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Panorama New Orleans vertraut auf Gott – und den Wind
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20:34 06.05.2010
„Wenn du Nachrichten hörst, denkst du: Gleich kommt der Weltuntergang“: Noch läuft das Geschäft mit Garnelen und Fisch im Mississippi-Delta. Quelle: dpa
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Wieder ein Tag mit roten Zahlen. Dabei ist gar nichts Besonderes geschehen. Das Öl schwimmt immer noch weit draußen im Golf von Mexiko. Eine riesige Ölsuppe, die in allen Regenbogenfarben schillert, wenn das Licht im richtigen Winkel darauf fällt, oder, wenn es stürmt und regnet, als dicker brauner Schmier auf den Wellen liegt. Aber das Öl schwimmt eben immer noch weit draußen, im Golf von Mexiko. Die Fischer im Mississippi-Delta haben noch nichts davon gesehen. Die „größte Ölpest aller Zeiten“? Die „schlimmste Katastrophe seit Hurrikan ,Katrina‘“? Das „Aus für die Fischereiwirtschaft des Südens“? Wissenschaftler, Politiker, Ölfirmen, Umweltschützer debattieren sich die Köpfe heiß – New Orleans, die ewig bedrohte Stadt am Ufer des Deltas, wartet ab. Man wird auch mit dieser Bedrohung fertig werden.

In Venice, dem äußersten Außenposten von New Orleans, warten die Fischer vor allem auf besseres Wetter. Der sintflutartige Regen ist nämlich daran schuld, dass die Angeltouristen an diesem Tag in ihren Herbergen bleiben. Aber die Touristen gilt es glücklich zu machen. Der Charter-Fischer Shane Mayfield hat seine Stammkunden aus Oklahoma mühsam davon überzeugt, ihre Ferien nicht abzusagen. Er hat ihnen versprochen, dass es trotz des Fischereiverbotes wegen der Ölpest in einigen Regionen noch große, reiche Fanggründe gibt.

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„Wissen Sie, was mir mehr Angst macht als das Öl? Die Katastrophenmeldungen, die überall kursieren“, sagt Mayfield. Als Umweltberater hat er gearbeitet, bevor er ins Geschäft mit der Sportfischerei einstieg. „Die meisten Leute können doch die genaue Lage der Ölsperrzone gar nicht einordnen. Die denken dann halt, alles ist verschmutzt.“ Obwohl nicht sicher ist, wann und ob das Öl die Seitenarme im Westen des Deltas erreicht, haben manche seiner Kunden bereits alle Angeltouren im Mai und Juni storniert. Die anderen Kapitäne nicken. „Wenn du zurzeit Nachrichten hörst, dann denkst du: Gleich kommt der Weltuntergang“, stöhnt Mayfields Kollege Larry Averitt.

Wer von dem halben Dutzend Fischern hier im Ort Klagen über die Ölindustrie erwartet, die schließlich für die Katastrophe verantwortlich ist, der wird überrascht. Jeder hier hat Freunde oder Verwandte, die in der Branche arbeiten.

Schon auf den ersten Kilometern der Straße, die von New Orleans bis fast ans Ende des Deltas führt, riecht es nach Petroleum. Doch es dünstet nicht aus dem Meer, in das seit der Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ am 21.  April täglich 800.000 Liter Rohöl fließen, sondern aus einer der großen Ölraffinerien entlang dem Fluss. Die Fernsehkameras, die in Erwartung der Katastrophe am Pier von Venice dutzendfach aufgebaut worden sind, haben idyllisches Meeresgrün im Visier – und hässliche Öltanks im Rücken. Das amerikanische Klein-Venedig hat nichts gemein mit seinem europäischen Namensgeber.

Natur und Mensch, Jäger und Naturschützer, Fischer und Ölsucher müssen sich in dem 2500-Seelen-Ort an der Mündung des Mississippis seit eh und je miteinander arrangieren. Für Naturromantiker ist kein Platz. Entlang der Hauptstraße stehen immer noch die Skelette der Läden und Wohnhäuser, die 2005 vom Hurrikan „Katrina“ zerfetzt wurden. Im flachen Wasser verrotten gekenterte Boote, die von ihren Eigentümern nie geborgen wurden. Die Touristen, die ans Ende der Straße finden, suchen keine unberührte Natur, sie wollen möglichst viele und große Fische aus dem Wasser ziehen.

Schönreden will der Charter-Fischer Mayfield die Ölverschmutzung nicht. „Die Regierung muss unsere Einnahmeausfälle erstatten.“ Doch Jammern ist nicht seine Sache. „Außer wenn du mir sagst, dass BP mir fünf Millionen Dollar zahlt, wenn ich nur laut genug klage – dann mache ich das sofort“, sagt er. Seine Zuhörer lachen.

Nach Tagen voller Hiobsbotschaften hat sich die Lage wenigstens nicht weiter zugespitzt. BP meldet erste Erfolge beim Versuch, das ausströmende Öl unter Wasser in großen Kuppeln einzufangen. Die Meteorologen sagen für die kommenden Tage günstige Winde voraus. Lastwagenkonvois bringen Tonnen künstlicher Ölbarrieren zum Delta. Tausende von Freiwilligen haben sich bereits in Listen für die Aufräumarbeiten eingetragen. Und ein paar Hundert Gefängnisinsassen sind zum Einsatz an den bedrohten Stränden abgeordnet worden.

Die Rettung ölverschmutzter Vögel steht bei den meisten Freiwilligen ganz oben auf der Wunschliste. Shane Granfield, ein Biologe der Wild- und Fischereiverwaltung des Bundesstaates Louisiana, formuliert seine Meinung dazu eher vorsichtig. „Wenn Sie mich fragen, geht es eher um Lebensräume als um die Rettung einzelner Tiere“, sagt er: „Ich weiß, da war im Fernsehen überall dieser eine ölverschmutzte Basstölpel zu sehen – der berühmteste Vogel der USA.“ Seither sei ihm kein weiterer Fall berichtet worden. „Das war die gefiederte Britney Spears“, ruft aus dem Hintergrund ein Kollege in Anspielung auf eine der größten Skandalnudeln der USA, die aus dem Nichts Schlagzeilen produziert.

Die Lage sei dennoch ernst, sagt Granfield, besonders für große Vögel wie die Pelikane. Immerhin sind erste Ausläufer des Ölteppichs in der Nähe von Chandelier Island gesichtet worden, einem unbewohnten Vogelschutzgebiet des Deltas. „Aber wenn ich ganz ehrlich bin, haben wir es hier noch relativ gut. Dadurch, dass der Mississippi überall durchfließt, hat die Natur eine große Selbstreinigungskraft.“ Wenn der Ölfluss gestoppt sei, werde sich die Natur selbst helfen.

„Wir haben hier draußen im Golf schon seit Jahrzehnten Tausende von Bohrinseln – und nie ist etwas passiert“, sagt der Fischer Larry Averitt: „Ohne Öl läuft doch nichts. Ohne das gibt es kein Auto, kein Hemd, keinen Plastikeimer.“ Sein Kollege Ross Barkhurst urteilt zurückhaltender: „Du weißt nicht, was noch kommt. Einmal hieß es, das Öl kommt zu uns, weil der Wind zur Küste bläst. Und was ist passiert? Gar nichts. Vielleicht kommt das Öl aber plötzlich, wenn sich der Wind dreht.“

An der Anlegestelle fragt ein Mann vom örtlichen Fischerverband nach Männern, die BP als ortskundige Lotsen dabei helfen sollen, weitere Ölsperren in einen Seitenarm des Mississippis zu legen.

Soll Barkhurst sich in den nächsten Wochen vom Ölkonzern anheuern lassen – und seinen letzten treuen Angelgästen absagen? Solche existenziellen Entscheidungen gehören in Venice zum Alltag. „Kurz bevor ,Katrina‘ kam, habe ich meine Boote in Sicherheit gebracht“, sagt Shane Mayfield. „Nach dem Hurrikan konnte ich deshalb die besten Fänge meines Lebens machen.“ Viele Konkurrenten hatte es buchstäblich hinweggefegt. In den herumschwimmenden Trümmern hätten die Fische gelaicht wie noch nie.

Die manchmal paradoxen Folgen des Desasters des Jahres 2005 sind auch 120 Kilometer östlich von New Orleans zu besichtigen. Dort erstrecken sich im Bundesstaat Mississippi endlose Strände, die von der Ölpest bedroht sind. Doch den Sand gibt es erst seit 2008 – die Aufschüttung war nur möglich, weil „Katrina“ alle Gebäude zu Kleinholz gemacht hatte.

Der Elektrotechniker Mark Coots, der wenige Meter weiter auf dem erst zwei Monate alten nagelneuen Fischerpier seine Angel einholt, zeigt mit einer weit ausholenden Armbewegung die Küstenlinie entlang. „Überall hier stand vor ,Katrina‘ ein Haus, ein Supermarkt, ein Schnellimbiss neben dem anderen“, sagt er. Die Häuser sind verschwunden, aber die alten, sturmzerzausten Bäume stehen immer noch und bilden entlang der mit Bänken verschönerten Promenade ein imposantes Spalier. „Gegen das, was ,Katrina‘ hier angerichtet hat, ist das Öl doch gar nichts. Und das tiefblaue Meer von Florida gab es hier sowieso nie“, sagt Coots mit fast beängstigendem Fatalismus.

Viele in der gebeutelten Region teilen diese nüchterne Sichtweise. Und die, die es nicht tun? Die setzen auf höhere Mächte. Vielleicht sei ja der liebe Gott zur Abwechslung mal auf ihrer Seite, sagen sie. Und in jedem Gespräch ist, fast beschwörend, zu hören: „Diesmal weht der Wind das Öl von uns weg. Ganz bestimmt.“

Andreas Geldner

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