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Panorama Krebsärzte unter Korruptionsverdacht
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11:23 19.04.2012
Von Tobias Morchner
Ermittler des Landeskriminalamts transportieren am Mittwoch gesicherte Akten ins Behördenhaus am Waterlooplatz in Hannover. Polizei
Ermittler des Landeskriminalamts transportieren am Mittwoch gesicherte Akten ins Behördenhaus am Waterlooplatz in Hannover. Quelle: Polizei
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Hildesheim

Beamte des Landeskriminalamtes Niedersachsen haben am Dienstag bundesweit 49 Praxen von Krebsärzten durchsucht. Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen die Mediziner wegen des Verdachts der Bestechlichkeit. Die Onkologen sollen Schmiergeld von einem bayerischen Pharmakonzern kassiert haben. Im Gegenzug sollen sie die Medikamente des süddeutschen Herstellers besonders häufig verschrieben haben. Bei der Razzia handelte es sich um eine konzertierte Aktion großen Ausmaßes: Ingesamt waren bundesweit 600 Kriminalbeamte, Staatsanwälte und Buchprüfer beteiligt. Neben den Arztpraxen statteten die Beamten auch einer Beratungsfirma für Pharmastudien in Hildesheim, dem Pharmakonzern in Bayern und 18 Apotheken Besuche ab.

Die Staatsanwaltschaft Hannover hat das Pharmaunternehmen, die Ärzte und Apotheker bereits seit geraumer Zeit wegen des Verdachts der Bestechung und der Bestechlichkeit in Millionenhöhe im Visier, darunter auch drei Ärzte und zwei Apotheker aus dem Landkreis Hildesheim. Aus dem Bereich Hannover stehen ein Mediziner und ein Apotheker im Visier der Ermittler.

Die Mitarbeiter der Zentralstelle für Korruptionsstrafsachen werfen den Verantwortlichen des Pharmakonzerns vor, den Ärzten für die Verschreibung von Krebsmitteln aus ihrer Herstellung Provisionen in einer Höhe von insgesamt 1,5 Millionen Euro gezahlt zu haben. Die Schmiergelder sollen von der Beratungsfirma in Hildesheim an die Ärzte als Honorare für Anwendungsstudien geflossen sein. Die Staatsanwaltschaft vermutet aber, dass diese Studien niemals durchgeführt wurden. „Es besteht der Verdacht, dass es sich um Scheinstudien handelte. Jedenfalls war das Verhältnis von Zahlung zu ärztlicher Gegenleistung völlig unangemessen“, sagt Oberstaatsanwalt Jürgen Lendeckel.

Den beteiligten Apothekern wird Beihilfe vorgeworfen. Sie stehen im Verdacht, genau aufgelistet zu haben, wie häufig sie Rezepte für bestimmte Medikamente entgegennahmen und von welchen Ärzten sie ausgestellt wurden. Diese Umsatzlisten sollen die Apotheker dann an die Beratungsfirma in Hildesheim weitergeleitet haben. Dort wurden anhand der Listen die Provisionen für die Ärzte errechnet und ausgezahlt.

Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft Erfurt haben die Ermittlungen ins Rollen gebracht. Dort war Anklage wegen Bestechung und Bestechlichkeit gegen einen Krebsarzt und einen Apotheker erhoben worden. Dem Mediziner wurde zur Last gelegt, dass er für das Weiterreichen von Chemotherapie-Rezepten an einen bestimmten Apotheker geldwerte Vorteile über mehrere hunderttausend Euro erhalten hatte. Im Verlauf dieser Ermittlungen waren zahlreiche weitere Fälle bekannt geworden, und es kristallisierte sich immer mehr ein Zusammenhang zu der Beratungsfirma in Hildesheim heraus. Die Zuständigkeit für den Korruptionsfall, in den das bayerische Pharmaunternehmen verstrickt ist, liegt inzwischen allein bei der Staatsanwaltschaft Hannover, weil die Beratungsfirma, die offenbar eine gewichtige Rolle in dem Skandal spielt, im Landkreis Hildesheim liegt. Somit „wanderte“ der Fall zu den hannoverschen Staatsanwälten.

Bei den Durchsuchungen in ganz Deutschland stellten die Ermittler am Mittwoch kistenweise Material sicher. Die Polizei beschlagnahmte Unterlagen, Computer und Speichermedien. Nach Einschätzung von Oberstaatsanwalt Lendeckel wird die Auswertung des Materials mehrere Monate in Anspruch nehmen.

Im Zuge der Ermittlungen hat sich bereits herausgestellt, dass das bayerische Pharmaunternehmen sein mutmaßliches Korruptionsgefüge gern noch erweitert hätte. „Einige Ärzte haben das rechtswidrige Angebot abgelehnt“, sagte Oberstaatsanwalt Lendeckel. Welches Pharmaunternehmen in den Korruptionsskandal verwickelt ist, wollte die Staatsanwaltschaft nicht mitteilen.

Karl Doeleke 18.04.2012
18.04.2012
18.04.2012