Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Notruf der „Tafeln“: Das traurige Ritual
Mehr Welt Panorama Notruf der „Tafeln“: Das traurige Ritual
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:23 19.09.2019
1,65 Millionen Menschen nutzen inzwischen die Tafeln in Deutschland. Quelle: Frank Leonhardt/dpa

Es ist ein deprimierendes Ritual, das sich alljährlich in Berlin wiederholt: Die „Tafeln“ bitten zur Pressekonferenz und melden einen neuen Rekord. Zehn Prozent mehr Menschen haben sich im vergangenen Jahr in die Schlangen vor den Ausgabestellen eingereiht und sich Obst, Gemüse und Brot abgeholt. Bei den Senioren ist es sogar ein Plus von 20 Prozent. 1,65 Millionen Menschen in Deutschland ernähren sich inzwischen von den Lebensmittelspenden, ein Drittel davon sind Kinder und Jugendliche. Es braucht schon ein gehöriges Maß an Gleichgültigkeit, um diese Zahlen achselzuckend zur Kenntnis zu nehmen.

Nun erzählen diese Zahlen nicht eins zu eins von der steigenden Armut im Land. Dass die Zahl der Tafelnutzer steigt, hat viele Gründe. Einer ist, dass das Stigma, sich als Tafelnutzer zu bekennen, kleiner geworden ist. Es ist normaler geworden, zu den Tafeln zu gehen – die Scham hält weniger Menschen davon ab als früher. Ein anderer Grund ist die engagierte Arbeit, die die Zehntausenden ehrenamtlichen Helfer der Tafeln leisten. Wer sich einmal angesehen hat, wie die Mitarbeiter planvoll Supermärkte und andere Spender anfahren und nach welchen oft ausgeklügelten Systemen die Ausgabe erfolgt, dem wird klar, welchen Grad der Professionalisierung die Tafelbewegung inzwischen erreicht hat.

Der Staat ist fein raus

Doch genau in dieser Professionalisierung liegt eben auch ein Problem. Vom Zusatzangebot für besonders Bedürftige sind die Tafeln zur Regelversorgung geworden. Längst weisen Jobcenter ihre Klienten auf die Ausgabestellen hin, wenn die ihnen berichten, dass sie mit den Hartz-IV-Sätzen nicht hinkommen. Zur Tafel zu gehen, das ist für viele ältere oder kinderreiche Bezieher von Grundsicherung und Arbeitslosengeld II längst Teil des Alltags geworden. Das heißt nicht notwendig, dass sie sonst Hunger leiden würden (was ein häufiges Missverständnis ist), aber dass sie das Geld, das sie durch die Gratislebensmittel sparen, angesichts der dürftigen Hartz-IV-Sätze dringend für andere Dinge brauchen und die Hilfe sie auf diese Weise entlastet.

Der Staat ist auf diese Weise fein raus. Er hat ein Zusatzangebot, das sich selbst organisiert und finanziert und Lücken stopft, die er selbst bewusst offen lässt. Der Staat kann sich auf die Tafeln verlassen – nur müssten die sich eigentlich fast zu schade dafür sein, als Ausputzer eines löchrigen Systems zu dienen. Es ist insofern durchaus konsequent, dass der Tafel-Chef jetzt staatliche Hilfe anmahnt. Und wenn es nicht so zynisch wäre, dann wäre es sicher auch interessant, wenn die Tafeln mal für einen Monat ihre Arbeit einstellen würden, falls der Staat diese Hilfe nicht gewährt. Falls es noch irgendjemanden gibt, der sich seiner Rolle und Funktion für viele Ärmere in dieser Gesellschaft nicht bewusst ist, dann wäre es für denjenigen sicher eine lehrreiche Zeit.

Von Thorsten Fuchs/RND

Im US-Bundesstaat Ohio fuhren zwei Männer betrunken mit ihrer Kutsche durch eine Ortschaft. Die Polizisten konnten nur noch die leere Kutsche untersuchen – und fanden noch Beweismaterial.

18.09.2019

Wo ist Hui Buh am besten aufgehoben? Der emotionale Streit um einen kleinen Zwergziegenbock hat am Mittwoch das Verwaltungsgericht München beschäftigt. Nach dem Urteil gab es Tränen.

18.09.2019

Blaues Wasser, ein Surfer und plötzlich: ein Hai! Ein Australier reagiert schnell, als seine Drohnenbilder einen tödlichen Angriff nahelegen. Auf Twitter wird er jetzt als Lebensretter gefeiert.

18.09.2019