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Panorama In China startet die größte Weltausstellung aller Zeiten
Mehr Welt Panorama In China startet die größte Weltausstellung aller Zeiten
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22:20 29.04.2010
Schüler vor dem chinesischen Expo-Pavillon in Schanghai.
Schüler vor dem chinesischen Expo-Pavillon in Schanghai. Quelle: afp
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Die Holländer arrangieren Keramikschafe, Japaner simulieren einen Feueralarm, Pakistaner packen Teppiche aus. Kasachen probieren Trachten an, Österreicher putzen Fliesen. Und die Schweizer erklären chinesischen Kellnern, was ein Rösti ist.

Vor der Eröffnung am 1. Mai geht es auf dem Gelände der Weltausstellung in Schanghai zu wie auf einem Zirkusplatz kurz vor der ersten Vorstellung. Tausende Handwerker und Helfer aus aller Welt bemühen sich, die Miniaturen ihrer Heimat rechtzeitig fertigzubekommen. Und Lennart Wiechell steht kopfschüttelnd vor aufgerissenen Bodenplanken. „Als wir beim ersten Probelauf nicht rechtzeitig geöffnet hatten, haben die Besucher einfach unsere Barrikaden niedergerissen“, staunt der Architekt des Deutschen Pavillons und will sich lieber nicht ausmalen, was noch alles passieren könnte.

Schließlich will Chinas Expo all ihre Vorgänger in den Schatten stellen und in den nächsten sechs Monaten 100 Millionen Menschen auf das Ausstellungsgelände am Huangpu-Fluss locken – ein logistisches Mammutprojekt. „Wir rechnen damit, dass die Menschen bei jedem Pavillon zwischen einer und drei Stunden anstehen müssen“, sagt Huang Jianzhi, Chinas Vize-Expo-Chef. Auch die größten Attraktionen sind nur für einen Bruchteil der Gesamtbesucherzahl ausgelegt. Von den erwarteten täglich 400 000 Gästen können höchstens 50 000 den Chinesischen Pavillon sehen. Die Ausstellung im Deutschen Haus können bis zu 40 000 Menschen besichtigen. Wer alle 192 beteiligten Länder besuchen wollte, müsste mehr als einen Monat Vollzeit auf der Expo verbringen.

Kein Wunder, dass die meisten Länder ihre Kernbotschaften architektonisch von außen sichtbar verpackt haben. Zentrum der Anlage ist der mächtige rote Nationaltempel der Chinesen, die mehr als dreimal so hoch bauen wie alle anderen Länder. Drinnen präsentieren sie chinesische Kunstschätze, lassen auf einer Riesenleinwand das alte China wiederauferstehen, stellen riesige, bunt bemalte Pappmascheebäume auf. „Hier kann man erleben“, sagt ein Arbeiter, „was für ein großes und mächtiges Land China ist.“

Die Expo-Gebäude spielen mit Nationalklischees und Wunschbildern: Nepal hat einen Tempel nachgebaut, Katar eine Burg, der Iran einen persischen Palast. Nordkorea hüllt seinen Pavillon in Bilder von blauem Himmel, bei den Schweizern schwebt man per Sessellift über eine Alpenlandschaft. Und Dänemark hat die Kleine Meerjungfrau von Kopenhagen nach Schanghai transportiert.

„Wir wollen bei den Besuchern einerseits die Bilder abrufen, die sie schon im Kopf haben, und ihnen andererseits viele neue Bilder mit auf den Weg geben“, sagt Peter Redlin, Chef der Agentur Milla und Partner, die das Konzept für die Präsentation im Deutschen Pavillon entwickelt hat. „Unser Auftraggeber, das Bundeswirtschaftsministerium, hat uns eine unendlich lange Liste von konkreten Themen gegeben, die im Pavillon vorkommen sollen“, sagt Redlin. „Wir haben dann in China recherchiert, wie man Inhalte für das hiesige Publikum verpacken muss, und waren sehr überrascht, dass Chinesen oft viel unbefangener an eine Ausstellung herangehen als Deutsche.“ Das Ergebnis sind zehn Themenräume mit mehr als hundert interaktiven Spielen. Über Stadtentwicklung, Umweltschutz und Innovationen lernt man dabei ebenso etwas wie über Karneval, Literatur und Schrebergärten. Am Ende des Parcours steht eine Liveshow in einem Theater. „Wenn die Besucher von Deutschland das Bild eines sehr spielerischen und kreativen Landes mitnehmen, haben wir unser Ziel erreicht“, sagt Redlin.

Nicht alle Länder haben sich einen eigenen Pavillon geleistet. Viele präsentieren sich in Gemeinschaftshallen, teils mit finanzieller Unterstützung der Chinesen, denen es wichtig war, einen Teilnehmerrekord aufzustellen. Sogar den USA, jahrelang bei keiner Expo dabei, trotzten Chinas Diplomaten einen Pavillon ab.

Gemeinsame Klammer aller Auftritte ist neben der nationalen Selbstdarstellung das Expo-Motto „Eine bessere Stadt, ein besseres Leben“. Ein treffender Slogan: Schanghai symbolisiert den Fortschrittstraum des bevölkerungsreichsten Landes der Erde – doch vom „besseren Leben“ sind die meisten Einwohner der Metropole noch weit entfernt.

Umweltverschmutzung, Verkehrschaos und hässliche Hochhausschluchten dominieren das Stadtbild. „Bei Nacht ist Schanghai schön, weil es dann ein Lichtermeer ist, aber unsere Herausforderung besteht darin, Schanghai auch bei Tag schön zu machen“, sagt Wu Zhiqiang, Chefplaner des mehr als fünf Quadratkilometer großen Expo-Geländes. „Die Expo soll zeigen, wie die Stadt der Zukunft aussehen kann.“ Viele seiner Ideen bezog Wu aus Deutschland, wo er studiert hat. „Wir haben absichtlich keine Parkplätze gebaut, denn die Besucher sollen nicht mit dem Auto kommen, sondern mit der U-Bahn oder dem Bus“, sagt Wu. „Wir wollen ein Beispiel für moderne, menschenfreundliche Stadtplanung zeigen und hoffen auf Nachahmungseffekte.“

Es ist leicht, Wus Optimismus zu widersprechen. Kritiker monieren, dass die Expo ein Prestigeprojekt ist, das sich Umweltschutz und Nachhaltigkeit zwar auf die Fahnen schreibt, aber für das Gegenteil steht. Denn was ist schon nachhaltig an einer Millionenstadt auf Zeit? Fast alle Gebäude müssen nach sechs Monaten wieder abgerissen werden. In Sachen Umweltschutz ist die Expo weniger Experimentierplatz als Schauplatz – und die Show steht im Vordergrund. Schon zum Start begehen die Chinesen eine Öko- und Klimasünde der Superlative: Am Vorabend der Eröffnung soll das größte Feuerwerk- und Lichtspektakel aller Zeiten stattfinden, mit über 100 000 Feuerwerkskörpern und mehr als tausend computergesteuerten 7000-Watt-Scheinwerfern.

Doch Zynismus ist nicht Trumpf in Schanghai. „Die Expo ist eine Chance, bei vielen Menschen ein Umdenken über die Zerstörung unserer Welt zu bewirken“, sagt Lutz Engelke, dessen Berliner Projektagentur Triad die Ausstellung „Urbaner Planet“ gestaltet, einen der fünf Themenpavillons, mit dem die Expo-Organisatoren das Motto „Eine bessere Stadt, ein besseres Leben“ mit Inhalt füllen wollen. Er führt die Gäste durch die Exzesse menschlicher Zivilisation. In großen Becken sieht man Fische, die sich das Wasser mit Müll und Ölschlick teilen. In einem Video werden Tiere genannt, die in den nächsten Jahren aussterben: der Blauwal, der afrikanische Elefant, der große Hai, der Pandabär. Knapp aufbereitete Fakten lehren die Besucher das Grausen – etwa dass nur drei Prozent des Wassers der Welt trinkbar und davon schon die Hälfte verschmutzt ist. „Viele Menschen kümmern sich nicht um die Welt, weil sie die Welt nicht als Ganzes sehen“, sagt Engelke, der sein Konzept gegen 150 Wettbewerber durchsetzte. „Wir wollen sinnlich und emotional erfahrbar machen, was es bedeutet, auf dieser Welt zu leben.“

Bernhard Bartsch