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Panorama Missbrauchsskandal in Lügde - Chronologie der Ereignisse
Mehr Welt Panorama Missbrauchsskandal in Lügde - Chronologie der Ereignisse
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12:55 05.09.2019
Lügde: Ein Kinderauto liegt unter dem Trümmern vor der zum Teil bereits abgerissenen Parzelle des mutmaßlichen Täters auf dem Campingplatz Eichwald im Ortsteil Elbrinxen. Quelle: Guido Kirchner/dpa
Detmold

Ein kleiner Ort wird zum Schauplatz eines beispiellosen Verbrechens: Auf einem Campingplatz im ostwestfälischen Lügde sollen zahlreiche Kinder sexuell missbraucht worden sein - so lautete die erste Meldung im Januar 2019. Das Ausmaß der Taten, das Versagen von Behörden und Ermittlern, all das wird erst viel später bekannt. Eine Chronologie des Falls:

6. Dezember 2018: Der 56-jährige Andreas V. wird am auf dem Campingplatz "Eichwald" in Lügde-Elbrinxen festgenommen. Eine Neunjährige hatte sich ihrer Mutter anvertraut, von dem Dauercamper missbraucht worden zu sein. Die Mutter erstattet Anzeige bei der Polizei in Bad Pyrmont - und bringt die Ermittlungen damit ins Rollen.

Einen Monat später nimmt die Polizei zwei weitere Männer fest: den 34-jährigen Mitcamper Mario S. und einen 49-jährigen Mann aus dem niedersächsischen Stade, der den Missbrauch im Internet teilweise verfolgt und in Auftrag gegeben haben soll. Beide sitzen ab Mitte Januar 2019 in Untersuchungshaft. Die Öffentlichkeit weiß zu dem Zeitpunkt noch nichts von den Geschehnissen.

30. Januar 2019: Erst jetzt laden die Staatsanwaltschaft Detmold und die Polizei Lippe zu einer gemeinsamen Pressekonferenz in Detmold ein. Die Öffentlichkeit erfährt an diesem Vormittag, dass zwei Männer auf einem Campingplatz in Lügde im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe 23 Kinder sexuell missbraucht und kinderpornografisches Material hergestellt haben sollen, ein dritter soll als Auftraggeber fungiert haben. Der damalige Leiter der Ermittlungskommission spricht von bis zu 1000 Einzeltaten - und Opfern im Alter von 4 bis 13 Jahren.

31. Januar: Die Staatsanwaltschaft Detmold leitet Strafverfahren gegen zwei Polizisten aus Lippe ein. Sie sollen Missbrauchshinweise zwar an die zuständigen Jugendämter weitergegeben, aber nicht ermittelt haben. Das Polizeipräsidium Bielefeld soll auf Anweisung des NRW-Innenministeriums ab dem 1. Februar die Ermittlungen übernehmen - auch wegen der wachsenden Dimension des Falls.

Ein Polizeiauto steht vor dem versiegelten Campingwagen des mutmaßlichen Täters in Lügde. Quelle: Guido Kirchner/dpa

Anfang Februar: Die Anzahl der Missbrauchsopfer steigt auf 29. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen auch gegen Mitarbeiter der Jugendämter in Lippe und Hameln. Die Ermittler wollen klären, ob Hinweise missachtet wurden. Der Chef des Jugendamts, Hamelns Landrat Tjark Bartels (SPD), stellt sich auf einer Pressekonferenz hinter die Mitarbeiter seiner Behörde. Sie hatten den Hauptverdächtigen, den arbeitslosen Dauercamper Andreas V., als Pflegevater für das damals siebenjährige Mädchen eingesetzt, das ebenfalls zu seinen Opfern zählt.

15. Februar: Der Landkreis Hameln-Pyrmont stellt einen führenden Mitarbeiter des Jugendamts frei - er soll Akten manipuliert haben, indem er Anmerkungen nachträglich ergänzt und rückdatiert hat.

Staatsanwaltschaft und Polizei korrigieren die Zahl der Opfer noch einmal nach oben, sie gehen nun von 31 missbrauchten Kindern aus: 27 Mädchen und 4 Jungen im Alter zwischen 4 und 13 Jahren.

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21. Februar: NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) informiert die Öffentlichkeit über verschwundenes Beweismaterial bei der Kreispolizei Lippe. Aus einem Raum des Kriminalkommissariats sind ein Alukoffer und eine Hülle mit 155 Datenträgern abhanden gekommen - und wurden bis heute nicht wiedergefunden. Die Polizei habe den Verlust bereits am 30. Januar bemerkt, die Staatsanwaltschaft erst am 13. Februar davon erfahren.

Reul schickt einen Sonderermittler nach Lippe. Zwei leitende Polizeibeamte des Kreises Lippe müssen in der Folgezeit ihren Platz räumen. Später wird auch bekannt: Mit der Sichtung der verschwundenen Datenträger war ein Polizei-Azubi betraut gewesen.

22. Februar: Erneute Durchsuchungen auf dem Campingplatz in Lüdge. Erst jetzt wird das Auto des Hauptverdächtigen beschlagnahmt und seine Parzelle sowie die seines Komplizen Mario S. eingezäunt. Im Wohnwagen von Andreas V. finden die Ermittler 131 weitere Datenträger, einen Computer und eine Festplatte.

26. Februar: Die Polizei hat einen weiteren Tatverdächtigen. Ein 16-Jähriger aus der Region soll kinderpornografisches Material besessen haben, das auf dem Campingplatz entstanden ist. Die Polizei vernimmt den Verdächtigen, lässt ihn aber wieder auf freien Fuß.

27. Februar: Die Polizei startet noch eine groß angelegte Durchsuchungsaktion auf dem Campingplatz. 15 Spezialisten räumen drei Tage lang die Parzellen der beiden Hauptverdächtigen leer. Ein Datenspürhund findet im Wohnwagen von Andreas V. noch mehr Gegenstände, unter anderem einen USB-Stick in einer Sesselritze.

9. März: Durch die Arbeit des Sonderermittlers wird bekannt, dass ein Polizist im Kreis Lippe wegen Kinderpornografie vorbestraft ist. Der Beamte, der 2011 wegen des Besitzes und Beschaffens von Kinderpornografie verurteilt worden ist, sei aber nicht in die Ermittlungen zum Missbrauchsfall Lügde eingebunden, teilt das Innenministerium mit. Er sei in die Kreispolizeibehörde versetzt worden, weil man eine Entlassung damals für unangemessen hielt.

Der Angeklagte Mario S. (r.) wird von einem Justizbeamten in den Gerichtssaal des Landgerichts geführt. Quelle: Guido Kirchner/dpa

14. März: Die Zahl der ermittelten Opfer steigt erneut: Inzwischen sprechen die Ermittler von mindestens 34 Opfern und 14 weiteren Personen, bei denen der Verdacht besteht, dass sie auf dem Campingplatz missbraucht worden sein könnten.

19. März: Der Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont räumt massive Fehler des Jugendamtes Hameln ein. Hinweise auf Pädophilie seien doch schon im Jahr 2016 eingegangen: Eine Jobcenter-Mitarbeiterin, ein anderer Vater sowie eine Kindergarten-Psychologin hätten den Verdacht auf sexuell übergriffiges Verhalten geäußert. Das sei in den Akten vermerkt - Konsequenzen seien allerdings ausgeblieben.

26. März: Der suspendierte Leiter des Hamelner Jugendamtes darf wieder in der Kreisverwaltung arbeiten. Die Vorwürfe gegen den Mann seien "weniger schwer als zunächst angenommen", teilt das Jugendamt mit. Einer anderen Mitarbeiterin des Jugendamtes sei dagegen fristlos gekündigt worden. Sie hatte nach Angaben des Landkreises eingeräumt, eine Passage aus der Akte der Pflegetochter gelöscht zu haben. IT-Spezialisten der Ermittlungsbehörde konnten diese rekonstruieren.

4. April: Die Zahl der Opfer erhöht sich auf 40, wie Innenminister Reul mitteilt. Auch die Zahl der Beschuldigten steigt auf acht.

10. April: Der Besitzer des Campingplatzes lässt die Parzelle des Hauptbeschuldigten mit schwerem Gerät räumen. Dabei findet der Abrissunternehmer CDs und Disketten in einem Hohlraum unter der Erde. Die Polizei begleitet die Aktion zunächst nicht, der Tatort gilt seit dem 27. März als freigegeben. Auf den Datenträgern, die nur teilweise auslesbar sind, findet die Polizei nach eigenen Angaben "keine relevanten Daten".

3. Mai: Die Zahl der bislang bekannten Opfer steigt noch einmal von 40 auf 41. Der Prozess gegen die Hauptbeschuldigten rückt näher.

14. Mai: Die Staatsanwaltschaft Detmold erhebt Anklage gegen Dauercamper Andreas V. sowie gegen den Mann aus Stade. Andreas V. werden demnach 293 Fälle vorgeworfen, darunter sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen, schwerer sexueller Missbrauch von 22 Kindern sowie der Besitz von Kinderpornografie. Die Taten sollen im Sommer 1998 und seit Anfang des Jahres 2008 bis Dezember 2018 auf dem Campingplatz begangen worden sein.

Bei dem mutmaßlichen Komplizen Heiko V. aus Stade geht es um vier Fälle, in denen er an Webcam-Übertragungen des Dauercampers teilgenommen haben soll - und um den Besitz von zehntausenden Kinderpornografie-Dateien.

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29. Mai: Die dritte Anklage wird erhoben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem anderen Hauptverdächtigen, Mario S. aus Steinheim, 162 Fälle von sexuellem und schwerem sexuellen Missbrauch von 17 Kindern vor.

Die Anklage gegen den Hauptverdächtigen Andreas V. wird zugleich um 5 auf 298 Fälle erweitert. Ein weiteres Opfer wurde ermittelt.

27. Juni: Prozessbeginn am Landgericht in Detmold mit 18 Anwälten, die 28 Opfer als Nebenkläger vertreten. Die zwei Hauptangeklagten Andreas V. (56) und Mario S. (34) legen über ihre Verteidiger überraschend Geständnisse ab.

Das Verfahren gegen den dritten Angeklagten, Heiko V. aus Stade, wird ab dem zweiten Verhandlungstag abgetrennt verhandelt. Auch von ihm liegt ein Geständnis vor.

17. Juli: Der 49-Jährige aus Stade wird zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Außerdem muss er sich einer Therapie unterziehen.

August 2019: Der Prozess um die beiden Hauptangeklagten wird fortgesetzt. Nach etlichen Zeugenbefragungen, Gutachten und Plädoyers aller Beteiligten haben die beiden Angeklagten am letzten Verhandlungstag am 30. August die Gelegenheit zu einem letzten Wort - aber sie bleiben stumm.

Die Staatsanwaltschaft fordert für Andreas V. 14 Jahre Haft und für Mario S. zwölf Jahre und sechs Monate - und im Anschluss Sicherungsverwahrung für beide Männer. Einige Vertreter der Nebenkläger forderten noch höhere Strafen.

5. September: Urteilsverkündung.

Von Julia Rathcke/RND

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