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Panorama Kaiserdom in Königslutter in neuer Pracht
Mehr Welt Panorama Kaiserdom in Königslutter in neuer Pracht
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20:39 02.04.2010
Am Ostersonntag wird der Kaiserdom in Königlutter wieder eingeweiht.
Am Ostersonntag wird der Kaiserdom in Königlutter wieder eingeweiht. Quelle: Herzog
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Die beste Aussicht auf die ganze Pracht des alten Kaiserdoms hat ohne Zweifel Propsteikantor Matthias Wengler. In zwanzig Metern Höhe bedient er, unrasiert und im Freizeitpulli, Tasten und Pedale seiner frisch restaurierten Orgel. Für die Handwerker unten im Kirchenschiff ist es ein kleines Privatkonzert. Blickt er in den Dom, sieht Wengler, was zehn Jahre Fein- und Grobarbeit aus der Stiftskirche in Königslutter (Kreis Helmstedt) gemacht haben. Die in mühevoller Arbeit wieder hergestellten Wandzeichnungen, Gewölbe, Pfeiler und Mauern sind nicht mehr aus rohem Stein, sondern in der Ausmalung von August Essenwein vom Ende des 19. Jahrhunderts. Wengler sieht sanierte Fenster und Bänke, den kompletten Windfang hinter schweren Eingangstüren, den Schmuckfußboden mit in Steinen eingelassenen Kreuzen dort, wo man menschliche Knochenreste fand.

Der Musiker selbst hat auf seiner Empore noch zu tun, um das 1895 von der in Hannover ansässigen Firma Furtwängler & Hammer gebaute Instrument bis zum Ostersonntag, der Wiedereinweihung des Doms, sicher zu beherrschen. „Man darf nicht zu schnell spielen, sonst kommt unten nur noch ein Klangbrei an.“ Bis zum Fest verschwinden auch die letzten Flatterbänder, Farbeimer, Tapeziertische, Bohrer und Planen.

Sie haben ihren Kaiserdom ein wenig versteckt in Königslutter. Die schmale Straße hinauf zur Kirche ist gesäumt von Fachwerkhäusern in mal gutem, manchmal auch schlechtem Zustand, der Ort war früher Zonenrandgebiet, und nach Reichtum sieht es hier nicht aus.

Und erst vor den massiven Mauern wird die Wucht dieses Doms und seiner drei Türme sichtbar, dessen erste Steine vor 875 Jahren Lothar III. von Süpplingenburg und Frau Richenza von Northeim gelegt haben, damals noch in Lutter. In der Nähe gab es bereits zwei Kirchen, genug eigentlich für die Umgebung, aber nicht genug für den Monarchen. Bauhistoriker Norbert Funke vermutet hinter seinem Entschluss zum Dombau irdische Motive, die bei Hofe noch alle Zeiten überdauert haben, „die Demonstration eigenen Machtanspruchs und eine Grabstätte, die seinem Stand entsprach“. Lutter war nur ein Ort, Lothar III. aber Herzog von Sachsen, König und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Er nahm seine Grabstätte schneller in Anspruch als erwartet. Zwei Jahre nach Baubeginn starb der Kaiser 1137 in Tirol, auf dem Rückweg von einem Italien-Feldzug, der ihn bis nach Apulien geführt hatte. Sein Grab findet sich inmitten der Stiftskirche.

Der Dom überdauerte Kriege und Jahrhunderte. Funke glaubt, dass der Kaiser sich beim Bau von in Italien verbreiteten Ideen leiten ließ. Im Kreuzgang finden sich Säulen, die auf eine Verbindung schließen lassen, in Lutter sei dieser Stil erstmals nördlich der Alpen verwandt worden. Der Bauhistoriker schließt daraus, wie auch aus der Größe des Baus, dass die Bedeutung der Stiftskirche „im europäischen Kontext gesehen werden muss“, vergleichbar dem Dom in Speyer und in seinem Rang noch vor den Brüdern in Magdeburg und Braunschweig.

An die 900 Jahre bedeuteten aber zugleich Epochen des Verfalls. Immer wieder wurden Dinge ausgebessert, der romanische Bau unterlag den Moden der Zeit. „Man kann hier sehen, wie die Jahrhunderte durch die Kirche gegangen sind“, sagt Tobias Henkel, Direktor der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und beredter Fürsprecher des Sanierungsprojekts. Der Dom erwache jetzt aus seinem Dornröschenschlaf, den Henkel beinahe exakt auf die Dauer seiner Existenz bestimmt – 873 Jahre.

Der Stiftung ist es zu verdanken, dass die Restaurierung überhaupt möglich geworden ist. Mit Ausnahme von 400 000 Euro, beigesteuert vom Bund, finanzierte sie den Rest der 8,6 Millionen Euro teuren Instandsetzung aus Erträgen von land- und forstwirtschaftlichen Flächen. Mit dem Geld privater Spender wurde die Orgel repariert. In Königslutter sind sie jetzt sehr stolz auf ihren Dom, dem unumstrittenen touristischen Höhepunkt der Stadt. Einen Kaiser konnte Königslutter schon immer vorzeigen, einen bis ins Detail sanierten Dom nicht.

Dabei ist es ein wenig heikel, wenn man von Vermarktung spricht – ein Wort, dem der Ruch anhängt, als würden um einiger Euro willen Seelen verkauft. Henkel sagt: „Der Dom bleibt für uns ein sakraler Raum, er ist aber auch ein Baudenkmal, das wir anderen zugänglich machen wollen.“ Also wird es Führungen geben, die Stiftung arbeitet mit Schulen zusammen. Am Ostersonntag um 14 Uhr wird die Wiedereinweihung mit einem Gottesdienst gefeiert. Am 25. April ist beim Festakt Ministerpräsident Christian Wulff zu Gast.