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Panorama In Meppen entsteht die erste Siedlung für Senioren
Mehr Welt Panorama In Meppen entsteht die erste Siedlung für Senioren
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20:42 06.08.2010
Von Thorsten Fuchs
„Man fühlt sich schon ein bisschen wie ein Pionier“: In Meppen steht die erste deutsche Seniorensiedlung. Quelle: Karin Blüher
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Josef Tenbusch war Bergmann, Zeche Zollverein, der Beweis hängt an der Wand, neben den anderen Spuren seines Lebens. Da ist die schwarze Scheibe mit dem Reliefporträt eines Arbeiters, die Medaille seiner Hauerprüfung, daneben das Foto von Tenbusch und seiner Frau samt Kindern und Enkeln, fast zwei Dutzend kleine Köpfe, darüber die Zeichnung einer Kirche. „Die stand im Heimatort meiner Frau, in Ostpreußen“, sagt Tenbusch. Oder haben sie das Bild einmal im Urlaub in Frankreich gekauft? Die Tenbuschs überlegen. Egal, beschließen sie. Beides lange her.

Drinnen, im Haus der Tenbuschs, erzählen die Dinge von der Vergangenheit, dem Ingenieurstudium und dem Leben im Ruhrgebiet. Außen jedoch erzählt das Haus von einem Neuanfang. Die Büsche rund um das geklinkerte Häuschen sind noch niedrig, das Beet ist mit weißen Kieseln gefüllt. Ringsum ein Dutzend ähnlicher Häuser, alle ebenerdig, alle ohne Treppen und eine große planierte Fläche, bereit für weitere Bungalows – das Neubaugebiet der alten Leute.

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Die Tenbuschs gehörten zu den Ersten. Seit zehn Monaten wohnen sie in Deutschlands erstem Seniorendorf. Noch sind es erst neun Häuser. Aber es werden mehr. Am Ende des Jahres werden es zwölf sein, in zwei Jahren 40. Alle sind verkauft oder reserviert, und Josef Wulf, der Architekt, bemüht sich schon um eine Erweiterung. Es gibt Nachahmer in ganz Deutschland, und wenn es nach Josef Wulf geht, dann geht von diesem Projekt ein Signal aus, eine Botschaft. Sie lautet: Achtet auf die Alten, hört auf ihre Bedürfnisse. Denn die glaubt der 65-Jährige jetzt zu kennen. „Man fühlt sich schon ein bisschen wie ein Pionier“, sagt er.

Dabei hatte alles ganz klein begonnen, vor sechs Jahren. Wulf ist ein eher kleiner Herr mit stattlichem Bauch, und wenn er erzählt, gibt das emsländische Platt seinen Sätzen einen bodenständigen Klang. Vor sechs Jahren also saß er im Urlaub in Bayern mit einem älteren Herrn zusammen, sie sprachen über das Alter, und irgendwann sagte der Mann: „Woher nehmt ihr Jungen euch eigentlich das Recht, uns Alten zu sagen, wie wir leben sollen?“

„Ihr Jungen“, das war eigenartig, schließlich war Wulf damals 59 und ein gestandener Bauunternehmer in Meppen. Wulf aber wurde nachdenklich und startete eine kleine Umfrage unter Senioren, 63 an der Zahl. Das war nicht repräsentativ, aber aussagekräftig. „Was ist Ihnen wichtig?“, fragte er. „Ganz oben standen Freiheit, Eigenständigkeit. Und dann, mit etwas Abstand, kamen Hilfe und Sicherheit.“

Hier, im Seniorendorf in Meppen-Süd, glaubt er, beides zu verbinden. Wulf führt durch einen der Bungalows. Breite Türen, eine geräumige Dusche mit Sitz, „da kommt man auch mit ‘nem Rollstuhl rein“. In der Mitte der Siedlung soll es einen Laden mit Mittagstisch und Bäckerei geben. Gleich daneben wohnt die Frau, die im Seniorendorf nach dem Rechten sieht. Sie achtet auf überfüllte Briefkästen und heruntergelassene Jalousien, hört auf Notrufe und vermittelt alles von der Gartenhilfe bis zum Essen auf Rädern. „Die kümmert sich um alles, deshalb habe ich sie Kümmerin genannt“, sagt Wulf. „Dat is das ganze Geheimnis.“

Tatsächlich klingt es wie ein Misstrauensvotum gegen die etablierten Wohnformen für Ältere, wenn die Tenbuschs von ihrem Entschluss erzählen, der sie aus ihrem Meppener Reihenendhaus ins Seniorendorf geführt hat. Die Arthrose hat sich in Marliese Tenbuschs rechtem Arm festgesetzt, sie hat ein neues Knie, „und das andere“, sagt ihr Mann, „müsste eigentlich auch mal repariert werden“. Das Ende der Selbstständigkeit ist absehbar. Aber „Betreutes Wohnen“? Die Tenbuschs haben sich eine Anlage angesehen. „Da wohnen ja nur ältere Leute“, sagt Marliese Tenbusch. Aber hier, im Seniorendorf, sind sie doch auch umgeben von Älteren. „Schon. Aber hier kann ich die Tür zumachen.“ Beim Blick auf die Terrasse lässt sich die Wirklichkeit ganz gut ausblenden, das reicht ihr. Und eins der Mehrgenerationenhäuser, wie sie von der Bundesregierung derzeit so gefördert werden? Oder ein gemeinsames Zuhause mit einem ihrer Söhne und seiner Familie? Marliese Tenbusch schaut auf das Blutdruckmessgerät auf dem Couchtisch, die Packung mit den grünen Pillen, die Schrankwand voller Bücher. „Nein“, antwortet sie, „das kann nicht gut gehen.“ Sie hat Kinder gern, sie hat sechs Jungen großgezogen. „Aber die Bedürfnisse sind andere. Kinder wollen spielen, und Ältere wollen Ruhe.“ Sie will die Tür zumachen können, so lange es geht. Das ist ihr wichtig.

Ein Mann aus Velbert kommt auf Wulf zu, ein Interessent, 167 Kilometer ist er gefahren. Die Entfernung zu seinen Freunden schreckt ihn nicht. Er ist 75. „Da wird der Bekanntenkreis sowieso immer kleiner.“

Wulf hatte 300 Prospekte gedruckt, aber allein in den vergangenen Wochen „1000 Anfragen“ bekommen. Zwischen 70 und 110 Quadratmeter groß sind die Häuschen, die Grundstücke zwischen 116 und 350 Quadratmeter. Mit Baukosten von 1895 Euro pro Quadratmeter und Gesamtkosten zwischen 125 000 und 180 000 Euro für das schlüsselfertige Haus sowie einer Kaltmiete von 6,25 Euro sollen die Immobilien Menschen mit mittleren Einkommen ansprechen.

Auch in Bargteheide unweit Hamburg, wo ein Seniorendorf mit Reihenhäusern für Senioren geplant ist, registrieren die Betreiber, eine Kieler Firma, schon Monate vor dem Baubeginn eine „sehr große Nachfrage“. Eine Nürnberger Firma wiederum bestätigt Konzepte und konkrete Planungen für zwei Seniorendörfer in Bayern. Gehört den Rentnerdörfern womöglich die Zukunft?

Da hat Silke van Dyk, Soziologin mit dem Spezialgebiet Alter an der Universität Jena, ihre Zweifel. Die großen Rentnerstädte im Süden der USA, die „Sun Citys“, die großen Vorbilder des Meppener Rentnerdorfs, haben ihre besten Zeiten hinter sich. Die heutigen Alten wollen lieber so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben, statt sich in die künstliche Welt der Sun Citys in Florida und Arizona zurückzuziehen. Diese sind „im Niedergang“, sagt van Dyk.

Dazu kommt ein anderes Phänomen, das Wulfs Nachahmern in Deutschland das Projekt erschweren könnte. Wer auch immer sich mit seinen Produkten an die Alten wendet, der tut gut daran, sie nicht so zu nennen. Ob das Handy mit den großen Tasten, die sprechende Uhr oder das Kaufhaus für Senioren: „Alle diese Angebote wurden bei ihrem Start sehr begrüßt, sind dann aber meistens stillschweigend wieder verschwunden.“ Ein Dorf für Senioren könnte es da ähnlich schwer haben. Alt sind immer nur die anderen.

Andererseits spricht jedoch aus van Dyks Sicht auch etwas für den Erfolg der Seniorendörfer. Das Problem des Wohnens ist für die alternde Gesellschaft längst nicht gelöst. Fest steht nur: Es gibt immer mehr Senioren – und die Mehrgenerationenhäuser sind nur etwas für eine Minderheit. Die frühere Familien- und heutige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen wirbt ebenso für sie wie der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf. Für die Wissenschaftlerin van Dyk sind sie jedoch bislang allenfalls ein Minderheitenprogramm. Die Diskussion über die Mehrgenerationenhäuser übersteigt ihre Bedeutung bislang jedenfalls bei weitem. Die Seniorendörfer dagegen brechen mit dem romantischen Ideal des Zusammenlebens der Generationen – aber am Ende könnten sie einfach eine Ergänzung sein.

Anfangs jedenfalls gab es auch in Meppen scharfe Kritik. „Getto“ hat jemand auf einer Bürgerversammlung Wulfs Anlage genannt. Was Hermann Stroot sehr übertrieben findet. Stroot ist Redakteur der Meppener Seniorenzeitung „Kien Tied ... Kien Tied“, sein Büro liegt direkt vor einer Seniorenwohnanlage mit 45 Wohnungen. „Wenn man von einem Getto sprechen kann, dann doch wohl eher hier.“ An den Häusern des Seniorendorfes hingegen hat er nichts auszusetzen. Nur an den Entfernungen. 1800 Meter bis zur Innenstadt, das sei eigentlich zu weit. Und wegen der Schranke, die einige Bewohner wegen der vielen Neugierigen vor die Einfahrt zum Wohngebiet setzen möchten, will er mit dem Architekten noch mal reden.

Sich so abschotten, das geht nicht, findet Stroot. Das mag man nicht im Emsland.

Josef Tenbusch, dem früheren Bergmann, ist die Diskussion um das Seniorendorf nicht wichtig. „Für uns ist das hier ideal.“ Er hat kein Problem damit, sich alt zu nennen. „75, das ist für mich wie die vierte Halbzeit, nach dem Elfmeterschießen.“ Und wenn ihm ein Weg zu weit ist, dann nimmt er eben den Scooter, dieses dreirädrige Gefährt, das vor seinem Haus steht. Aber wirklich weg will er ja auch gar nicht. „Hier werden wir bleiben, bis ans Ende unserer Tage.“