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Panorama Nachmieter findet Datenträger in der Wohnung des „Maskenmannes“
Mehr Welt Panorama Nachmieter findet Datenträger in der Wohnung des „Maskenmannes“
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20:33 16.11.2011
Von Wiebke Ramm
Nachmieter findet Datenträger in der früheren Wohnung des „Maskenmannes“ Martin N. Quelle: dpa
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Stade

Es gibt noch einige Rätsel im Leben des Maskenmannes. Es war gegen 16 Uhr, kurz vor Ende des vierten Prozesstages, da merkte der Staatsanwalt am Mittwoch vor dem Landgericht Stade an, dass er noch etwas zu verkünden habe. Der Nachmieter, der jetzt in der Wohnung von Martin N. in Hamburg-Harburg lebt, habe vor wenigen Tagen fünf Datenträger gefunden. Gut versteckt im Fettfilter der Dunstabzugshaube in der Küche. Drei Festplatten, ein USB-Stick und eine CD.

Auf der CD sei nur Musik. Zumindest auf den ersten Blick, sagt der Staatsanwalt. Auf dem USB-Stick sollen sich gefälschte Zeugnisse befinden, die der wegen dreifachen Mordes und vielfachen Missbrauchs angeklagte Martin N. sich selbst ausgestellt habe. Was sich auf den Festplatten befindet, müssen nun die Spezialisten vom Landeskriminalamt Hannover herausfinden. Die Festplatten sind verschlüsselt. Und Martin N. scheint versiert darin zu sein, seine Rechner zu sichern. Bereits seit Monaten versuchen die Ermittler, das Passwort eines anderen Computers des 40-Jährigen zu knacken.

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Immerhin 30.000 Fotos haben sie sichern können. Ein Beamter der Soko „Dennis“ berichtete am Mittwoch, wie er sie sich alle ansah. Darunter „sehr merkwürdige Bilder“ von etwa acht bis zehn Jahre alten Jungen, „die wie tot im Sand liegen“. „Ich kann es nicht deuten, ob diese Menschen nur gespielt haben oder ...“ Der Kriminalbeamte beendet den Satz nicht. Der Staatsanwalt begutachtet einige Bilder, tippt auf eines. „Das ist komisch“, sagt er. Er tippt aufs nächste. „Und das ist sehr komisch.“ Der Polizist sagt, er habe schon viele Leichen gesehen, aber ob diese Kinder leben oder nicht, könne er nicht sagen. Martin N. starrt auf den Tisch vor sich.

Dennis R. jedenfalls hat die Begegnung mit Martin N. nicht überlebt. Ein paar unbeschwerte Tage in einem Ferienhaus in Dänemark sollen es gewesen sein, die der Achtjährige mit Martin N. verbracht haben soll – „fast wie Vater und Sohn“. So hatte N. die letzten Tage im Leben von Dennis bei seiner polizeilichen Vernehmung geschildert.

Am Mittwoch wurde vor Gericht das Protokoll verlesen. Dennis hätte die Reise als „Abenteuer“ erlebt und „total genossen“, sagte er. Doch irgendwann sei ihm klar geworden, dass er den Jungen ja nicht einfach zurückbringen könne. Dennis habe im Ferienhaus auf dem Fußboden gespielt, Martin N. habe ihm von hinten die Hände um den Hals gelegt und zugedrückt. Dann habe er die Leiche entkleidet und das tote Kind noch am selben Tag an einer Düne vergraben.

Michael R., der Vater des Kindes, blickt Martin N. an. Er fixiert ihn geradezu. Sein linkes Bein zuckt unkontrolliert. Er glaubt Martin N. kein Wort. „Dennis ist ein aufgewecktes Kind“, sagte der 52-Jährige aus Nordrhein-Westfalen am Mittwoch dem Gericht: „Aber er ist ein Angsthase, was nachts betrifft.“ Niemals wäre er mit einem maskierten Fremden nach Dänemark gefahren, der ihn nachts aus dem Schlaf reißt. Sein Anwalt sieht noch weitere Ungereimtheiten in der Aussage von Martin N.

In der Nacht zum 24. Juli 1995 war Dennis aus dem Zeltlager in Selker Noor bei Schleswig verschwunden. Zwei Wochen später entdeckten Spaziergänger mehr als 200 Kilometer entfernt in Dänemark eine Hand, die aus einer Düne ragte. Laut Gerichtsmedizin war Dennis, als seine Leiche gefunden wurde, tatsächlich seit mindestens zwei Wochen tot. Doch Spuren an seinem Körper deuten laut Gutachten darauf hin, dass die Leiche, anders als von N. dargestellt, zwischendurch an einem anderen Ort gelegen hat.

Michael R. ist kurzzeitig selbst in den Fokus der Ermittlungen um den Mord an seinem Sohn geraten. Er will vor Gericht loswerden, wie sehr ihn das belastet hat. Seine Formulierungen sind holprig. Immer wieder blickt er auf den Angeklagten, der keine zehn Meter neben ihm sitzt. „Jetzt haben Sie den mutmaßlichen Täter statt mich“, sagt er schließlich. Martin N. erwidert seinen Blick nicht.

Martin N. behauptete in der Vernehmung bei der Polizei, er habe nach dem letzten Mord im Jahr 2001 keine weiteren Taten mehr begangen. „Ich habe danach nichts mehr getan“, sagte er. Keinen Missbrauch, keinen Mord. Wenn er „in Stimmung“ gekommen sei, habe er sich Bilder im Internet angeschaut. Ob er mal an eine Therapie gedacht habe, fragte ihn der Beamte. „Das hätte ich ja keinem Therapeuten erzählen können“, entgegnete N.: „Da hätte ich den Therapeuten ja von vorn bis hinten belügen müssen. Da wäre ja jede Therapie witzlos gewesen.“

Inzwischen ist bekannt geworden, dass es offenbar auch nach 2001 weitere Missbrauchsfälle gegeben hat. Ein heute 21-Jähriger hat ihn angezeigt, als die Staatsanwaltschaft bereits Anklage erhoben hatte. Sie prüfe, die Anklage zu erweitern, hatte ein Sprecher gesagt. Er hoffe, sagt Michael R., dass N. seine gerechte Strafe erhalte: „Lebenslänglich und Sicherungsverwahrung, damit er nie wieder rauskommt.“ Am Montag wird der Prozess fortgesetzt. Dann sollen Opfer des Maskenmannes zu Wort kommen, die die Begegnung mit Martin N. überlebt haben.

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