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Panorama Kennen Sie die Angst, verlassen zu werden, Juliette Binoche?
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20:00 02.08.2019
Die Wandelbare: Je älter Juliette Binoche wird, desto mehr riskiert sie in ihren Rollen. Ein Gespräch über Beziehungen, Instagram und Ehrlichkeit vor der Kamera. Quelle: Franck Castel/MAXPPP/dpa

Frau Binoche, manche Kinostars halten ihre Fans im Internet über jede Erkältung auf dem Laufenden, andere wiederum scheuen das Netz wie den Teufel. Wie stehen Sie zu den sozialen Medien?

Sagen Sie bloß, dass wissen Sie nicht? Das würde ja heißen, dass Sie mir online nicht folgen. Na gut, damit muss ich wohl leben. Ich nutze gelegentlich Instagram und habe meinen Spaß daran.

Und was tun Sie so, wenn Sie im Internet unterwegs sind?

Publicity für berufliche Dinge betreibe ich schon mal gar nicht – ich mache nur das, worauf ich gerade Lust habe. Auf Instagram poste ich vorrangig, worüber ich lachen kann – und auch das, was mir dringlich erscheint. Momentan versuche ich zum Beispiel, ein stärkeres Bewusstsein für den Klimawandel zu wecken und was wir alle dagegen tun können. Ich fotografiere dauernd Bäume und versende die Bilder in die Welt.

Könnten Sie sich vorstellen, ohne das Internet auszukommen?

Prinzipiell kann das Internet meiner Ansicht nach ein wundervolles Medium sein, um Menschen zusammenzubringen. In der Politik sorgt es für einen ganz neuen Energieschub bei der Kommunikation – über die üblichen Medienkanäle hinaus. Für mich persönlich aber ist die Kamera das eigentliche Arbeitsgerät. Allein ihr fühle ich mich verpflichtet. Im Netz muss ich nichts beweisen. Ich kann mich da genauso ungeschminkt präsentieren wie in einem tollen Outfit. Zwischendrin gibt es auch Zeiten, da poste ich überhaupt nichts.

Sehen Sie das Risiko, dass man sich online verlieren kann?

Durch die sozialen Medien kann man sich durchaus in Illusionen verirren. Man fühlt sich vielleicht gut in der digitalen Realität – aber man kann nicht sein Leben darauf aufbauen. Was in der Kunst gelingt, ist in den sozialen Medien unmöglich: Es lässt sich nun mal keine eigenständige Existenz im Internet erschaffen.

Womit wir bei Ihrem neuen Film wären: Sie spielen in der leicht bitteren Romanze „So wie du mich willst“ eine Frau, die sich bei Facebook eine gefälschte Existenz zulegt. Warum tut jemand so etwas?

Diese Frau muss sich mit einem der wichtigsten Themen befassen, auf das jeder Mensch früher oder später in seinem Leben stößt: mit der Angst, verlassen zu werden. Dieser Furcht entkommt letztlich niemand. Meine Literaturdozentin geht durch echte Gefühlsbäder. Den Umgang mit dieser Angst sollte man am besten früh trainieren.

Was ist der Frau passiert?

Ihr jüngerer Freund hat sich von ihr getrennt. Und nun sucht sie nach einer Möglichkeit, mit ihrer Einsamkeit klarzukommen – und zugleich klammheimlich mehr über seine Wege zu erfahren. Aus einer Laune heraus legt sie sich einen Avatar bei Facebook zu: Sie schlüpft in die Rolle einer Mittzwanzigerin. Mit dieser Doppelexistenz wird das Leben für sie aber erst so richtig kompliziert. Psychische Zusammenbrüche sind die Folge. Schließlich hält sie es mit der falschen Identität nicht mehr aus. Sie muss den Avatar gewissermaßen umbringen.

Heißt das, dass die Frau eine Lügnerin ist?

Ach, das weiß ich gar nicht so genau. Sie kann ganz einfach das Gefühl, verlassen worden zu sein, nicht ertragen. Sie fühlt sich gedemütigt, erniedrigt, beschämt. Sie fühlt sich wie ein Nichts. Sie ist eine Ertrinkende – und deshalb greift sie nach Facebook wie nach einem Strohhalm und damit nach der Illusion einer digitalen Beziehung. Sicher wird sie auch von Rachegefühlen angetrieben: Sie hofft, ihrem Ex-Freund auf die Schliche zu kommen. Sie versucht, sich eine Identität zuzulegen, in der sie sich gewürdigt und geliebt fühlt.

In Claire Denis’ Science-Fiction-Film „High Life“ haben Sie jüngst eine sensationelle Sexszene in einer Art Masturbationskabine hingelegt. Nun geht es um das Verhältnis von Körper und Geist in der Liebe: Spielen Sie gern mit den Möglichkeiten weiblicher Sexualität in Ihren Filmen?

Vermutlich ist das ein Thema, das mir Regisseure auch deshalb vorschlagen, weil sie glauben, dass 50 das richtige Alter dafür ist. Aber ich bin mir ziemlich sicher: Diese Fragen interessieren ganz genauso 30-Jährige.

Verstrickt zwischen zwei Identitäten: Juliette Binoche in „So wie du mich willst“. Quelle: Verleih

Sie sind 1964 geboren: War es für Sie bedeutsam, die Grenze zu 50 zu überschreiten?

Ich habe tatsächlich einige schwierige Dinge durchgemacht. Im Rückblick würde ich sagen: Gott sei Dank. Die persönlichen Werte ändern sich in diesem Alter, da bin ich mir sicher. Danach ist nicht alles geklärt, aber es ist angenehmer, sich wieder ins Gesicht zu schauen. Das ist befreiend.

Oh, einen kleinen Augenblick, von welchen Werten sprechen Sie denn jetzt?

Das geht Sie nun aber wirklich nichts an! Na gut, ich verrate Ihnen trotzdem ein klein wenig darüber. Es gibt da eine für mich wirklich wichtige Autorin, Annick de Souzenelle. Sie beschreibt, wie du als junge Erwachsene mit deiner ganzen Kraft die Welt erobern willst. Du willst den Genuss und die Lust entdecken. Von einem gewissen Punkt im Leben aber funktioniert das nicht mehr so richtig. Du begreifst, dass es ewige Kraft und ewiges Vergnügen nicht gibt.

Und was tut man dann?

Diese Erkenntnis kann durchaus depressive Momente auslösen. Aber dann wächst eine neue, spirituelle Kraft in dir. Und diese geht über das rein Verstandesmäßige hinaus. Diese Kraft durchströmt dich, du kannst sie aber nicht wirklich kontrollieren.

Heißt das, dass auch Juliette Binoche die Angst kennt, verlassen zu werden?

Wir alle müssen durch diese Angst durch. Das ist eine existenzielle Furcht des Menschen – gerade zum Ende des Lebens hin, wenn es darum geht, den Sprung ins Unbekannte zu tun. Ich verstehe meine Filmfigur da sehr gut. Es ist fürchterlich, alleingelassen zu werden. Da hilft auch intellektuelles Verstehen wenig, emotional packst du das trotzdem nicht. Meine Filmfigur muss den Wandel der Werte begreifen. Deshalb ist eine Depression in diesem Moment vielleicht gar nicht so schlimm. Sie muss ihr Ego neu zusammensetzen und wird so zugleich stärker. Das scheint ein Widerspruch zu sein, aber so funktioniert das nun mal.

Allerdings muss jeder auch erst einmal einen Weg finden, um aus einer bedrängenden Depression herauszufinden ...

... genau. Und es ist besser, dabei nicht zu viele Medikamente zu nehmen. Medikamente sorgen dafür, dass sich eine Distanz zwischen dir und deinem Selbst bildet. Allerdings sind manche Menschen nicht so stark und halten es nur mit Medikamenten aus. Es ist nicht leicht, sein inneres Gleichgewicht zu finden. Aber darüber sollte man nachdenken, bevor man eines Morgens aufwacht und feststellt, dass man gerade 50 geworden ist. Manche kriegen das besser hin als andere. All das gehört meiner Ansicht nach zum Spiel des Lebens.

Wird beim Altersunterschied zwischen Partnern eine doppelte Moral angewendet: Jüngere Frau ist okay, jüngerer Mann nicht?

Wenn dich die Liebe erwischt, interessieren dich Altersunterschiede nicht. Liebe funktioniert doch nicht so, dass dein Kopf dir sagt: Vorsicht, wie wird es wohl mit unserer Beziehung in zehn Jahren aussehen? Aber klar werden unterschiedliche Messlatten angelegt: Denken Sie nur daran, was der französische Präsident Emmanuel Macron durchstehen musste – und doch ist er immer noch mit seiner Frau Brigitte zusammen. Das war übrigens wirklich witzig, als Macron und seine Frau auf den US-Präsidenten Donald Trump und dessen Frau Melania trafen.

Juliette Binoche fungierte als Präsidentin der Berlinale-Jury im Jahr 2019. Quelle: Gregor Fischer/dpa

Ist eine Fake-Existenz für eine Schauspielerin etwas Vertrautes? Legen Sie sich mit jeder neuen Rolle gewissermaßen eine neue Maske an?

Für mich ist die Kamera etwas ganz anderes als eine Maske, sie ist das genaue Gegenteil davon: Die Kamera ist gewissermaßen das Auge der Wahrheit. Vor der Kamera kann ich nur mit Ehrlichkeit bestehen. Sie können mir einen Hut oder eine Brille aufsetzen, Sie können mich wie auch immer für eine bestimmte Rolle verkleiden und schminken: Am Ende muss mein Spiel auf Ehrlichkeit gründen.

Wie finden Sie idealerweise zu dieser Ehrlichkeit?

Das Wichtigste ist: Die Verwandlung in eine Figur findet nicht von außen nach innen, sondern genau umgekehrt von innen nach außen statt. Wenn ich spiele, vergesse ich mich selbst. Über das, was um mich herum stattfindet, müssen in diesem Moment andere nachdenken.

Das klingt, als wäre jeder Film ein persönliches Risiko.

Ich verstehe jeden Schauspieler, der sich für den einen Film entscheidet und gegen einen anderen, weil er seinen Lebensunterhalt bestreiten muss. Auch ein Schauspieler muss ein Dach über dem Kopf haben und seine Rechnungen bezahlen können. Aber wenn ein Schauspieler wählen kann, dann sollte er sich immer für jene Filme entscheiden, die Leute zum Denken bringen und dazu, sich weiterzuentwickeln, kurz: die das Bewusstsein für unsere Welt erweitern.

Sie tun das?

Wenn ich so einen Filmstoff zu entdecken glaube, dann warte ich auch nicht lange: Dann greife ich zum Telefon und rufe den Regisseur an, mit dem ich arbeiten will. Genau das habe ich zum Beispiel heute Morgen hier in Berlin getan.

Tatsächlich, Sie haben sich heute Morgen quasi um eine Rolle beworben? Was ist bei dem Telefonat herausgekommen?

Zu viel mag ich da noch nicht erzählen. Aber, ja, es könnte irgendwann klappen – in zwei Jahren oder in fünf Jahren oder vielleicht auch gar nicht. Zeit spielt dabei keine Rolle. So läuft das eben im Filmgeschäft. Man weiß nie so genau, wie es weitergeht.

Ziehen Sie es vor, mit Frauen hinter der Kamera zu arbeiten?

Klar arbeite ich gern mit Frauen zusammen. Aber das Geschlecht der Person hinter der Kamera ist für mich letztlich nicht entscheidend. Schön ist es, wenn es etwas Verbindendes gibt. Als mich Claire Denis nach unserem gemeinsamen Film „Meine schöne innere Sonne“ angerufen hat und gefragt hat, ob ich bei der Science-Fiction-Geschichte „High Life“ dabei sein möchte, habe ich sofort zugesagt. Ich liebe es, mit Claire zu arbeiten. Ein Film von ihr ist für mich wie eine Skulptur von Camille Claudel. Da geht es um was Feminines – auch nicht allein um Schönheit, sondern um etwas viel tiefer drin.

Sie spielen jetzt erstmals gemeinsam mit Catherine Deneuve und werden gemeinsam mit ihr für den Venedig-Eröffnungsfilm „The Truth“ über den roten Teppich spazieren: Wieso hat dieses Zusammentreffen bloß so lange gedauert?

Die Antwort ist ganz einfach: Wir haben beide viel gearbeitet. Jede von uns war auch viel im Ausland unterwegs, da hat sich wohl nie ein Schnittpunkt gefunden. Wir sind uns zwischendurch aber immer wieder begegnet. Ich kann mich zum Beispiel ziemlich gut daran erinnern, wie wir 1985 mal beim Filmfestival in Cannes zusammen gegessen haben, als dort gerade mein Film „Rendez-Vous“ lief.

Ist Catherine Deneuve in der täglichen Arbeit immer noch so beeindruckend, wie sie in ihren Rollen oft erscheint?

In dem Film des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda spiele ich ihre Filmtochter, und Catherine Deneuve verkörpert eine berühmte Schauspielerin. Ich bin so eine Art Schatten von ihrer Kinofigur, eine Drehbuchautorin, die ihre Mutter zu unterstützen versucht. Für mich ging es auch darum, Catherine Deneuve mit diesem Film zu ehren. Wenn ich daran denke, was sie alles in ihrem Leben gedreht hat, gibt mir das eine andere Perspektive auf mein eigenes: Was für Dinge könnten da wohl noch auf mich warten?

In „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von 1987 betrügt Teresa (Juliette Binoche) ihren Mann mit einer Kneipenbekanntschaft (Stellan Skarsgard). Quelle: obs

Zur Person: Juliette Binoche

Es gibt ein Filmporträt über Juliette Binoche, gedreht von ihrer Schwester Marion Stalens. Die Dokumentation trägt den Titel „Die Wandelbare“. Das passt wunderbar. Juliette Binoche ist zu Hause im französischen Kino („Die Liebenden von Pont-Neuf“, 1991) wie im internationalen („Der englische Patient“, 1996), in unabhängigen Produktionen („Die Liebesfälscher“, 2010) ebenso wie im Mainstream („Chocolat – Ein kleiner Biss genügt“, 2000).

Seit Binoche die 50 überschritten hat (Geburtsjahr: 1964), scheint sie noch einmal voll ins Risiko zu gehen. Allein in diesen Monaten ist sie in gleich drei ganz unterschiedlichen Produktionen auf der Leinwand zu entdecken – in der wortreichen Komödie „Zwischen den Zeilen“ (Regie: Olivier Assayas), im schrägen Weltraumtrip „High Life“ (Regie: Claire Denis) und nun auch in der ins Melodramatische tendierenden Romanze „So wie du mich willst“ (Regie: Safy Nebbou).

Seit gut dreieinhalb Jahrzehnten steht Binoche vor der Kamera. Nur wenn es gar zu sehr in Richtung Blockbuster geht, scheint sie gelegentlich zurückzuzucken. Als Steven Spielberg sie für sein erstes „Jurassic Park“-Abenteuer verpflichten wollte, soll sie gesagt haben: „Wenn er mir vorgeschlagen hätte, einen Dinosaurier zu spielen, hätte ich zugesagt.“

Allerdings hatte sie sich zu diesem Zeitpunkt schon für Krzysztof Kieslowskis „Drei Farben: Blau“ (1993) verpflichtet – und unterschrieb viel später frohgemut beim Monsterspektakel „Godzilla“ (2014).

Der Weg zur Schauspielerin wurde ihr in die Wiege gelegt: Ihr Vater Jean-Marie Binoche war Regisseur, Schauspieler und Bildhauer. Die Mutter Monique Stalens hat polnische Wurzeln und war ebenfalls Schauspielerin und Lehrerin. Die Theaterbühne hat Binoche bereits als Kind betreten. Eine Zäsur bedeutete für sie das Jahr 1985: Da engagierte kein Geringerer als Jean-Luc Godard sie für „Maria und Joseph“.

Eine einzigartige Karriere nahm ihren Lauf, die Binoche zur wohl wichtigsten französischen Schauspielerin ihrer Generation machte. Sie drehte mit Regisseuren wie André Téchiné, Anthony Minghella, Leos Carax, Michael Haneke, Abbas Kiarostami und Claire Denis. Zudem arbeitet sie als Malerin und Tänzerin.

Vom 8. August an sehen wir Binoche in „So wie du mich willst“, einer nicht ganz so leichten Beziehungsgeschichte mit digitalen Bezügen. Binoche spielt eine Frau, die sich auf Facebook einen halb so alten Avatar zulegt – und sich bald schon in zwei Identitäten verstrickt.

Von Stefan Stosch

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