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Panorama Jodeln für Nordlichter - mit Diplom
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13:55 09.10.2011
Josef Ecker (2. v. l.) bringt den Norddeutschen das Jodeln bei.
Josef Ecker (2. v. l.) bringt den Norddeutschen das Jodeln bei. Quelle: dpa
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Rosengarten

Der Kiekeberg ist gerade hoch genug, um in der Ferne Hamburg auszumachen. Mit seinen 127 Metern ist er eine der höchsten Erhebungen im Norden. Der bayerische Jodellehrer Josef Ecker ist da mehr gewohnt. Aber hier, in der norddeutschen Tiefebene im Kreis Harburg muss es halt langen. Draußen versammeln sich seine Schüler, an diesem kühlen Herbstmorgen sind es nur drei. Klar sind am Horizont Fernsehturm, Michel und Elbphilharmonie zu erkennen. Ein ungewöhnlicher Schauplatz für das, was nun kommt.

„Jodeln ist die Stimme der Natur, es öffnet Körper und Seele“, sagt Ecker, „und auf dem Berg öffnet sich der Körper von selber“. Die kleine Gruppe steht mit ihrem Lehrer am Waldesrand und beginnt mit Atemtechniken. „Die Städter atmen immer zu hektisch“, sagt Ecker. Zu den Streck- und Lockerungsübungen gehört auch ein dreifacher Klaps auf das Hinterteil des Nachbarn, dann geht es los.

Es beginnt mit dem sanften „düüüüü“ einer imaginären Mücke. Josef Ecker macht es vor und seine Schüler stimmen begeistert ein. Dann folgt ein Lockjodler, der die zwischenmenschliche Kontaktaufnahme erleichtern soll. „Hätt i di ä dul i ri ä hob i di“. Verblüffend schnell gewinnt das Ganze an Fahrt, da ist kaum die erste Stunde vergangen. Vier Ponys auf einer nahen Weide schauen irritiert herüber, dann zupfen sie weiter am frischen Grün.

Josef Ecker hat Glück, die drei heute sind musikalisch vorbelastet. Elisabeth Gerigk de Santos unterrichtet Querflöte, Sekretärin Rosemarie Milbradt singt im Chor und der promovierte Physiker Jörg Kunze spielt Klavier. Gejodelt hat aber noch keiner von ihnen. Elisabeth und Rosemarie haben im Radio von Eckers Kursen gehört. Der enthusiastische Alpinkletterer Jörg hat im Internet recherchiert, wo er die bei seinen Klettertouren liebgewonnenen Klänge selbst üben kann.

„Jeder kann Jodeln lernen. Es ist egal, ob man singen kann oder nicht“, sagt Ecker. Er selbst hat es als kleiner Bub von der Mutter erlernt, schon mit acht Jahren unterhielt er damit die Touristen daheim im Chiemgau. Später unterrichtete er an einer Schule Musik und Gesang. Dann kam ihm die Idee mit den Jodelseminaren. „Seitdem habe ich etwa 25 000 Leuten das Jodeln beigebracht“, sagt Ecker.

Seine Kurse hält er in ganz Deutschland ab, er jodelt mit Managern und Arbeitern, mit Opernsängern und Volkshochschülern, mit Senegalesen und Schotten. „Jodeln ist Lebensfreude, verbindend und gesund“, ist seine Botschaft. Und: „Man muss aus sich herausgehen, das ist das Wichtigste neben Atemtechnik und Stimmkraft.“

Am Ende des Tages winkt ein Jodeldiplom. Die Idee mit dem Diplom hat Ecker von Loriot, aber die Sache ist ihm durchaus ernst. „Das Jodeln ist kein Schmarrn, sondern hat einen Hintergrund - das ist schon ein Stück Kulturgut.“ Eine uralte Verständigungstechnik über große Entfernungen hinweg sei es auch.

Am Kiekeberg geht es zwar erheblich lebendiger und fröhlicher zu als in dem legendären Sketch mit Frau Hoppenstedt, doch auch hier müssen die Silben sitzen. „Das musst Du wie eine Fremdsprache nehmen und Vokabeln lernen“, mahnt Ecker. „Holla re dü rü holla ro dü rü holla re dü rü. Das „r“ muss ganz kurz kommen“, korrigiert er. Zwar erinnert das schon an Loriots „zweites Futur bei Sonnenaufgang“, ist aber notwendiges Rüstzeug für den „Bibihenderl“, den die Schüler mit Begeisterung üben.

„Jetzt kommt die Prüfungsphase“, droht Ecker am Nachmittag. Dazu gehört der rechte Umgang mit zweckentfremdeten Holzlöffeln zur Begleitung, das Einüben komplexerer Jodler sowie das Vortragen selbstgedichteter „Gstanzl“, spöttischer Vierzeiler. Alles klappt famos. Dann ist es soweit, feierlich werden die Diplome verteilt.

„Da hat die Frau was Eigenes in der Hand, damit sie auf eigenen Füßen steht“, sagt Ecker. Die drei Kursteilnehmer freuen sich sichtlich. Telefonnummern werden ausgetauscht - das soll es nicht gewesen sein mit dem Jodeln in Norddeutschland.

dpa

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