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Panorama Juristische Deutung im Kachelmann-Prozess beginnt
Mehr Welt Panorama Juristische Deutung im Kachelmann-Prozess beginnt
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12:47 18.05.2011
Von Wiebke Ramm
Am 1. Mai entscheidet das Landgericht Mannheim, ob Kachelmann den Gerichtssaal als freier Mann verlassen darf. Quelle: dpa
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Moralisch ist Jörg Kachelmann schuldig. So viel steht nach 41 Verhandlungstagen fest. Er hat bemerkenswert vielen Frauen vorgemacht, sie seien die einzigen in seinem Leben. Doch Herzen zu brechen und Frauen zu betrügen ist kein Straftatbestand. Eine Frau zu vergewaltigen schon. Die einzige Frage, die die Richter des Landgerichts Mannheim beantworten müssen, lautet daher: Reichen die Indizien aus, um den ehemaligen ARD-Wettermoderator wegen Vergewaltigung für mindestens fünf Jahre ins Gefängnis zu schicken? Die Beweisaufnahme ist beendet. Am Mittwoch haben die Staatsanwaltschaft und die Nebenklage das Wort. Sie werden wohl auf schuldig plädieren.

Simone W. (Name geändert) behauptet, im Februar 2010 von Kachelmann mit einem Messer bedroht und vergewaltigt worden zu sein. Er streitet es ab. Aussage steht gegen Aussage. Gutachter – die besten auf ihrem Gebiet – haben wissenschaftlich geprüft, ob die Frau die Wahrheit sagt.

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Die von der Staatsanwaltschaft beauftragte Bremer Rechtspsychologin Luise Greuel kam zu dem Schluss: Ob Simone W. das, was sie sagt, auch tatsächlich erlebt hat, lässt sich nicht bestätigen. Greuel konnte auch nicht ausschließen, dass die heute 37-Jährige selbst glaubt, vergewaltigt worden zu sein, obwohl die Tat nie stattgefunden hat. Die Staatsanwaltschaft hat schriftlich Einwände gegen das Gutachten erhoben. Daraufhin konterte die Verteidigung mit einem nächsten Gutachter: Günter Köhnken aus Kiel kam zu einem ähnlichen Ergebnis wie Greuel, mit dem Unterschied, dass Köhnken nicht ausschloss, dass Simone W. auch absichtlich gelogen haben könnte.

Das Gericht beauftragte einen dritten Sachverständigen, den wohl angesehensten forensisch-psychiatrischen Gutachter Deutschlands, Hans-Ludwig Kröber von der Berliner Charité. Er stellte fest: Simone W. ist grundsätzlich in der Lage, die Wahrheit zu sagen, darüber hinaus sei das Greuel-Gutachten richtig. Die Antwort der Experten lässt sich zusammenfassen mit: Vielleicht sagt W. die Wahrheit, vielleicht aber auch nicht.

Doch Gutachten entlasten die Richter ohnehin nicht von ihrer ureigenen Aufgabe, über Schuld und Unschuld zu entscheiden. Die Richter machten sich selbst ein Bild von dem mutmaßlichen Opfer und befragten es mehr als 20 Stunden lang. Die Vernehmung geschah hinter verschlossenen Türen, wie so vieles in diesem Prozess. Das Medientohuwabohu war trotzdem riesig: „Bild“ schickte ausgerechnet Alice Schwarzer als Kommentatorin in den Saal, die sich dort wie auch sonst der Sache der Frauen verpflichtet fühlte. Man musste kaum zwischen den Zeilen lesen, um zu merken, dass sie Kachelmann eher nicht für unschuldig hielt.

Eine andere Illustrierte wählte den direkten Weg zur Aufmerksamkeit und kaufte sich für 50.000 Euro die Geschichte einer früheren Geliebten des Schweizers, um deren vermeintlich intime Kenntnisse groß rauszubringen. Vor Gericht ist diese Frau, eine 34-jährige Försterin, die einzige, die öffentlich aussagen musste. Zeitungen, die darüber berichtet haben (so auch diese Zeitung), bekamen Post von ihrem Anwalt. Ein anderer Jurist, Johann Schwenn, drängte erst Kachelmanns ersten Anwalt Reinhard Birkenstock mitten im Verfahren aus der Verteidigung und wetterte dann als neuer Verteidiger beständig gegen „Bunte“, Schwarzer und die Missachtung von Persönlichkeitsrechten.

Kachelmann selbst gab im November der „Bild“, die er gerne „Größte Anzunehmende Zeitung“ nennt, ein Interview, wo er verkündete, künftig monogam leben zu wollen. Durchaus konsequent heiratete der 52-Jährige im März eine 25-jährige Psychologiestudentin, die im vergangenen Jahr am Frankfurter Flughafen seine Festnahme miterleben musste.

Wenn am Mittwoch die Staatsanwaltschaft vermutlich auf schuldig und nächste Woche die Verteidigung mit Sicherheit auf nicht schuldig plädieren wird, wird bisher Verborgenes doch noch öffentlich zur Sprache kommen. Dass damit die ganze Wahrheit ans Licht kommt, darf bezweifelt werden. Es sind juristische Interpretationen der Wirklichkeit. Eine Klarheit ohne Zweifel wird es in diesem Fall nicht geben. Kachelmann kann tatsächlich das Opfer einer Frau geworden sein, die sich für seine Untreue rächte. Auch Simone W. kann die Wahrheit sagen. Aber nach allem, was die Öffentlichkeit bisher erfahren hat, bleiben zu viele Zweifel. Wenn hinter verschlossenen Türen nicht deutlich Belastendes hinzugekommen ist, wird Kachelmann nach dem Urteil am 31. Mai den Gerichtssaal als freier Mann verlassen.

Vergangenen Sonnabend ließ Kachelmann via Twitter seine Anspannung erkennen. „@Volker_Herres ist mein 5021. Follower“, schrieb er da: „Ist das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?“ Herres ist Programmdirektor der ARD – und Kachelmann sicher gewillt, dort bald wieder Regen und Sonnenschein vorauszusagen.