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Panorama Lisa-Maria Kellermayr: In den Tod gehetzt
Mehr Welt Panorama Lisa-Maria Kellermayr: In den Tod gehetzt
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05:30 06.08.2022
Kerzen leuchten vor einem Porträt der verstorbenen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr.
Kerzen leuchten vor einem Porträt der verstorbenen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr. Quelle: IMAGO/Wolfgang Simlinger
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Es gebe keine Hinweise auf Fremdverschulden, meldet die Staatsanwaltschaft. Im rechtsmedizinischen Sinne ist der Satz wohl korrekt: Nach allem, was man bisher weiß, hat die oberösterreichische Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, 36, ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Im moralischen und politischen Sinne aber ist das Fremdverschulden kaum zu übersehen.

Monatelang hat ein Mob aus Impfgegnern, Corona-Leugnerinnen und Rechtsextremisten die junge Ärztin terrorisiert. Von den Behörden und der eigenen Berufsvertretung fühlte sie sich angesichts detaillierter Folter- und Morddrohungen im Stich gelassen und verhöhnt. Am 29. Juli wurde Kellermayr tot in ihrer Ordination aufgefunden. Ihr Tod zeigt, welche sehr realen Folgen Hass im Netz haben kann, und wirft – wieder einmal – die Frage auf, ob die Behörden genug dagegen tun.

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Wer war Lisa-Maria Kellermayr? Warum äußern sich deutsche Politiker bis hin zum Bundesgesundheitsminister zum Suizid einer oberösterreichischen Landärztin? Und was folgt aus ihrem Tod?

Lisa-Maria Kellermayr: zunächst eine unauffällige Ärztin

Bis Anfang 2020 ist Lisa-Maria Kellermayr eine ganz normale, unbekannte Ärztin in einer Reha-Klinik. Auf Twitter, das in ihrer Geschichte eine große Rolle spielen wird, schreibt sie vor allem Fan-Posts zu Sendungen der Entertainer Joko & Klaas.

Als die Corona-Pandemie beginnt, meldet sich Kellermayr freiwillig für den hausärztlichen Notdienst. Sie fährt zu Covid-Patienten und -Patientinnen in ganz Oberösterreich nach Hause, misst die Sauerstoffsättigung, gibt Medikamente. „Ich bin jung, alleinstehend und habe keinerlei Betreuungspflichten“, so erklärte sie ein Jahr später ihren Einsatz: „Es ist vergleichsweise einfach für mich, mich zwischen den Einsätzen völlig zu isolieren, um niemanden zu gefährden. Und ich finde genau solche Leute sollten an die Front.“

Zeitweise soll sie die einzige Hausärztin im ganzen Bundesland gewesen sein, die Hausbesuche machte.

27. Mai 2020

Als im Herbst 2020 die Sieben-Tages-Inzidenz in Österreich erstmals über 100 steigt, dann über 300, über 500, wirft Kellermayr sich mit voller Kraft in ihre Arbeit.

Auf Twitter schreibt sie am 28. Dezember 2020: Nach 92 Stunden Arbeit in den letzten 9 Tagen kann ich heute mal mein Schlafdefizit aufholen vor den nächsten 5 Tagen mit 60 Stunden im Covid-Dienst. Da blieb keine Zeit Weihnachten zu feiern. Da bleibt keine Zeit zum Schifahren. Und Silvester? Keine Zeit. #COVID19at

Im Frühling 2021 hört Kellermayr im hausärztlichen Notdienst auf, arbeitet als Impfärztin und bereitet die Eröffnung ihrer eigenen Hausarztpraxis in der kleinen Gemeinde Seewalchen am Attersee vor. Am 11. April 2021 schildert sie auf Twitter die positiven Erfahrungen, die sie bei ihren Corona-Hausbesuchen mit einem Asthma-Medikament gemacht hat – und endet mit einer Frage, die sich im weiteren Verlauf ihrer Geschichte immer wieder stellen wird: Wird mir jemand zuhören? Oder bin ich a) zu weiblich b) zu jung c) habe zu wenig Titel d) alle Antworten sind richtig?

Ihr Thread wird oft zitiert und weiterverbreitet, Kellermayr wird erstmals, dann immer öfter in TV-Sendungen eingeladen, erlangt öffentliche Bekanntheit. Die Redaktionen schätzen ihre Kompetenz und ihre deutlichen Worte. Sie spricht über ihre Erfahrungen mit der Behandlung von Corona-Kranken, wirbt für die Impfung und kritisiert das Pandemiemanagement der österreichischen Regierung.

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Schon zu dieser Zeit bekommt Kellermayr – so wie viele Menschen, Frauen vor allem, die sich öffentlich zu Covid-19 äußern – Hassnachrichten und Morddrohungen. Sie nimmt sie mit Schulterzucken, lächelt sie weg, so beschreiben es Menschen, die damals mit ihr im Kontakt sind.

Als am 16. November 2021 Impfgegnerinnen und Corona-Leugner direkt vor den Eingängen eines Krankenhauses in der oberösterreichischen Stadt Wels demonstrieren, twittert Kellermayr ein Video, das ihr Kollegen geschickt haben, mit dem Text: „Eine Demo der Verschwörungstheoretiker verlässt den Pfad unter den Augen von Behörden und blockiert sowohl den Haupteingang zum Klinikum als auch die Rettungsausfahrt des Roten Kreuzes.“ Die Landespolizeidirektion Oberösterreich antwortet auf den Tweet und spricht von „Falschmeldungen“. Wie sich später herausstellt, war das Krankenhaus über andere Ein- und Ausgänge zugänglich; die von Kellermayr erwähnten Tore waren tatsächlich blockiert.

Der Tweet der Polizei verbreitet sich in rechten Medien und Telegram-Gruppen – und eine bis dahin ungekannte Flut an Hass beginnt sich über Lisa-Maria Kellermayr zu ergießen. Ihre Adresse wird veröffentlicht mit dem Aufruf, ihr einen Besuch abzustatten. Kellermayr löscht ihren Tweet, bittet die Polizei, dasselbe zu tun.

Antwort an @LPDooe am 17. November 2021

Aber der Tweet der Polizei bleibt stehen – er ist noch heute online.

Die gewaltbereite rechte Szene versuche gezielt, Andersdenkende einzuschüchtern, sagt Ingrid Brodnig, Autorin mehrerer Bücher über Fake News, Verschwörungsmythen und Hass im Netz. Wer dabei besonders stark ins Fadenkreuz gerate, sei „oft auch Pech“, sagt Brodnig: „Es reicht, dass eine einzelne Äußerung von reichweitenstarken rechten und verschwörungsaffinen Seiten und Accounts herumgereicht wird.“

Es reicht, dass eine einzelne Äußerung von reichweitenstarken rechten und verschwörungsaffinen Seiten und Accounts herumgereicht wird.

Ingrid Brodnig,

Autorin mehrerer Bücher über Fake News, Verschwörungsmythen und Hass im Netz

„Schockierend“ findet Brodnig allerdings die Nicht-Reaktion der oberösterreichischen Polizei, als klar wurde, dass ihr Tweet in rechten Kreisen instrumentalisiert wird. Es ist nur die erste von mehreren merkwürdigen Verhaltensweisen der Behörde.

Kellermayr am 21. November 2021

Bald erhält Kellermayr eine E-Mail von einer Person, die sich „Claas“ nennt. Detailliert schildert der Absender, wie er Kellermayr und ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu Tode foltern will. Kellermayr erstattet Anzeige, die Polizei nimmt Ermittlungen auf, stellt sie aber bald wieder ein: Die Nachricht komme „aus dem Darknet“, der Urheber sei nicht zu ermitteln. Eine Behauptung, die sich als äußerst fragwürdig erweisen wird.

Kellermayr am 7. Februar 2022: Von allen Seiten wird mir geraten „die Füße still zu halten“, „nicht medial in Erscheinung zu treten“, „unauffällig zu sein“ weil die Morddrohungen die ich erhalte so massiv, blutrünstig und konkret sind, dass eine gewisse Gefahr von Nachahmungstätern besteht.

Und am 16. Februar 2022: NIEMALS werde ich vor rechten Extremisten guschen, die versuchen mich einzuschüchtern.

Auf Twitter führt Kellermayr weiterhin lange inhaltliche Diskussionen mit Corona-Verharmlosern und Impfgegnerinnen, antwortet ratsuchenden Menschen auf Fragen zu Sauerstoffsättigungen und Medikamenten. Aber ihr Leben hat sich drastisch verändert. Sie lässt Sicherheitstüren und -fenster einbauen, Alarmknöpfe und Kameras, einen Panikraum, nachts schläft sie auf einer Couch in der Ordination. Am Eingang steht jetzt ein bewaffneter Securitymann, mehrmals findet er bei vorgeblichen Patienten Butterflymesser.

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Die Sicherheitsmaßnahmen bezahlt Kellermayr selbst, im Juni wird sie die bisherigen Kosten auf mehr als 100.000 Euro beziffern. Denn den erhofften Polizeischutz bekommt sie nicht, es kommen nur regelmäßig Streifenwagen vorbei.

Auch als „Claas“ im Mai eine weitere E-Mail schreibt, mit neuen Folterfantasien und der Ankündigung, „die Wände deiner Ordination mit den Gehirnen deiner Mitarbeiter zu streichen“, sieht die Polizei keinen Grund für weitergehende Maßnahmen.

Am 27. Juni 2022 zieht Kellermayr die Notbremse:

Die Nachricht macht eine deutsche IT-Spezialistin auf Kellermayrs Fall aufmerksam – und innerhalb weniger Stunden schafft sie, was den oberösterreichischen Ermittlungsbehörden angeblich über Monate hinweg nicht möglich war: Sie findet Hinweise auf mögliche Täter, deutsche Rechtsextremisten. Als Journalisten der Tageszeitung „Der Standard“ nachrecherchieren, gelangen sie zu denselben Erkenntnissen.

Während sich in Wien der Verfassungsschutz einschaltet – die erste Behörde, von der sich Kellermayr ernst genommen fühlt –, wirft ein Sprecher der oberösterreichischen Polizei Kellermayr in einem Radiointerview vor, sie würde sich „in die Öffentlichkeit drängen, um ihr eigenes Fortkommen zu fördern“. Und ein Funktionär der Ärztekammer Oberösterreich, ihrer eigenen Standesvertretung – sonst eher bekannt dafür, ihre Mitglieder auf Biegen und Brechen gegen jede Kritik von außen zu verteidigen – richtet Kellermayr über die Medien aus, wenn ihre Kassenstelle frei werde, werde man diese schnell nachbesetzen können.

„Die Täter-Opfer-Umkehr von Seiten der Polizei, dieses Nicht-ernstgenommen-Werden von jenen, von denen sie sich berechtigterweise Hilfe erwartet hat, hat sie sehr gekränkt“, sagt der Wiener Lehrer und Aktivist Daniel Landau, der damals immer wieder mit Kellermayr telefonierte. „Das hat noch im Juli wahnsinnig an ihr genagt.“

Auch Ingrid Brodnig findet die Aussage des Polizeisprechers „zutiefst problematisch“. Es sei wichtig, dass Betroffene Hass im Netz anzeigen und auch öffentlich über das Erlebte sprechen. Das brauche sowieso schon Mut – Reaktionen wie die des Polizeisprechers seien „genau das falsche Signal“.

Am 7. Juli äußert Lisa-Maria Kellermayr auf Twitter die Hoffnung, die Ordination bald wieder öffnen zu können: Endlich bewege sich etwas, sie sei froh, vom Verfassungsschutz endlich Hilfe zu bekommen.

Aber die Hoffnung hält nicht lange an. Am 13. Juli 2022 schreibt sie:

Am 29. Juli wird Kellermayr tot in ihrer Ordination aufgefunden. Sie soll Abschiedsbriefe hinterlassen haben, in denen sie einem Medienbericht zufolge wütend mit Polizei und Ärztekammer abrechnet.

Am Abend des 1. August versammeln sich in österreichischen Städten mehrere Tausend Menschen zu Mahnwachen für Lisa-Maria Kellermayr. Die in Wien hat Daniel Landau organisiert, sein Appell an alle Bürger und Bürgerinnen und insbesondere an die Behörden: „Mehr Achtsamkeit statt Hass“. Die Glocken des Wiener Stephansdoms läuten für Kellermayr. „Das war Mord!“ steht auf einem Schild, das jemand an die Kirchenmauer gelehnt hat.

Dompfarrer Toni Faber (links) und Daniel Landau, Organisator und Initiator von #YesWeCare, zünden Kerzen an während der Gedenkveranstaltung in Wien. Quelle: Georg Hochmuth/APA/dpa

Die Haupttäter unter jenen, die Kellermayr das Leben zur Hölle gemacht haben, könnten bald gefunden sein, die Staatsanwaltschaften München und Berlin ermitteln gegen zwei mögliche Täter. Am Freitag haben bayerische Polizisten eine Wohnung durchsucht. Die Staatsanwaltschaft teilte mit: „Gegenstand der Ermittlungen sind im Wesentlichen die Tatvorwürfe der Bedrohung (§ 241 StGB) und der Nachstellung (§ 238 StGB), die sich auf Äußerungen des Beschuldigten im Internet und in sozialen Medien gegen die verstorbene Ärztin gründen.“

Die liberale Partei Neos hat eine Anfrage an den österreichischen Innenminister gestellt, die Liste der Fragen ist fünf Seiten lang. Gegen die oberösterreichische Polizei und die Staatsanwaltschaft Wels läuft eine Anzeige wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch. Es gibt vieles aufzuarbeiten, das Wort „Behördenversagen“ steht unübersehbar im Raum.

  • Warum hat die Polizei Oberösterreich den Tweet, mit dem sie Kellermayr dem rechten Mob zum Fraß vorwarf, bis heute nicht gelöscht?
  • Warum hat die Ärztin trotz der massiven Bedrohungen keinen Polizeischutz erhalten?
  • Haben Polizei und Staatsanwaltschaft wirklich alles ihnen mögliche getan, um die Täter zu ermitteln?
  • Gibt es Rechtslücken bei der Verfolgung von Hass im Netz? Oder Lücken bei der Rechtsdurchsetzung?
  • Haben die laschen Reaktionen etwas damit zu tun, dass Kellermayr eine Frau war? Oder, wie es Daniel Landau formuliert: „Wäre das genauso gelaufen, wenn sie ein honoriger älterer Mann gewesen wäre?“

Einen möglichen Erklärungsansatz für das Verhalten der Behörden liefert auch die Tatsache, dass sich diese Geschichte in Oberösterreich abspielte. In dem Bundesland regiert seit 2015 die weit rechts stehende FPÖ mit, 2021 zog die Impfgegner-Partei MFG mit mehr als 6 Prozent der Stimmen ins Landesparlament ein. Nirgends in Österreich war und ist die Impfquote so gering wie hier. Mehrere im ganzen deutschsprachigen Raum verbreitete rechtsextreme und verschwörungstheoretische Medien haben ihren Sitz in Oberösterreich.

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Gerade in diesem Zusammenhang müsse das Land Oberösterreich dringend untersuchen, ob die dortigen Behörden bedrohte Ärzte und Ärztinnen ausreichend schützen, sagt Ingrid Brodnig. Sie fände außerdem die Einrichtung einer eigenen auf Hass im Netz spezialisierten Staatsanwaltschaft sinnvoll, wie es sie in Nordrhein-Westfalen bereits gebe. Und sie kritisiert die Gräben-zuschütten-Rhetorik, die die österreichische Bundesregierung derzeit propagiert: „Der Versuch, wieder besser miteinander ins Gespräch zu kommen, ist natürlich richtig“, sagt sie. „Aber es besteht die Gefahr, dass man dabei ausblendet, dass es unter den Impfgegnern eben nicht nur Verunsicherte gibt, sondern auch Menschen, die Hass, Hetze und gezielten Terror verbreiten.“

Haben Sie Suizidgedanken? Dann wenden Sie sich bitte an folgende Rufnummern: Telefonhotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste: (0800) 111 0 111 (ev.); (0800) 111 0 222 (rk.); (0800) 111 0 333 (für Kinder/Jugendliche); E‑Mail unter www.telefonseelsorge.de

Von Ruth Eisenreich/RND

Der Artikel "Lisa-Maria Kellermayr: In den Tod gehetzt" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.