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Panorama Neue Träume, 40 Jahre nach der Mondlandung
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22:18 17.07.2009
Buzz Aldrin ließ sich von Neil Armstrong vor dem Sternenbanner ablichten. Quelle: NASA/afp
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Der Andrang ist groß, die Stimmung patriotisch. Erst weiter hinten, in einer Ecke des Washingtoner Raumfahrtmuseums, dort, wo es zu den Imbisstresen von McDonald’s geht, kann man das Modell der berühmten Mondfähre bestaunen. Eine Art Roboter auf Spinnenbeinen, sieben Meter hoch und 3920 Kilogramm schwer. Aus einem Lautsprecher schallt die Stimme Neil Armstrongs. „That’s one small step for (a) man, one giant leap for mankind.” (Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer Sprung für die Menschheit.) Worte, die zwischen Miami und Seattle jedes Schulkind auswendig lernt.

Man schreibt den 20. Juli 1969, 21.56 Uhr nach der bei der Nasa in Houston geltenden Zeit, Central Standard Time, CST. In Europa dämmert bereits der nächste Morgen, 600 Millionen Menschen, ein Fünftel der Weltbevölkerung, sitzen wie gebannt vor ihren Fernsehschirmen. Armstrong klettert die schmale Leiter der Raumfähre hinab, bevor ihm sein Kollege Edwin „Buzz“ Aldrin folgt. Die Füße des Kommandanten berühren den pulverweichen Mondboden, dessen Konsistenz er mit Holzkohlenasche vergleicht. Dann der legendäre Spruch und der wie schwerelose Sprung.

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Auf der Erde sind sie überrascht, wie poetisch der große Schweiger auf einmal sein kann. „Sonst ist ein Ja oder ein Nein für ihn schon eine große Unterhaltung“, zitiert der Buchautor Craig Nelson einen Nasa-Techniker. Armstrongs Sohn Rick sagte es noch flapsiger: „Normalerweise antwortet Dad gar nicht, wenn du ihn etwas fragst.“ Am 16. Juli war die 110 Meter hohe Saturn V – konstruiert von Wernher von Braun, dem einstigen Raketenbauer Adolf Hitlers – in Cape Kennedy in Florida gestartet, um das Raumschiff Apollo 11 ins All zu bringen. An allen folgenden Tagen berichten die amerikanischen Abendnachrichten von Ehepaaren, die ihre Babys spontan Apollo taufen.

Die Moskauer „Prawda“ bezeichnet Armstrong als „Zaren des Schiffs“. Michael Collins, der dritte Mann an Bord, findet es so amüsant, dass er den Boss nur noch als Zaren ansprechen möchte (da das nicht auf Gegenliebe stößt, lässt er es bald). Am 20. Juli, um 13.47 Uhr CST, meldet die Besatzung ans texanische Hauptquartier: „Der Adler hat Flügel.“ Später folgen die entscheidenden, befreienden Worte. „Der Adler ist gelandet“, „The Eagle has landed“ im Originalton.

Gemeint ist die spinnenbeinige Raumfähre, die das letzte Stück zurücklegt, von der Apollo-Kapsel zur Mondoberfläche. Die legendären Sätze verraten freilich nichts von den Dramen, die sich hinter den Kulissen abspielen. Während des kurzen Anflugs meldet ein Computer Alarm; alle beschließen, es zu ignorieren. Nach der ursprünglichen Regie soll Armstrong auf dem ebenen Terrain des „Meeres der Ruhe“ landen, doch der Autopilot lässt ihn übers Ziel hinausschießen.

Er muss improvisieren, länger dahinschweben als geplant, will er nicht inmitten gefährlicher Felsbrocken Schaden riskieren. Der Sprit geht zur Neige, in Houston raunt Chefkontrolleur Gene Kranz einem Assistenten nervös zu: „Erinnere ihn daran, dass es auf dem Mond keine verdammten Tankstellen gibt.“ 16 Sekunden bevor ihm der Sprit für die Landephase ausgeht, berührt das Fluggerät endlich den Boden. Auf einer Plakette, die die beiden Pioniere enthüllen, steht zu lesen: „Wir kamen in Frieden für die ganze Menschheit.“ Die Flagge, die sie aufpflanzen, ist dann doch nicht das zarte Blau der Vereinten Nationen, wie einige es vorgeschlagen hatten.

Es ist das Sternenbanner. Vorausgegangen war eine lange Debatte im amerikanischen Parlament, wo man Pro und Contra abwog, darunter UN-Resolutionen, die territoriale Eroberungen im All untersagen. Am Ende entschieden die Abgeordneten, „die Fahne der Vereinigten Staaten und keine andere“ hissen zu lassen. Man sah es als „symbolische Geste nationalen Stolzes“, nicht als Signal, dass sich Amerika kosmisches Terrain aneignen wolle. Als Armstrong und Aldrin auf dem Mond spazieren, lässt sich Richard Nixon aus dem Oval Office zu ihnen schalten. „Hello, Neil und Buzz“, beginnt er und schwärmt: „Für jeden Amerikaner muss dies der stolzeste Tag seines Lebens sein.“

Weniger bekannt ist, dass noch ein zweites Redemanuskript in Nixons Schublade liegt. „Im Falle eines Monddesasters“, so der Titel, wollte der Präsident sagen, dass das Schicksal Armstrong und Aldrin dazu bestimmte, für immer auf dem Erdtrabanten zu bleiben. „Diese tapferen Männer wissen, dass es keine Hoffnung mehr gibt, sie zu bergen. Aber sie wissen auch, dass in ihrem Opfer Hoffnung für die Menschheit liegt.“

Erst in den neunziger Jahren wurde die Reserveansprache publik. 1969 ahnten wohl nur die wenigsten, dass es sie gab. „Es war atemberaubend“, erinnert sich Dr. Allan Needell, Direktor des Raumfahrtmuseums in Washington. Auf der einen Seite ein Land voller Spannungen, gespalten wegen des Vietnamkriegs und der Rassenunruhen nach dem Mord an Martin Luther King. Auf der anderen dieser technische Triumph. „Apollo 11 ließ manches vergessen, was es an Zank und Konflikten gab. Es herrschte das Gefühl, dass der Mensch etwas Großes erreicht hatte.“

Und: Die USA hatten den Wettlauf zum Mond gewonnen. Sie waren schneller als die UdSSR, der große Rivale, der die Nase lange vorn hatte. Auch daran erinnern sie im Space Museum, dem Weltraummuseum, wo neben amerikanischen auch sowjetische Raketen aufragen. Dass es ohne die erbitterte Konkurrenz des Kalten Krieges keine Apollo-Mission gegeben hätte, jedenfalls nicht so schnell. Dass schlicht das Motiv gefehlt hätte.

Den letzten Anstoß gibt der 12. April 1961. Juri Gagarin umkreist als erster Mensch im Kosmos die Erde. Im Weißen Haus stellt John F. Kennedy, der neue Hoffnungsträger, in kleiner Beraterrunde bohrende, ungeduldige Fragen. „Gibt es irgendein Feld, wo wir sie abfangen können? Können wir vor ihnen um den Mond fliegen? Können wir einen Mann zum Mond bringen, bevor sie es tun?“ Jemand möge ihm bitte verraten, wie man die Russen einhole, es gebe nichts Wichtigeres.

Am 25. Mai stellt sich Kennedy vor beide Häuser des Kongresses und steckt den Zeitrahmen ab. Er glaube, dass sich die Nation das Ziel setzen solle, einen Menschen auf dem Mond landen zu lassen und ihn sicher zur Erde zurückzubringen, „bevor diese Dekade zu Ende geht“. JFK nennt eine astronomische Summe, 40 Milliarden Dollar für zivile und militärische Komponenten des Raumfahrtprogramms.

Und er sagt den unvergesslichen Satz: „Wir haben uns entschieden zum Mond zu fahren – nicht, weil es leicht ist, sondern weil es schwierig ist.“ In Wahrheit ist sein Enthusiasmus gespielt, er empfindet das Vorhaben eher als Last. „Könnt ihr Burschen nicht ein Wettrennen erfinden, dass hier auf der Erde etwas Gutes bewirkt?“, fragt er hinter den Kulissen, stöhnt über die horrenden Kosten und merkt an, dass ihn der Weltraum eigentlich nicht so sehr interessiere.

Lyndon B. Johnson, sein Vize, ist die treibende Kraft, auch später, als er nach dem Mord an Kennedy das Ruder übernimmt. Rigoros bürstet der bullige Politiker die Kritiker ab. „Hätten Sie es lieber, dass wir ein Land zweiter Klasse werden? Oder sollten wir lieber ein bisschen Geld ausgeben?“

von Frank Herrmann