Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Jagdhunde adoptieren Wildschwein-Nachwuchs
Mehr Welt Panorama Jagdhunde adoptieren Wildschwein-Nachwuchs
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:11 22.07.2009
Wildschein "Schnitzel" schmust in Wiblingwerde auf dem Hof von Landwirt Heiko Cordt mit Labradorhündin Cora. Quelle: Philipp Guelland/ ddp
Anzeige

Inzwischen haben die fünf Jagdhunde der Familie „Schnitzel“ gewissermaßen adoptiert.

„Ich war gerufen worden, weil eine Rotte Wildschweine einen Garten verwüstet hatte“, erinnert sich Heiko Cordt. Beim Eintreffen des Jägers ergriff die Wildschweinfamilie die Flucht. Nur der damals etwa eine Woche alte Frischling war zu unerfahren, um sich in dieser gefährlichen Situation seiner Familie anzuschließen. „Ich habe ihn dann eingefangen und mit auf den Hof genommen, ansonsten wäre er wohl von Füchsen gerissen worden oder verhungert“, sagt Cordt.

Anzeige

Die Jagdhunde der Familie gewöhnten sich rasch an das neue „Familienmitglied“: „In der ersten Woche hatte er wohl noch Welpenschutz, dann waren die Hunde immer dabei, als er die Flasche gekriegt hat.“ Die bekommt „Schnitzel“ zwar immer noch, allerdings bedient er sich auch schon aus dem Napf seiner Ersatzfamilie. Die Jagdhunde lecken dem Frischling auch ausgiebig das Fell und toben mit dem verspielten Schwarzkittel auf dem ausgedehnten Hofgelände.

Allerdings will Cordt dem Wildschwein jetzt Manieren beibringen. „Wenn er bei uns leben soll, dann muss er sich auch an gewisse Regeln halten“, findet er. Das ist auch erforderlich, denn als ausgewachsener Keiler kann „Schnitzel“ später auf bis zu 150 Kilogramm Lebendgewicht kommen. Dann sollte er wenigstens auf Kommandos wie „Sitz“ oder „Platz“ hören. Ein späteres Auswildern hält Cordt für nicht Erfolg versprechend.

Seinen ungewöhnlichen Namen verdankt „Schnitzel“ einer Tiersendung aus einem deutschen Zoo, die Cordt kurz vor der Begegnung mit dem kleinen Wildschwein im Fernsehen gesehen hat. Dort hörten zwei Warzenschweine auf „Keule“ und „Schnitzel“.

Bei aller Sympathie für „Schnitzel“, als Jäger muss Cordt den Bestand der wildlebenden Wildschweine im Auge behalten, denn dieser ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Auf der Suche nach Nahrung hinterlassen die Tiere nicht nur in Wäldern und Feldern erhebliche Verwüstungen. Auch wenn sie sich in bewohnte Gebiete vorwagen und liebevoll gepflegte Gemüsegärten heimsuchen, ist der Ärger groß.

Problematisch gelten Wildschweine auch, weil sie die Schweinepest übertragen können und in viele schwerwiegende Wildunfälle verwickelt sind.

Deshalb fordern nicht zuletzt auch viele Landwirte, dass die Jäger mehr Wildschweine ins Visier nehmen. Im Jagdjahr 2007/2008 wurden in NRW nach der amtlichen Statistik 30 469 Stück Schwarzwild erlegt, 13 772 Tiere mehr als im Jahr davor.

Vorwürfe, die Jäger seien zu wenig aktiv, weist Cordt zurück: „Im Märkischen Kreis hat sich im vergangenen Jahr die Zahl der Abschüsse verdoppelt.“ Das verstärkte Aufkommen der Wildschweine sei ein hausgemachtes Problem. In der Region mangele es nicht an Maisfeldern und anderen nahrhaften Gewächsen, an denen sich die Tiere gütlich tun können. Das gute Nahrungsangebot trage dazu bei, dass sich die Tiere reichlich vermehren. Auch gebe es keine strengen Winter mehr, die in der Vergangenheit einen großen Teil des Wildschweinnachwuchses das Leben gekostet haben.

Der Ärger mit seinen frei lebenden Artgenossen kann „Schnitzel“ jedenfalls egal sein. Bei guter Pflege und erfolgreich absolviertem „Benimmkurs“ kann er sich auf ein langes, sorgenfreies Leben auf dem Bauernhof der Familie Cordt freuen. Domestizierte Wildschweine können bis zu 20 Jahre alt werden.

ddp