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Panorama Komm zur Ruhr!
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20:39 08.01.2010
Von Uwe Janssen
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„Kultur durch Wandel – Wandel durch Kultur“. Oder „Komm zur Ruhr“. Oder „Glückauf 2010“. Oder „pottfiction“. Sprüche raushauen konnten sie im Ruhrgebiet immer schon gut. Und weil große Veranstaltungen in unserer Mediengesellschaft Schlagworte, Claims und Motti brauchen, ist das heute beginnende Kulturhauptstadtjahr in Essen und der Ruhrregion im Wortsinne gut aufgestellt. Doch das Schlagwort zur Eröffnungsfeier ist kurzfristig ein anderes, ungeplantes. „Daisy“. Das aus dem Süden heraufziehende Tief hat sich getreu dem Motto „Kulturhauptstadt für alle“ uneingeladen angemeldet und könnte den Veranstaltern die Eröffnung auf dem Gelände des Essener Kulturzentrums Zeche Zollverein gehörig verwehen.

Vielleicht müssen die 1200 geladenen Gäste, unter ihnen Bundespräsident Horst Köhler und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, ihre Hüte festhalten, denn der offizielle Festakt soll am Nachmittag wie geplant unter freiem Himmel durchgezogen werden. Nur ein „Jahrhundertschneesturm“, hat Cheforganisator Fritz Pleitgen versichert, könne das Vorhaben gefährden. Schließlich wolle man nicht „auf diese gigantische Kulisse“ der Zeche Zollverein verzichten und sich stattdessen „feige in eine warme Halle verkrümeln“. Herbert Grönemeyer, seit „Bochum“ inoffizieller King of Heimat-hymne und seit der WM-Ode „Zeit, dass sich was dreht“ auch als Eventbetexter aktiv, soll mit seiner neuerlichen Hommage „Komm zur Ruhr“ die Herzen wärmen. Und die Außentemperaturen, verspricht Pleitgen, „sitzen wir auf einer Backe ab“. So sind sie eben in der Malocherregion, soll das wohl signalisieren. Klappern gehört zum Handwerk, der frühere ARD-Vorsitzende, selbst gebürtiger Duisburger, weiß, wie’s geht im Imagegeschäft.

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Doch nur mit großer Klappe kommt man nicht weit, wenn man ein ganzes Jahr lang als europäische Kulturhauptstadt im Fokus steht, und das im Gegensatz zu den anderen beiden Kulturhauptstädten Istanbul und dem ungarischen Pécs als Region mit insgesamt 53 Städten und Gemeinden. Ein Jahr auf dem Präsentierteller – diese Chance will die Region auch für ihre eigene zukünftige Entwicklung nutzen. „Gemeinsamkeit“ und „Zusammenwachsen“ sind Worte, mit denen Pleitgen auf lange Sicht gern die „herzhafte Rivalität“ ersetzen möchte, in der die Ruhrgebietsstädte „mit- beziehungsweise gegeneinander leben“. An der ewigen Fußballfehde zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund wird sich wohl nie was ändern, aber insgeheim träumt man von einer Metropolregion, einer Art Europa regional. Das Kulturhauptstadtjahr ist dafür ein luxuriöser Testlauf. Schon in den drei Jahren Vorbereitungszeit sei der „Geist der Kooperation“ eingekehrt, hat Organisator Pleitgen beobachtet.

Im Festivalmotto „Kultur durch Wandel – Wandel durch Kultur“ steckt der zweite Effekt, den sich die Macher vom Jahr 2010 erhoffen: die eigene Metamorphose zur modernen, dynamischen, polizentrischen Region Ruhr zu demonstrieren und das graue Image des Kohlenpotts abzuschütteln, ohne die eigene Vergangenheit, den Pulsschlag aus Stahl, wie es Grönemeyer besungen hat, zu verleugnen. Dass dieser gesellschaftskulturelle Wandel auf der Kulturplattform besonders gut gedeiht, zeigen seit Langem die Ruhrfestspiele und die Ruhrtriennale, die die Besucher gezielt an Industrieorte wie den Gasometer in Oberhausen, die Jahrhunderthalle in Bochum oder den Landschaftspark Duisburg-Nord locken. Das Welterbe Zeche Zollverein bringt mit seinem Industriecharme und den modernen Veranstaltungsräumen beide Gesichter der Region an einem Ort auf den Punkt. Wohl auch deshalb wollen sie auf diese plakative Hintergrundkulisse beim heutigen Festakt nicht verzichten.

Der Lockstoff des Kulturhauptstadtjahrs sind natürlich die Veranstaltungen. Und das, obwohl die Finanzkrise ein großes Loch in die Planungen gerissen hat: Von den erhofften 17 Millionen Euro Sponsorengeldern trudelte erst nur ein Bruchteil ein, am Ende aber kamen immerhin elf Millionen Euro zusammen. Viele Kommunen im Ruhrgebiet sind so klamm, dass sie ohnehin mit einem Nothaushalt arbeiten müssen und kein Geld mehr für Kultur ausgeben können. So wurde unter anderem eine ursprünglich parallel zur heutigen Eröffnungsfeier geplante Großveranstaltung in der überdachten Schalker Fußballarena gestrichen. Auch das spannende Vorhaben, die Zeche Zollverein 1000 Meter unter der Erde für Besucher zu öffnen, musste aufgegeben werden, genau wie eine große Religionenausstellung in Oberhausen. Gerettet wurde dagegen das Vorzeigeprojekt „Schachtzeichen“ mit großen, gelben Gasballons über den ehemaligen Förderanlagen im ganzen Revier. Zechen gibt es nur noch fünf im Ruhrgebiet, die nächste schließt im Herbst des Kulturhauptstadtjahres in Hamm. Mythos Ruhr suchen, die eigenen Wurzeln entdecken – auch diese Ziele hat sich die Region im Kulturhauptstadtjahr auf die Fahnen geschrieben.

Was insgesamt mit dem verbleibenden 63-Millionen-Euro-Etat auf die Beine gestellt wurde, bezeichnet der „Ruhr.2010“-Geschäftsführer als „Punktlandung im Schlamassel“. 300 Projekte haben Pleitgen und sein 100 Mann starkes Organisationsteam geplant, insgesamt 2500 Veranstaltungen. Zu den spektakulärsten gehört wohl ein kilometerlanges Picknick der Kulturen auf der gesperrten Ruhrgebietsautobahn A 40. Das Leitmotiv der Gemeinsamkeit steht auch dem „Day of song“ voran, einem Massensingen in allen Ruhrgebietsstädten mit abschließendem Konzert in der Arena Auf Schalke. Hochkultur bieten die Homer-Neuinterpretationen aller Ruhr-Theater („Odyssee ­Europa“) oder die Konzertreihe rund um den Komponisten Hans Werner Henze. „Melez“ („Mischling“) ist auch eines der Leitprojekte des Festivals. Um die „Kunst des Zusammenlebens“ besser zu verstehen, reist ein Zug mit Kunst, Tanz, Musik aus den Kulturen Europas durchs Revier, gleichzeitig laufen öffentliche Diskussionen und Seminare zum Thema Integration in der Bochumer Jahrhunderthalle. „Kulturhauptstadt für alle“ heißt in der Malocherregion auch „für alle verständlich“. Entsprechend anschaulich ist die Geschichte des Ruhrgebiets im neuen Ruhr-Museum in Essen aufbereitet. Das 55-Millionen-Projekt, von der Krupp-Stiftung finanziert, ist mit seinen 6000 Exponaten ein Kollateralnutzen des Kulturhauptstadttitels. Es soll allein jährlich 150 000 Besucher anlocken. Und das Kulturhauptstadtjahr insgesamt fünf Millionen Gäste. Da sitzt man ein bisschen Winterchaos beim Auftakt locker auf einer Backe ab.