Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Jugendliche suchten Sex-Infos im Internet
Mehr Welt Panorama Jugendliche suchten Sex-Infos im Internet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:46 23.07.2010
Der Ort Nes auf der Westfriesischen Insel Ameland: Die Täter bereuen inzwischen ihre sadistischen Handlungen. Quelle: dpa
Anzeige

Vor den sexuellen Quälereien in einem Ferienlager auf der Insel Ameland haben sich die Kinder aus dem Internet Informationen über Sexpraktiken geholt. "Dort konnten sie Anleitungen zu analen Sexpraktiken finden", sagte am Freitag Alexander Retemeyer von der Staatsanwaltschaft Osnabrück über die bisherigen Vernehmungen. Videos der Gewalttaten seien bisher zwar nicht aufgetaucht, die Polizei beobachte aber das Internet.

Die Täter, selbst erst 14 und 15 Jahre alt, hätten inzwischen bei den Vernehmungen Reue gezeigt, sagte Osnabrücks Polizeisprecher Georg Linke. Im Schlafsaal des Feriencamps "Silbermöwe" auf Ameland haben sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft schreckliche Gewaltszenen abgespielt. 13- und 14-Jährige wurden danach von ihren Ferienlagerkameraden gequält.

Anzeige

In der Unterkunft wurden die jüngsten und schwächsten unter den 39 Teilnehmern der Gruppe nachts aus den Betten gerissen und in die Mitte des Saales gezerrt. Dann soll eine johlende Meute versucht haben, ihnen Colaflaschen oder Besenstiele in den Po zu stecken. Einige Opfer konnten sich nur durch hefige Gegenwehr schützen oder flüchten.

Die Vorwürfe drehen sich um schweren sexuellen Missbrauch oder Vergewaltigung. Bisher gebe es 13 potenziell Beschuldigte, drei Geständige und sechs Opfer, die zum Teil auch Täter gewesen seien, sagte Retemeyer. Bis zum Ferienende sollten alle 39 Kinder vernommen werden. Danach werden die Betreuer gehört. Einige von ihnen sollen nach Hinweisen auf die Vorfälle nicht eingegriffen haben.

Die Jugendlichen bereuten nun ihre Taten, sagte Linke. "Sie hatten aber offenbar kein Gespür darüber, welche Gefühle sie bei den Opfern auslösten. Die Grenze zwischen Spiel und Straftaten war für sie nicht erkennbar." Die Mutter eines Kindes hatte Anfang Juli Anzeige erstattet. Danach habe die Polizei zehn Tage ungestört ermitteln können, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Jetzt werde die Aufarbeitung der sexuellen Quälereien durch den großen Medienrummel zunehmend erschwert. Eltern von aussagewilligen Kindern hätten Termine zur Vernehmung ihrer Kinder abgesagt, ihre Häuser würden von Journalisten umlagert. Die Ermittler wollen auch den Tatort auf Ameland untersuchen. Mit niederländischen Behörden werde geprüft, ob es vor kurzem einen Polizeieinsatz auf der Insel im Zusammenhang mit den Fällen gegeben hat.

Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) betroffenen Osnabrücker Schülern seine Hilfe zugesichert. "Wir werden die Opfer dieser schrecklichen Taten bei ihrer Rückkehr in den Schulalltag bestmöglich unterstützen. Außerdem werden wir gemeinsam mit den Schulleitungen sorgfältig prüfen, wie die betroffenen Schulen mit den minderjährigen, schulpflichtigen mutmaßlichen Tätern umgehen sollten", teilte der Minister am Freitag mit.

Ein Bericht solle aufzeigen, an welchen Schulen Opfer, mutmaßliche Täter und Zeugen unterrichtet werden und welche Möglichkeiten zur Unterstützung zum Schuljahresbeginn angeboten werden können. Darüber hinaus werde im Kultusministerium geprüft, ob die Programme zur Gewaltprävention mit Blick auf die Fälle angepasst oder erweitert werden müssten. Dies gelte sowohl für die Verhinderung von Gewalttaten unter Schülern als auch für ein angemessenes Handeln von Lehrern. "Den Opfern und Zeugen gebührt großer Respekt dafür, dass sie den Mut haben, gegen die Täter auszusagen", sagte Althusmann. Ihre Aussagen machten eine lückenlose Aufklärung der Vorgänge durch Polizei und Staatsanwaltschaft erst möglich.

Eltern sollten ihre Kinder nach Ansicht von Experten nicht in Jugendgruppen mit großem Altersunterschied auf Reisen schicken. Wenn Kinder und Jugendliche von 8 bis mehr als 14 Jahren zusammengebracht werden, entstehe oft eine starke Hierarchie, erklärt Ludwig Ottenbreit vom Jugendreisen-Fachverband Reisenetz. Mit einem solchen Machtgefälle steige die Gefahr von Übergriffen, sagte der Geschäftsstellenleiter der Organisation in Berlin.

Zwischen Betreuern und Teilnehmern müsse dagegen ein deutlicher Altersunterschied liegen. Die Faustregel für die Betreuer laute "ältester Teilnehmer plus fünf Jahre", sagte Ottenbreit. Das sei für die Autorität der Gruppenleiter wichtig

dpa