Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama „Mir fehlen die Worte“
Mehr Welt Panorama „Mir fehlen die Worte“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:20 03.10.2011
Von Tobias Morchner
800 Reisende, darunter 250 Fußballfans, sind am Sonntagabend in einem überfüllten Zug in Neustadt gestrandet.
800 Reisende, darunter 250 Fußballfans, sind am Sonntagabend in einem überfüllten Zug in Neustadt gestrandet. Quelle: Schaarschmidt
Anzeige

Um kurz vor 22 Uhr packt Philipp Sonnenberg am Neustädter Bahnhof endgültig die Wut. Empört und mit einem von der anhaltenden Hitze hochroten Kopf zerrt er seinen Reisekoffer hinter sich her durch die dicht gedrängt stehenden Menschen im Regionalexpress Richtung Norddeich. Er, der gerade von der Insel Kreta zurückgekehrt ist, will nur noch raus aus der Enge und dem Lärm in den doppelstöckigen Waggons, die nunmehr seit zwei Stunden wegen eines Defekts ihre Fahrt Richtung Norden nicht fortsetzen können und jetzt langsam zurück in den Bahnhof rollen. Draußen angekommen schnappt Sonnenberg nach Luft: „Mir fehlen die Worte für das, was sich hier seit Stunden abspielt“, stößt der 48-Jährige hervor.

Mit diesem Satz kleidet er die Gefühle in Worte, die die übrigen rund 800 in dieser Nacht ebenso unfreiwillig am Bahnhof in Neustadt gestrandeten Menschen in diesem Moment ebenso in sich tragen. Dann berichtet er von dem vollkommen überfüllten Zug, von den 250 zum Teil stark angetrunkenen Fußballfans aus Bremen, die neben Familien mit Kleinkindern und Rentnern um den wenigen Platz an Bord gekämpft hatten und von dem plötzlichen Ruck, der gegen 20 Uhr, kurz nach dem regulären Halt in Neustadt, durch den Zug gegangen war und die Waggons zum Stehen brachte. „Keiner hat uns gesagt, was los ist, selbst als die Temperaturen wegen der defekten Klimaanlage immer weiter stiegen“, erzählt Sonnenberg.

Plötzlich knacken die Lautsprecher auf dem Bahnsteig. Doch statt der ersehnten offiziellen Durchsage der Deutschen Bahn, die endlich Klarheit bringen könnte über die Weiterreise, ertönt eine jugendliche, angetrunken klingende Stimme aus den Boxen: „Wir sind die Werder-Fans, wir haben den Zug gekapert.“ Einen Moment lang scheint es, als brächte diese Aussage die Stimmung unter den Betroffenen, die sich trotz der Strapazen bislang friedlich verhalten hatten, zum Überschäumen.

Die Angst vor dieser Eskalation flackert wenige Sekunden lang in den Augen der Bundespolizisten auf, die eigentlich die Lage vor Ort sichern sollen, denn sie wissen: Die Anzahl ihrer Kräfte wird nicht ausreichen, sollte sich der aufgestaute Zorn der Reisenden wirklich Bahn brechen. Glücklicherweise folgt der ersten schnell eine zweite Durchsage. Dieses Mal ist der Absender die Polizei. Der Beamte informiert die Reisenden, dass der Regionalexpress in Kürze weiterfahren kann und dass zwei zusätzliche Züge in Richtung Bremen für die Betroffenen bereitgestellt werden. Kurz darauf nimmt der erste Regionalexpress tatsächlich ganz langsam wieder seine Fahrt auf.

Was genau zu dem Chaos am Rübenberge geführt hat, ist auch knapp 24 Stunden später nicht klar. War zunächst von einem technischen Defekt die Rede, der die Lok des Zuges zum Stillstand gebracht hatte, teilte das Unternehmen im Verlauf des Montags mit, ein Fahrgast habe während der Fahrt verbotenerweise die Notentriegelung einer Tür betätigt, sodass der Fahrer gezwungen war, den Express unverzüglich zu stoppen. Zudem sollen Reisende, nachdem die Türen des Zuges auf freier Strecke geöffnet worden waren, Verbindungskabel zwischen den einzelnen Waggons demoliert haben.

Unklar ist zudem, wie es überhaupt zu der Überfüllung an Bord des Regionalexpresses kommen konnte. Nach Angaben der Bundespolizei war den Bremer Fußballfans noch in der AWD-Arena die Möglichkeit angeboten worden, mit einem eigens bereitgestellten Entlastungszug vom Bahnhof Fischerhof die Heimreise anzutreten. „Davon haben allerdings nicht so viele Werderaner Gebrauch gemacht wie erhofft, sodass sie dann plötzlich am Hauptbahnhof standen“, erklärte ein Polizeisprecher.