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Panorama Kassandra ist aus dem Koma erwacht
Mehr Welt Panorama Kassandra ist aus dem Koma erwacht
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19:59 21.09.2009
Von Heinrich Thies
„Hätten wir sie nur wenig später entdeckt, wäre sie wahrscheinlich ertrunken“: Die Polizei behandelt das Verbrechen als Mordversuch. Quelle: ddp
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Die mythische Kassandra war dazu verdammt, das Unheil vorherzusehen. Doch die Rufe der Griechin, die der Sage nach den Untergang Trojas voraussagte, verhalten ungehört. Auch die Rufe ihrer Namensvetterin, der neunjährigen Kassandra aus der nordrhein-westfälischen Kleinstadt Velbert-Neviges, verhallten unbeachtet. Ältere Frauen hatten das Kind gehört. So meinen sie jedenfalls jetzt, in der Rückschau. Während ihrer Gymnastikübungen in der örtlichen Turnhalle hörten sie Schreie, erkannten aber nicht den Ernst der Lage. Einige Stunden später stellte sich heraus, dass das kleine Mädchen halbtot geprügelt und von seinem Peiniger in einen Regenwasserschacht unmittelbar hinter der Turnhalle geworfen worden war.

Das Verbrechen geschah am Montagabend vor einer Woche. Kassandra ist mittlerweile aus ihrem Koma erwacht und reagiert, wenn ihre Eltern sie ansprechen. In Neviges, einer Kleinstadt mit Mariendom, Schloss und beschaulicher Altstadt, geht das Leben äußerlich schon wieder seinen Gang. Aber unter der Oberfläche rumort es. „In Neviges brennt die Luft“, sagt der leitende Polizeidirektor Ulrich Koch.

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Die meisten Eltern holen ihre Kinder nach wie vor von der Schule ab. „Alle hier haben Angst“, sagt Annemarie Lange, die am Schulhügel in der Nähe des Tatorts auf ihre achtjährige Tochter Stefanie wartet. Carsten Nasilowski will seine sieben und neun Jahre alten Söhne abholen. „S lange der Täter hier noch frei rumläuft, kann man die doch nicht allein auf die Straße lassen“, sagt der 43-Jährige, der fest davon überzeugt ist, dass der Täter aus dem Ort ist. „Das ist das Schlimmste“, sagt eine Mutter. „Das Gefühl, dass man den vielleicht kennt.“ Die Gerüchteküche brodelt.

Ein Busfahrer will beobachtet haben, wie ein Mann zwei Jungen in sein Auto locken wollte, sogenannte Halbstarke aus dem Ort werden verdächtigt, Einwohner melden, dass sich Nachbarn plötzlich so seltsam verhalten. Polizeisprecher Ulrich Löhe, der selbst in Neviges lebt, konzentriert sich auf die Fakten, bestätigt aber, dass der Täter über hervorragende Ortskenntnisse verfügen muss. „Der kennt sich hier gut aus. Sonst hätte er den überwucherten Gully nie gefunden.“

Im Zuge der intensiven Spurensuche hat die Polizei das Gestrüpp hinter der Turnhalle mittlerweile vollständig entfernt. So wird sichtbar, dass keine 50 Meter vom Gully entfernt Wohnhäuser stehen. Der Tatort ist alles andere als abgelegen – sogar die Polizeidienststelle ist gleich um die Ecke. Kassandra hat vermutlich nur wenige Meter zurückgelegt, bevor sie überfallen wurde. Der Ausgang der katholischen Kinderbetreuung, die sie zuvor besuchte, führt unmittelbar auf den Parkplatz der Sporthalle. Um 17.50 Uhr soll sie „Treff 51“ verlassen haben.

Und so verbrachte sie nach den Ermittlungen die Zeit davor: Nach der Schule geht Kassandra zu ihrer Großmutter, isst dort Mittag und macht Hausaufgaben. Dann bringt sie ihren Ranzen nach Hause und geht wie gewohnt zur Nachmittagsbetreuung, um hier mit anderen Kindern zu spielen. Doch sie bleibt allein mit den drei hier tätigen Erziehern. Kein weiteres Kind besucht an diesem Nachmittag den „Treff 51“. Sie sei wie immer gut gelaunt gewesen, sagt Thomas Prien, der Leiter der Kinderbetreuung. Weil sie beim Aufräumen geholfen habe, sei sie am Ende mit einem Eis belohnt worden. Um 17.30 Uhr habe er Kassandra zuletzt gesehen, gegen 17.50 Uhr habe er die Tür gehört und daraus geschlossen, dass sie gegangen sei. „Sie hat nicht mal Tschüss gesagt. Das hat mich schon gewundert.“

Um 18.15 Uhr kam ihre zehnjährige Schwester in den Treff. Sie hatte Kassandra um 18 Uhr zurückerwartet und sich Sorgen gemacht. „Wir haben überall gesucht“, sagt Prien. Als um etwa 19 Uhr Kassandras Eltern zurückkehrten, machten auch die sich sofort auf die Suche, erstatteten aber schließlich um 20.50 Uhr Anzeige. Zwei Stunden später begann eine Suchaktion mit Hubschrauber und Wärmebildkamera. Zusätzlich forderte der Einsatzleiter die Hundestaffel des Arbeiter-Samariter-Bundes an. Eine lebensrettende Entscheidung. Denn um 1.17 Uhr schlug Suchhund Christo, ein vierjähriger Australian Cattle Dog, vor einem Gully an.

Es regnete in dieser Nacht in Strömen. Kassandra, die ein schwaches Wimmern ausstieß, lag bereits im Wasser. „Hätten wir sie nur wenig später entdeckt, wäre sie wahrscheinlich ertrunken“, sagt Polizeisprecher Löhe. Nachdem das Mädchen ins Universitätsklinikum Essen geflogen worden war, stellten die Ärzte ein Schädel-Hirn-Trauma, eine Unterkühlung sowie schwere innere Verletzungen fest. Jemand muss immer wieder mit einem stumpfen Gegenstand auf sie eingeschlagen haben. Kassandra war voll bekleidet: rosafarbene Regenjacke, schwarzer Kapuzenpulli mit goldener Stickerei, Turnschuhe mit Herzen und Blumen verziert. Hinweise auf einen sexuellen Missbrauch fanden sich nicht. „Es ist aber nicht auszuschließen, dass der Täter vorhatte, sie sexuell zu missbrauchen“, sagt der Polizeisprecher.

Vielleicht wird Kassandra die Frage bald selbst beantworten können. „Wir sind zuversichtlich, dass sie uns in den nächsten Tagen zur Verfügung steht“, sagt Löhe. Das Mädchen werde rund um die Uhr bewacht. „Sie ist unsere wichtigste Zeugin, und es ist klar, dass eine gewisse Gefährdung besteht.“

Die Polizei zeigt auch außerhalb der Klinik Präsenz. Ein Polizist begleitet einen Trupp Zweitklässler von der Grundschule zur hundert Meter entfernten Sporthalle. Auch ein Lehrer ist dabei. „Manche sind schon beruhigt, wenn sie eine Uniform sehen“, sagt Oberkommissar Manfred Schnegelsiepen. Auch andere Kollegen sind deshalb im Einsatz.

„Richtige Ruhe haben wir erst, wenn der Täter gefasst ist“, sagt die Leiterin der katholischen Grundschule, Christa Schreven. Wichtig aber sei es jetzt, die Balance zu halten: „Wir müssen die Ängste ernst nehmen und darüber sprechen, aber auch alles tun, um eine Hysterie zu vermeiden.“