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Panorama Napoléon-Jubiläum: Großer Staatsmann oder Diktator?
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07:30 05.05.2021
Eine Napoleon-Skulpur im Ehrenhof des Hôtel des Invalides in Paris.
Eine Napoleon-Skulpur im Ehrenhof des Hôtel des Invalides in Paris. Quelle: Christian Böhmer/dpa
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Paris

Noch heute ist Napoléon Bonaparte eine der beliebtesten historischen Figuren der Franzosen – er liegt bei Umfragen auf Platz zwei, gleich hinter dem ehemaligen Präsidenten General Charles de Gaulle. Schriftsteller haben ihn als „großen Mann“ und „Propheten der Moderne“ bezeichnet. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es den sogenannten Bonapartismus, eine Denkrichtung, die sich für einen sehr starken Zentralstaat nach dem napoleonischen Modell ausspricht. Doch spätestens seit Ende der 1960er-Jahre ist das Image des ehemaligen Kaisers auch von Kritik gekennzeichnet – genauso wie die staatlichen Gedenkfeiern, die an diesem Mittwoch stattfinden.

Napoléon wurde 1769 auf Korsika geboren. 1785 schloss er sich der französischen Armee an und stieg 1793, vier Jahre nach der Revolution, zum General auf. In einem Staatsstreich 1799 wurde er zum Ersten Konsul, 1804 dann zum Kaiser. Als Feldheer unterwarf er zeitweise große Teile Kontinentaleuropas. Noch heute wird er auch wegen seines innenpolitischen Vermächtnisses verehrt. Der Staatschef schuf durch Reformen die Strukturen, auf denen der französische Staat noch heute basiert: Durch den Code Civil garantierte er den Bürgern Grundrechte, inspirierte zudem andere europäische Länder dazu, ein Zivilrecht zu etablieren. Er reorganisierte die französische Verwaltung, gründete Frankreichs Zentralbank und führte den Franc ein. Napoléon rief auch das Oberste Verwaltungsgericht ins Leben und etablierte Frankreichs Gymnasien.

Napoléon Bonaparte: ein Bild der Kontraste

Doch spätestens seit 1969, als Frankreich das zweihundertjährige Jubiläum seiner Geburt feierte, werde Napoléons schillerndes Image zunehmend von Kritik überschattet, erklärte der Historiker Charles Éloi-Vial gegenüber dem Sender France 24: „Seitdem sieht man ihn nicht mehr nur als allwissendes und unbesiegbares Genie, sondern als vielschichtige Persönlichkeit“, sagte er. Denn seine Herrschaft hatte verheerende Auswirkungen: Hunderttausende Menschen starben während seiner Feldzüge. Er beanspruchte die Alleinherrschaft, war als Despot bekannt. 1802 führte er die Sklaverei wieder ein, obwohl man sie 1794 abgeschafft hatte. Er gilt als Frauenfeind – seine Gattin Josephine de Beauharnais verließ er, weil sie ihm keinen Erben schenken konnte. Er etablierte, dass Frauen eine „eheliche Verpflichtung“ hätten, mit ihrem Mann zu schlafen. Sie seien dem Mann unterworfen, und der Mann habe das Recht, sie zu töten, wenn er sie beim Fremdgehen erwische.

Der französische Kaiser Napoleon I. auf einem undatierten, zeitgenössischen Stich. Quelle: --/dpa

Ein Bild der Kontraste. Dennoch wird Präsident Emmanuel Macron das Jubiläum mit einer Zeremonie begehen, unter anderem am Grab Napoléons im Pariser Invalidendom. Die Regierung begründet dies mit dem Hinweis, Napoléon sei in jedem Fall „eine der großen Figuren der französischen Geschichte“. Doch dieser unkritische Ansatz gefällt nicht jedem. Alexis Corbière, Parlamentarier der linksextremen Partei LFI, bezeichnet Napoléon etwa als „Totengräber der Republik“, die man nach der Revolution etabliert hatte. Andere nennen ihn „Tyrann“ und „Völkermörder“. Solche Kritik dringe inzwischen auch zur breiten Masse der Franzosen durch, meint Éloi-Vial – vor allem, weil man in den Archiven immer mehr Details zu seinem Leben auftue.

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Napoléon bis zum Lebensende auf St. Helena verbannt

Wenig ruhmreich war in jedem Fall das Ende Napoléons. 1814 musste er nach einer militärischen Niederlage gegen eine Koalition von Großbritannien, Russland, Preußen und Österreich abdanken und wurde auf die Mittelmeerinsel Elba verbannt. 1815 kam er kurzzeitig erneut an die Macht. Seine zweite Herrschaft währte nur knapp 100 Tage: Nachdem Napoléons Heer gegen die englische und preußische Armee die Schlacht bei Waterloo, das jetzt in Belgien liegt, verloren hatte, musste er erneut abdanken. Man verbannte ihn bis zu seinem Lebensende 1821 auf die britische Insel St. Helena.

Von Lisa Louis/RND

Der Artikel "Napoléon-Jubiläum: Großer Staatsmann oder Diktator?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.