfang der Katastrophe noch erklärt, die Flutopfer und die Regierung in Islamabad sollten Hilfe von „Ungläubigen“ aus dem Westen ablehnen. Die Erklärung wurde kurz darauf fast wörtlich von den Taliban wiederholt. Rabi scheint aus der Vereinnahmung gelernt zu haben. „Wir würden Unterstützung von jedem annehmen“, sagt er jetzt gewandt.

Und dann fehlen ihm erstmals an diesem Tag die Worte. Eher zufällig ist er in dem Dorf Purani Mari gelandet. Im Zentrum bietet sich ein Bild der Verwüstung. Die Hauptstraße steht metertief unter Wasser. Die Häuserwände aus Lehm und Ziegeln fallen plötzlich zusammen. Stinkender, knietiefer Schlamm liegt wie ein dunkles Leichentuch über dem Dorf. Der weißhaarige Sarafaraz zeigt das Grundstück, auf dem er mit elf Verwandten lebte. „Es wird Jahre dauern, bis wir wieder einigermaßen auf dem Damm sein werden“, sagt er und wischt sich eine Träne aus dem wettergegerbten Gesicht.

Willi Germund, HAZ-Korrespondent 
für Südostasien, berichtet aus Pakistan.

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