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Panorama Kachelmann ab Montag wegen Vergewaltigungsvorwurf vor Gericht
Mehr Welt Panorama Kachelmann ab Montag wegen Vergewaltigungsvorwurf vor Gericht
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22:22 03.09.2010
Von Wiebke Ramm
„Ich bin unschuldig“: Jörg Kachelmann (li.) wehrt sich mit seinem Verteidiger gegen den Vorwurf der Vergewaltigung.
„Ich bin unschuldig“: Jörg Kachelmann (li.) wehrt sich mit seinem Verteidiger gegen den Vorwurf der Vergewaltigung. Quelle: dpa
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Darf man seinen Partner betrügen?“ Viele Menschen fangen an übers Wetter zu reden, wenn es im Gespräch heikel wird. Doch kaum einer macht es so professionell und passioniert wie Jörg ­Kachelmann. Heute weiß die Welt, dass der Mann aus der Schweiz gute Gründe hatte, am allerliebsten über das unverfänglichste aller Themen zu sprechen.

Privates hat Jörg Kachelmann kaum je preisgegeben – und wenn es doch einmal passiert ist, soll er es gern mit einer Lüge garniert haben. Dass er Vater zweier Söhne ist, hat er seinen Kollegen bei Meteomedia nur aus Versehen verraten. Sein erstes Kind heiße Christian, habe er auf Nachfrage gesagt – und gelogen, wie man inzwischen weiß.

Übermorgen wird der Wetterexperte nicht über Wolken reden können. Von Montag an wird Kachelmanns Liebes­leben vor dem Landgericht Mannheim seziert – assistiert von Wissenschaftlern und Exgeliebten. 13 Sitzungstage sind bislang geplant, 25 Zeugen und fünf Sachverständige sollen aussagen. Ob schuldig oder nicht – es wird ein Albtraum für den 52-Jährigen.

Jörg Kachelmann muss sich wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall vor der 5. Großen Strafkammer verantworten. Er soll in der Nacht des 8. Februar seine damalige Freundin – wir nennen hier nur ihren zweiten Vornamen Simone – vergewaltigt, sie während und nach der Tat mit einem Küchenmesser mit dem Tod bedroht haben. Der Wettermann bestreitet das. Seine Verteidiger behaupten, die Frau wolle sich an Kachelmann rächen, weil er sie betrogen hat.

Hinlänglich bekannt ist inzwischen, dass Kachelmann in den vergangenen Jahren zahlreiche Affären gehabt hat, etliche davon gleichzeitig. Er selbst soll ­Simone gegenüber in der mutmaßlichen Tatnacht gebeichtet haben, sie mit rund einem Dutzend anderer Frauen hintergangen zu haben. Aus den Boulevardmedien war zu erfahren, welche Praktiken er dabei bevorzugt haben soll. Es geht um Peitschen, Unterwerfung, solche Sachen.

Über das Sexleben des Wettermannes war mehr zu erfahren, als man je wissen wollte. Wie auch immer Kachelmanns Umgang mit Frauen moralisch zu bewerten sein mag: Einen Straftatbestand erfüllt seine Untreue nicht. Und die Frage, die sich stellt, ist: Welche Bedeutung hat sein Liebesleben für das Verfahren? ­Wissenschaftler betonen, sexueller Missbrauch habe weniger mit Lust und Sexualität als vielmehr mit Gewalt und Machtausübung zu tun.

Dennoch werden einige seiner früheren Partnerinnen nun in Mannheim aussagen. Das Gericht nennt keine Namen. Die Staatsanwaltschaft bestätigte nur, dass „diverse weibliche Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten“ geladen seien. Das Gericht will sich mit ihrer Hilfe ein Bild von der Persönlichkeit des Angeklagten machen.

Es scheint Einigkeit zu herrschen, dass der Weg zur Psyche des Fernsehmoderators über sein Sexualleben führt. „Der Sex: Grund für alles“, hat Michel Foucault, französischer Philosoph, schon 1976 geschrieben. In der modernen Gesellschaft diene die Sexualität „als Universalschlüssel, wenn es darum geht zu wissen, wer wir sind“.

Wer ist Jörg Kachelmann? Die Öffentlichkeit hat sich zuletzt viel Mühe gegeben, diese Frage zu beantworten. Frühere Freundinnen wurden schon vor Prozessbeginn zu Sachverständigen. Eine schilderte folgende Begebenheit: „Einmal, in seiner Sendung beim MDR, hat ihn ein Gast gefragt: ,Sind Sie verheiratet?‘ Da hat er gesagt: ,Ich war es mal und bin’s vielleicht bald wieder.‘ Da habe ich mich natürlich gefreut. Inzwischen ist mir klar, dass wir ganz viele waren, die sich gefreut haben.“ Allein, ob Kachelmann eine Frau vergewaltigt hat, ergibt sich daraus nicht.

Es ist eine Krux mit der Wahrheit. Das gilt insbesondere bei Vergewaltigungsvorwürfen. Das perfide an Sexualvergehen ist, dass es zumeist keine Zeugen gibt, sondern nur das mutmaßliche Opfer und den Täter. So ist es auch im Fall Kachelmann. Sie bezichtigt ihn der Vergewaltigung, er streitet ab. Einer lügt.

Eine EU-weite Studie, für die Statistiken von 2001 bis 2007 ausgewertet wurden, hat ergeben, dass in Deutschland jährlich mehr als 7000 Vergewaltigungen angezeigt werden. Rund 1400 kommen zur Anklage, etwa 1000 enden mit einer Verurteilung. Diese Studie eines Forscherteams der Londoner Metropolitan University, die diese Woche beim Kongress der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Berlin vorgestellt wurde, zeigt außerdem, dass falsche Beschuldigungen nur ein Randproblem sind. Die Quote der Falschanschuldigungen liegt bei nur drei Prozent. Doch wie das so ist mit Statistiken, über den Einzelfall sagen sie wenig aus. Ob Simone zu den drei Prozent gehört, wird das Gericht von Montag an zu klären haben.

Auffällig viele Vergewaltigungsverfahren enden allerdings, ohne dass die Wahrheit herauskommt – weil Aussage gegen Aussage steht und Zeugen fehlen.

Wo es keine handfesten Beweise gibt, müssen Indizien her. Und manch einer, der die Hauptverhandlung nicht abwarten will, verrennt sich beim Stochern im Nebel. Eine Fangemeinde von Kachelmann verkündet im Internet, Simone habe sich für ihren „Rachefeldzug“ von der Serie „Verbotene Liebe“ inspirieren lassen. Tatsächlich ging es auch in der ARD-Vorabendserie um einen Vergewaltigungsvorwurf. Ein junger Bauarbeiter hat sich dort vor Gericht verantworten müssen. Er ist freigesprochen worden. Die Vergewaltigung war inszeniert, der vermeintliche Täter Opfer einer Intrige.

Die Kachelmann-Anhänger haben jedoch übersehen, dass die entsprechenden „Verbotene Liebe“-Folgen erst vom 1. März an ausgestrahlt wurden. Da hatte die Frau Kachelmann längst angezeigt. Simone hat ausgesagt, dass sie nach der Tat, als Kachelmann weg war, erst mal ihre CDs alphabetisch sortiert habe. Am frühen Morgen ging sie zu ihren Eltern, die gegenüber wohnen. Es war ihr Vater, der am 9. Februar die Polizei rief.

Auf die Spitze treibt es aktuell der „Focus“. Auf einer Doppelseite druckt er einen Querschnitt der Wohnung, in der das mutmaßliche Opfer noch heute lebt – inklusive Originalfotos, auf denen das schmutzige Geschirr in der Spüle und die Zahnpastatube im Bad zu erkennen sind. Doch auch der voyeuristische Blick in die Wohnung hilft in der Frage, ob die 37-Jährige dort auch vergewaltigt worden ist, nicht weiter. Der Weg zur Wahrheit wird ein beschwerlicher werden.

Kachelmann hat die Frage, ob man seinen Partner betrügen darf, übrigens beantwortet. Seine Antwort: „Im Prinzip nein.“ Im Dezember 2004 war das. Mit Simone war er da schon zusammen. Mit vielen anderen Frauen auch.

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