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Panorama Millionen Pakistaner leiden unter der Flut - und die Taliban provozieren
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20:27 11.08.2010
Flucht vor dem Wasser: Viele Pakistaner versuchen, die Überschwemmungsgebiete im Zentrum des Landes zu verlassen. Quelle: afp
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Seit Pakistans Staatspräsident Asif Ali Zardari am Dienstag nach einer neuntägigen Europareise in sein überflutetes Land zurückgekehrt ist, scheint er den Telefonhörer nicht mehr aus der Hand zu legen. Er habe mit einer ganzen Reihe von Würdenträgern telefoniert, um sich über die Lage zu informieren, teilte sein Stab mit.

Angeheizt durch politische Gegner, einen Teil der Geheimdienste Islamabads und interessierte Generale, überhäuften die Medien des Landes den Präsidenten wegen seiner "Lustreise" durch Europa, während das gesamte Hab und Gut von Millionen Pakistanern auf einer Strecke von 1000 Kilometern beiderseits des Indus von der Flut verschluckt wurde, mit beißender Kritik. Mangels eigener Verfügungsgewalt kann Zardari freilich nur mit vielen Worten und störenden Telefonaten bei ohnehin überforderten Beamten versuchen, seinen Ruf zu reparieren. Denn für die praktische Nothilfe ist sein Amt nicht zuständig.

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Während die Preise für die wichtigsten Lebensmittel auf den Märkten teilweise um das Vierfache gestiegen sind, versagen auch die Behelfsmittel, mit denen die Streitkräfte des Landes versuchen, den Opfern zu helfen. Weil schlechtes Wetter immer wieder Hubschrauber am Fliegen hindert und unpassierbare Brücken den Transport von Hilfsgütern über Land erschweren, hatten die Militärs Esel aufgeboten, um wenigstens ein paar Lebensmittel in abgeschnittene Dörfer zu bringen. Am Mittwoch erklärten die Streitkräfte im Angesicht von Erdrutschen entnervt: "Nicht einmal die Vierbeiner kommen weiter. Wenn überhaupt, schaffen es manchmal nur Menschen."

Mitten in dieser katastrophalen Notlage behauptet Tehrik-i-Taliban, die pakistanische Taliban-Miliz unter Führung von Hakimullah Mehsood, sie könnte alle schier unüberwindlichen Hindernisse beiseiteschaffen. "Wenn die Regierung unsere Leute nicht verhaftet, sind wir bereit, Hilfe im Wert von 20 Millionen US-Dollar selbst an die Flutopfer zu verteilen", lautete die Ankündigung eines Sprechers der Gruppe. Damit nicht genug, forderte die Organisation, die Pakistan während der vergangenen Jahre mit einer Serie von Bombenanschlägen überzog: "Die Regierung sollte keine Hilfe von westlichen Staaten annehmen. Sie wollen uns nur unter­jochen."

So fraglich es ist, ob die Taliban-Milizen die Summe von 20 Millionen US-Dollar besitzen, so unwahrscheinlich ist auch, dass Islamabad und die Militärs des Landes auf den Propagandaschachzug eingehen werden. Schließlich lieferten sich die Streitkräfte während der vergangenen eineinhalb Jahre heftige Auseinandersetzungen mit den Extremisten. Dabei kamen laut offiziellen Angaben mehr Soldaten ums Leben als in den drei Kriegen gegen Indien.

Aber die Extremisten greifen mit ihrem Aufruf mitten in der Notlage ein Argument auf, das schon häufiger laut wurde. Der Vorwurf: Islamabad mit seinen korrupten Politikern mache sich vom Westen abhängig und wolle gläubige Moslems bekämpfen. Aber viele der knapp 15 Millionen von den Überschwemmungen betroffenen Pakistaner zeigen gegenwärtig wenig Lust auf das politische Werben um ihre Sympathien.

Willi Germund

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