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Panorama Japan will radioaktive Strahlung mit Kunstharz eindämmen
Mehr Welt Panorama Japan will radioaktive Strahlung mit Kunstharz eindämmen
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16:15 30.03.2011
Eine Luftbildaufnahme zeigt die havarierten Reaktorblöcke 3 und 4 in Fukushima. Quelle: dpa
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Es ist die schiere Verzweiflung im Kampf gegen die Strahlen-Lecks in Fukushima: Japans Regierung will die verstrahlten Trümmern mit Kunstharz besprühen lassen, um die Radioaktivität einzudämmen. Dabei soll ein ferngesteuertes Fahrzeug zum Einsatz kommen, wie die Nachrichtenagentur Kyodo am Mittwoch meldete.

Die Messwerte für radioaktives Jod-131 im Meerwasser vor Fukushima kletterten nach Angaben des Fernsehsenders NHK auf einen Rekordwert. Fachleute sind uneins, ob die 20-Kilometer-Evakuierungszone vergrößert werden sollte. Der Präsident des Atomkonzerns Tepco kam mit „Bluthochdruck“ ins Krankenhaus.

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Regierung und Atomexperten in Japan diskutierten „jede Möglichkeit“, um das havarierte Kraftwerk unter Kontrolle zu bringen, sagte Regierungssprecher Yukio Edano am Mittwoch nach Angaben von Kyodo.

Der Hintergrund: An der Küste bei Fukushima wurde der gesetzliche Grenzwert an radioaktivem Jod-131 um das 3355-Fache überschritten. Der Wind drehte am Mittwoch in Richtung Tokio. Mit ihm könnten radioaktive Partikel den Ballungsraum mit seinen 35 Millionen Menschen am Donnerstag für einige Stunden erreichen. Das meldete der Deutsche Wetterdienst in Offenbach.

Das Besprühen der Fukushima-Trümmer mit wasserlöslichem Kunstharz soll Donnerstag beginnen. Die Harzschicht könnte verhindern, dass der Küstenwind radioaktiv belasteten Staub fortträgt.

Die Regierung überlegt außerdem, die Reaktoren mit Spezialgewebe abzudecken. Um was für ein Gewebe es sich handeln könnte, sagte Edano bei der Pressekonferenz nicht. Als dritte Notmaßnahme ist im Gespräch, radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem Kraftwerk in ein Tankschiff auf dem Meer zu pumpen.

Denn das kontaminierte Wasser in den Kellern von Fukushima konnte wegen fehlender Tanks bisher nur teilweise abgepumpt werden. Es gefährdet die Gesundheit der Techniker und Arbeiter, die die vier am schwersten beschädigten Reaktoren unter Kontrolle bringen sollen.

Dort drohen bei einem neuerlichen Ausfall der Kühlung nach wie vor Kernschmelzen. Der Stromkonzern Tepco räumte am Mittwoch ein, dass diese vier Blöcke nach wie vor nicht unter Kontrolle sind. Vorstandschef Tsunehisa Katsumata sagte in Tokio, der Konzern habe noch kein genaues Konzept zur Bewältigung des Atomunfalls.

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte nach eigenen Strahlenmessungen eine Ausweitung der Evakuierungszone von derzeit 20 auf 40 Kilometer. Außerhalb der Sicherheitszone seien die Werte zum Teil höher als innerhalb. So zeigten Messungen in dem 7000-Einwohner-Ort Iitate - 40 Kilometer vom Kraftwerk - eine Strahlenbelastung von bis zu zehn Mikrosievert in der Stunde. Im Ort Tsushima seien bis zu 100 Mikrosievert pro Stunde gemessen worden - nach Greenpeace-Angaben wurde dort die maximale Jahresdosis für Menschen in acht Stunden erreicht.

Vor allem Kindern und schwangeren Frauen drohe Gefahr. „Sie könnten die maximal zulässige jährliche Strahlendosis in nur wenigen Tagen abbekommen“, warnte Greenpeace-Strahlenexperte Jan van de Putte in Tokio. Im Vergleich zur Lage vor zwei Wochen sind die Strahlenwerte in Iitate jedoch schon zurückgegangen.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass noch größere Gebiete geräumt werden müssen“, sagte der österreichische Physiker Helmut Hirsch der Nachrichtenagentur dpa. Die freigesetzten Mengen an Radioaktivität seien beträchtlich und könnten noch zunehmen.

Der Chef des Instituts für Strahlenbiologie am Münchner Helmholtz-Zentrum geht jedoch davon aus, dass die 20-Kilometer-Evakuierungszone ausreicht. „Wenn die Werte nicht deutlich weiter steigen, hat man Zeit“, sagte Direktor Michael Atkinson auf Anfrage.

Doch bei den hoch belasteten Gebieten innerhalb der Evakuierungszone geht Atkinson davon aus, dass die nächsten 100 Jahre zumindest kein Gemüse mehr angebaut werden kann. „Da ist es fraglich, ob es überhaupt Sinn macht, zurückzukehren“, sagte der Wissenschaftler.

Die Arbeiter in Fukushima sind zunehmend erschöpft. Auch bei ihnen wächst die Angst vor dauerhaften Gesundheitsschäden. Das sagte ein Manager einer Vertragsfirma des Betreibers Tepco der Zeitung „Asahi Shinbun“.

Die Arbeiter seien angesichts der endlosen Schwierigkeiten zunehmend nervöser. Ihnen fehlt es an Essen, Schlafgelegenheiten und Decken. Tepco versprach eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Die Bundesregierung erwartet die ersten Schiffe aus Japan, die möglicherweise mit Radioaktivität belastet sind, Mitte April in Deutschland. Eine Sprecherin des Umweltministeriums betonte in Berlin, man sei im Gespräch mit den zuständigen Behörden. Bis dahin soll geklärt werden, wie die Strahlen-Checks aussehen sollen. Hamburg als Stadt mit dem größten deutschen Hafen forderte europaweite Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Schiffen und Containern.

Während die Arbeiter gegen die Kernschmelze kämpfen, ist der seit mehr als zwei Wochen aus der Öffentlichkeit verschwundene Tepco-Präsident Masataka Shimizu nun arbeitsunfähig. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht. Nach Angaben von Kyodo litt Shimizu an Bluthochdruck und Schwindel. In Japan gab es seit Tagen Gerüchte, dass er sich wegen der Katastrophe das Leben genommen haben könnte oder ins Ausland geflohen sei.

Die japanische Regierung will alle sechs Reaktoren in Fukushima Eins nie mehr ans Netz gehen lassen. „Das ist sehr klar, wenn man an die gesellschaftlichen Umstände denkt“, sagte Regierungssprecher Edano laut einer Kyodo-Meldung. Der Atomkonzern Tepco schloss dagegen nicht aus, dass die zwei noch funktionstüchtigen Reaktoren 5 und 6 wieder in Betrieb gehen könnten. Tepco will zunächst nur die irreparabel beschädigten Blöcke 1 bis 4 dauerhaft stilllegen.

Angesichts der Energieknappheit erwägt die japanische Regierung auch die Einführung der Sommerzeit, damit große Unternehmen Energie sparen. Experten fürchten anhaltende Energieknappheit mit gravierenden Folgen für die japanische Wirtschaft. Außerdem will die Regierung von Ministerpräsident Naoto Kan die Atomaufsicht aus dem Wirtschaftsministerium herauslösen, um eine unabhängigere Kontrolle als bisher zu gewährleisten.

dpa