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Panorama Keine „Big Fat Greek Wedding“ mehr
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11:39 05.03.2012
Foto: Prinz Nikolaos, Sohn des entthronten griechischen Königs Konstantin, verzichtete bei seiner Hochzeit mit Tatiana Blatnik nicht auf kirchlichen Segen.
Prinz Nikolaos, Sohn des entthronten griechischen Königs Konstantin, verzichtete bei seiner Hochzeit mit Tatiana Blatnik nicht auf kirchlichen Segen. Quelle: dpa
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Athen

Sinkende Einkommen, steigende Arbeitslosigkeit, höhere Steuern: Viele Griechen müssen inzwischen jeden Euro zweimal umdrehen, bevor sie ihn ausgeben. Das bekommen nicht nur die Einzelhändler zu spüren, die im vergangenen Jahr Umsatzrückgänge von bis zu 30 Prozent verzeichneten. Auch der orthodoxen Kirche laufen immer mehr Gläubige davon: Wegen der Krise verzichten viele Brautpaare auf die teure kirchliche Trauung und geben sich mit einer deutlich preiswerteren Eheschließung im Rathaus zufrieden.

Nach Angaben der Stadtverwaltung von Athen hat sich die Zahl der dort geschlossenen Zivilehen gegenüber früheren Jahren verdoppelt. In vielen Kommunen wird inzwischen die Mehrzahl der Ehen nur noch vor dem Standesbeamten geschlossen. Hauptgrund dürften die Kosten sein. Für eine zivile Eheschließung benötigt ein Brautpaar eine von der Kommune ausgestellte Heiratsgenehmigung. Die kostet pro Paar 36 Euro. Hinzu kommen Gebühren für die eigentliche Trauungszeremonie, die von Stadt zu Stadt unterschiedlich sind. In Athen betragen sie 75 Euro. Die Spannweite in anderen Kommunen reicht von 30 bis 150 Euro.

Aber selbst das ist für viele Brautpaare angesichts der Krise, die den meisten Griechen spürbare Einkommenseinbußen beschert hat, viel Geld. Wer sich zum Jawort in einer griechisch-orthodoxen Kirche entschließt, muss allerdings noch viel tiefer in die Tasche greifen. Rund 1000 Euro kostet eine einfache Eheschließung. Wer viel Blumenschmuck, mehr Kerzen, reichlich Weihrauch und einen Chor wünscht oder gar den Segen eines Bischofs möchte, kommt schnell auf 5000 Euro und mehr.

Lange hatten die Griechinnen und Griechen keine Wahl: Nur ein Pope konnte ihnen das Jawort abnehmen. So war es seit einem Dekret des byzantinischen Kaisers Leon des Weisen, der im Jahr 893 die religiöse Ehe zur einzig gültigen erklärt hatte. Erst 1983 führten die damals regierenden Sozialisten die Zivilehe als gleichberechtigte Option neben der kirchlichen Trauung ein - gegen den erbitterten Widerstand des orthodoxen Klerus.

Die Zivilehe fördere "Ehebruch und Hurerei", zeterte der damalige Athener Erzbischof Avgostinos. Doch es dürfte weniger um die Moral gegangen sein. Denn die Kirche erzielte damals rund ein Drittel ihrer Kollekten bei den Hochzeitszeremonien. Die standesamtliche Trauung war anfangs allerdings kein großer Erfolg. Noch in den neunziger Jahren gaben sich neun von zehn Brautpaaren lieber in der Kirche das Jawort als in den schmucklosen Rathäusern. Jetzt aber verhilft die Krise der lange verschmähten Zivilehe zum Durchbruch.

Gerd Höhler

05.03.2012
04.03.2012