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Panorama Japanisches Unglückskraftwerk Fukushima verseucht das Meer
Mehr Welt Panorama Japanisches Unglückskraftwerk Fukushima verseucht das Meer
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22:17 27.03.2011
Schuld an dem dramatischen Anstieg des Strahlungsaustritts in Fukushima ist offenbar ein Leck in Reaktor 2. Quelle: dpa
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Die gemessenen Strahlungswerte überstiegen das Normalmaß um das Zehnmillionenfache, erklärte der Kraftwerksbetreiber Tepco zunächst. Die Arbeiten zur Instandsetzung der Kühlsysteme an den vier havarierten Reaktoren wurden daraufhin zwischenzeitlich unterbrochen. Später dann zog Tepco jedoch die Angaben zum Grad der Radioaktivität zurück. Der Fehler sei wegen „Verwirrungen“ bei den Messungen von Jod und Kobalt im Wasser zustande gekommen, hieß es. Am Montagmorgen hieß es dann: die gemessene Strahlung sei 100.000-mal höher als Normal.

Schuld an dem dramatischen Anstieg des Strahlungsaustritts ist offenbar ein Leck in Reaktor 2. Die Strahlung wurde in Wasser im Turbinengebäude des Reaktors gemessen. Kabinettsminister Yukio Edano erklärte, die kontaminierte Flüssigkeit stamme „fast zweifellos“ aus dem Reaktorkern. Arbeiter hatten versucht, Wasser aus den vier beschädigten Reaktoren abzupumpen, eine Voraussetzung für die Wiederinbetriebnahme der Kühlanlagen. Am Sonnabend hatte Edano bereits mitgeteilt, das wohl auch der Druckbehälter von Reaktor 3 beschädigt sei.

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Das Meer vor dem direkt an der Küste gelegenen Kraftwerk ist inzwischen ebenfalls stark strahlenverseucht. Am Sonntag überstieg die Menge von radioaktivem Jod 131 den gesetzlichen Grenzwert um das 1850-fache, teilte die japanische Atomsicherheitsbehörde Nisa mit. Die Probe wurde 330 Meter vom Ufer entfernt entnommen. Am vergangenen Donnerstag lag der Wert noch 145-mal über der Höchstgrenze, bevor er am Sonanbend auf das 1250-fache geschnellt war.

Die Belastung ist so hoch, dass ein Mensch nur einen drittel Liter des Wassers trinken müsste, um so viel Radioaktivität aufzunehmen, wie er in einem Jahr vertragen kann. Japanische Experten versuchen die Öffentlichkeit mit dem Hinweis zu beruhigen, dass sich die Strahlung im Meer schnell verdünnen werde. In den vergangenen zwei Wochen waren Tausende Tonnen Meerwasser zur Kühlung der Reaktoren verwendet worden und vom Kraftwerksgelände ungeschützt zurück in den Pazifik geflossen. Die Kühlung mit Salzwasser erschwert inzwischen die Rettungsversuche, weil sich tonnenweise Salz in den Reaktorgefäßen und an den Brennelementen abgesetzt haben dürfte. Nach Angaben des Kraftwerkbetreibers werden deshalb Vorbereitungen getroffen, um wieder Süßwasser zur Verfügung zu haben.

Die Verseuchung des Meeres hält inzwischen viele internationale Reedereien davon ab, ihre Schiffe nach Tokio zu schicken. Japan will kommende Woche bei einer Tagung der Welthandelsorganisation (WTO) an andere Länder appellieren, nicht „überzureagieren“. Inzwischen sind zahlreiche japanische Lebensmittel aus der Krisenregion mit Importverboten belegt. In der EU werden derzeit Lebensmittel und Futterstoffe aus den zwölf am schlimmsten betroffenen japanischen Präfekturen auf Strahlung überprüft. Außerdem müssen Importeure eine Bestätigung der japanischen Behörden vorlegen, dass die Produkte die europäischen Grenzwerte einhalten.

Die Sorge um die Situation in Fukushima überschattet die andauernden Bemühungen um die Versorgung der Tsunamiopfer. Nach neuesten Statistiken kamen bei der Naturkatastrophe 10.151 Menschen um Leben. Mehr als 17.000 werden noch vermisst und dürften größtenteils ebenfalls tot sein. Rund 240.000 Japaner leben in einer der etwa 1900 Notunterkünfte. In vielen Regionen gilt die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser, Medizin, Treibstoff und anderen Lebensnotwendigkeiten weiterhin als schlecht. Winterliche Temperaturen und Schnee erschweren das Schicksal der Betroffenen sowie die Aufräumarbeiten.

Die Mehrheit der Japaner sieht das Krisenmanagement der Regierung inzwischen kritisch. In einer Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo erklärten 58 Prozent der Befragten ihre Unzufriedenheit, 39 Prozent äußerten sich positiv. Bei der Versorgung der Tsunamiopfer bekommt die Regierung allerdings bessere Noten. 58 Prozent der Befragten erklärten, Tokios Maßnahmen seien angemessen. Die Zustimmung für die Regierung lag bei gut 28 Prozent und damit deutlich höher als vor dem Erdbeben, als weniger als 20 Prozent der Japaner mit dem Kabinett von Premier Naoto Kan zufrieden waren. Die kleine Anti-Atomkraft-Bewegung Japans erhält derweil leichten Zuwachs. Am Sonntag demonstrierten einige hundert Atomkraftgegner in Tokio.

Bernhard Bartsch