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Panorama In Indien kommt erst der Detektiv, dann die Hochzeit
Mehr Welt Panorama In Indien kommt erst der Detektiv, dann die Hochzeit
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12:08 14.11.2012
Bis es zur Heirat kommt, wird in Indien oft auch ein Privatdetektiv zu Rate gezogen, um den finanziellen und familiären Hintergrund von Braut und Bräutigam zu beleuchten. Quelle: dpa
Neu Delhi

Der Weg zu Sanjay Singh verlangt fast detektivisches Gespür. Sein Büro liegt hinter der Ringstraße der indischen Hauptstadt Neu Delhi, in einem belebten, aber heruntergekommenen Viertel, in dem Hausnummern rar sind. Straßenhunde liegen hier auf den Gehwegen, Männer spucken roten Betelsaft aus, Rikscha-Fahrer warten schlafend auf Kundschaft. Ein enges, dunkles Treppenhaus führt schließlich in den vierten Stock zu Singhs „Indian Detective Agency“. Trotz der Lage kann er sich nicht über zu wenig Kundschaft beklagen.

Vor allem besorgte Eltern kommen immer häufiger zu Singh. Sie sinken in die schweren braunen Sofas vor den Plastikblumen und wollen von ihm Informationen über den potenziellen Ehepartner ihres Kindes. „Die Menschen in Indien geben sehr viel Geld für die Heirat aus“, erklärt Singh. „Deswegen sind sie erpicht darauf zu erfahren, worauf sie sich einlassen. Wie viel verdient jemand? Wie ist sein Ruf? Wie sehen die Familienverhältnisse aus?“ All das könne er in Erfahrung bringen.

Auch heute noch sind die meisten Ehen in Indien arrangiert. Das bedeutet, dass Eltern und andere Verwandte je nach Traditionsbewusstsein ein unterschiedlich starkes Wort bei der Auswahl mitreden dürfen. Es verbinden sich nämlich nicht nur zwei Menschen fürs Leben - sondern zwei ganze Familien. Und wenn etwa ein Bruder des potenziellen Ehepartners kriminell ist oder schwul, dann leide darunter die Reputation der ganzen Familie, sagt Singh.

Nach Angaben des Indischen Verbands der Privatdetektive und Ermittler boomt das Geschäft mit Heiratskandidaten. Jedes Jahr kämen 25 bis 30 Prozent mehr solcher Anfragen, schätzt der Generalsekretär Ajit Singh, der im Fernsehen gerne mit Schlapphut, Sonnenbrille und Lupe auftritt.

Er verrät auch, wie die Agenten bei ihrer Arbeit vorgehen. Besonders beliebt seien Umfragen unter den Nachbarn, die mit kleinen Geschenken geködert werden, um zu plaudern. Auch die Hausangestellten könnten bei den verdeckten Ermittlungen viel über das Temperament der Zielperson berichten. Sanjay, der andere Singh, setzt hingegen auf Verfolgung: Seine Detektive heften sich stundenlang an die Fersen des Auserwählten und filmen ihn mit winzig kleinen Kameras, versteckt in Autoschlüsseln und Kaugummipackungen.

Früher erledigte die Familie das Ausspionieren selbst. Sie fragte im Dorf herum, ob das Mädchen keusch war. Sie bat das ausgedehnte Beziehungsnetzwerk um Hilfe, um den Wohlstand des Jungen zu ermitteln. Und sie kannte eine entfernte Tante, die beim Arzt nach möglichen Krankheiten fragen konnte. Doch im urbanisierten Indien von heute befinden sich potenzielle Partner oft außerhalb der wachsamen Augen der Gemeinschaft.

Denn Kandidaten werden nicht mehr in der Nachbarschaft gesucht, sondern vor allem online und durch Zeitungsanzeigen - strikt aufgeteilt in Kategorien wie etwa Religion, Kaste und Herkunft. Dort steht dann zum Beispiel: „Familie aus Sood (eine Region Indiens) wünscht sich Bündnis für ihren Sohn.“ Es folgen Angaben über den Geburtstag, astronomische Details, das Einkommen, Ausbildung sowie der Beruf des Vaters. „Wir suchen nach einem großgewachsenen Mädchen aus einer gebildeten Familie.“

Karan, für den hier gesucht wird, arbeitet als Ingenieur in Kalkutta. Er fügt sich dem Wunsch der Familie. „Erst hat man eine gute Zeit und irgendwann werden die Dinge im Leben eben ernst“, sagt er, als er in Delhi landet, um drei Kandidatinnen zu treffen. „Wenn man in Indien 27, 28, 29 Jahre alt wird, dann denken die Eltern: Jetzt ist er sesshaft, jetzt muss er sich mal verheiraten. Und ich denke auch, dass es so langsam Zeit wird.“

Einen Privatdetektiv werde seine Familie aber nicht auf die Frauen ansetzen, da ist er sich sicher. Trotzdem verstehe er die Motive, gerade wenn es um eine junge Frau gehe. „Die Eltern senden ihre Tochter in ein unbekanntes Haus. Da wollen sie absolut sichergehen.“ Oft würden Menschen in ihren Online-Profilen oder Zeitungsanzeigen etwas verbergen. Etwa dass sie schlechte Angewohnheiten hätten wie Rauchen oder Trinken.

„Wir haben schon viele Leben gerettet“, sagt Detektiv Singh. Etwa jede vierte Familie, die zu ihm komme, erfahre etwas Unerwartetes. Besonders häufig: Ein falsches Gehalt. „Manchmal brechen sie hier auch in Tränen aus“, sagt er. Etwa als er einmal herausfand, dass ein Mann bereits verheiratet war und eine 18-jährige Tochter hatte. „Dabei waren die Hochzeitskarten schon gedruckt.“

dpa

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