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Panorama Hoffen auf die kleinen Wunder in Haiti
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12:14 19.01.2010
Ein fünfmonatiges Baby, das vier Tage unter den Trümmern lag, wird von einem Retter versorgt. Ob die Eltern des kleinen Jungen das Erdbeben überlebt haben, ist ungewiss. Quelle: ap
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Es ist ein kleines Wunder: Sechs Tage lang überlebte ein Baby unter Trümmern in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince, dann konnten Helfer es retten. Das ungefähr anderthalb Jahre alte Mädchen war lediglich mit Staub bedeckt, aber unverletzt. Die Krankenschwestern einer Klinik klatschten vor Freude, als das Baby am Montag bei ihnen eingeliefert wurde. „Sie hat keine Verletzungen. Nur ein Kind kann sechs Tage lang in so einer Lage überleben“, sagte eine Schwester, während sie das Baby liebevoll in ihren Armen hielt. Von den Eltern der Kleinen fehlt jede Spur. Sie sind in den Trümmern ihres Hauses vermutlich gestorben.

Seit dem Erdbeben vor einer Woche sind nach UN-Angaben mehr als 90 Menschen lebend aus den Trümmern geborgen worden. Die Rettungseinsätze und humanitären Anstrengungen konzentrierten sich nun auf Gebiete außerhalb der Hauptstadt Port-au-Prince, sagte die Sprecherin des UN-Büros für humanitäre Angelegenheiten (OCHA), Elisabeth Byrs, am Dienstag in Genf. Bei dem schweren Beben starben mindestens 70.000 Menschen, Experten rechnen inzwischen mit bis zu 200.000 Todesopfern.

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Zusätzliche UN-Blauhelm-Soldaten

Der Präsident der benachbarten Dominikanischen Republik schätzt die Kosten für die Unterstützung der Überlebenden und den Wiederaufbau Haitis auf zehn Milliarden Dollar. Der Präsident der Dominikanischen Republik, Leonel Fernandez, erklärte am Montag, für die Bewältigung der Katastrophe würden in den nächsten fünf Jahren rund zehn Milliarden Dollar (sieben Milliarden Euro) benötigt. Nach einem Treffen mit dem haitianischen Präsidenten Rene Preval schlug Fernandez die Gründung eines internationalen Komitees vor, das den Wiederaufbau überwachen solle.

Die EU kündigte unterdessen ein Hilfspaket von 422 Millionen Euro für die Überlebenden an. Neben den von verschiedenen EU-Ländern bereits zugesagten Hilfsgeldern in Höhe von 92 Millionen Euro sollten 330 Millionen Euro aus dem Gemeinschaftshaushalt nach Haiti fließen, erklärte die EU-Kommission in Brüssel. Zudem sollten 150 europäische Polizisten nach Haiti entsandt werden.

Im Kampf gegen die Anarchie in Haiti wollen die Vereinten Nationen jetzt Tausende weitere Soldaten und Polizisten in das zerstörte Land schicken. Der UN-Sicherheitsrat werde wohl noch am Dienstag die Aufhebung der bisherigen Obergrenze für die Blauhelmtruppen in Haiti beschließen, erklärte der stellvertretende amerikanische UN-Botschafter Alejandro Wolff. Die UN-Mission in Haiti habe weitere 2.000 Soldaten und 1.500 Polizisten angefordert, um die Hilfskonvois und die Verteilung der Güter zu sichern, erklärten UN-Diplomaten.

Auch die USA fliegen weitere Truppen in das Katastrophengebiet, ihre Zahl sollte nach Angaben eines Militärsprechers zunächst auf 12.000 steigen. Die Dominikanische Republik hat schon ein 800 Mann starkes Bataillon angeboten, das ab Ende der Woche die Straße von Port-au-Prince zur dominikanischen Grenze sichern könnte, der einzigen Landverbindung, die Haiti ins Ausland hat. Der französische UN-Botschafter Gerard Araud erklärte, auch die Europäische Union sei bereit, Polizisten zu entsenden. „Wir müssen schnell und entschlossen handeln“, sagte Araud.

Nach Angaben von Helfern kommt es in einzelne Vierteln von Port-au-Prince immer wieder zu Gewalttaten, was die Verteilung von Hilfsgütern behindert. Einige Bewohner hätten Milizen organisiert, um das, was sie noch besitzen, zu schützen. In einem Bezirk wurden die Straßen mit Autos blockiert, junge Männer patrouillierten in den Straßen.

USA werfen Hilfsgüter aus der Luft ab

Um die immer noch schleppende Verteilung der Hilfe zu beschleunigen, warf die US-Luftwaffe nun doch erstmals Hilfsgüter aus der Luft ab. Insgesamt habe es sich um 14.500 Fertigmahlzeiten und 15.000 Liter Wasser gehandelt, die in ein gesichertes Gebiet nordöstlich der Hauptstadt Port-au-Prince niedergingen, erklärte eine Sprecherin. Es werde derzeit geprüft, ob sich diese Methode auch für den Rest des Landes eigene.

Erst vor wenigen Tagen hatte Verteidigungsminister Robert Gates erklärt, dass solche Aktionen kurz nach einer Katastrophe nicht sinnvoll seien, weil sie die Gefahr von Unruhen erhöhten, wenn es keine geordneten Strukturen für die Verteilung gebe.

Eine Woche nach dem Erdbeben in Haiti wird allmählich das volle Ausmaß der Katastrophe deutlich. Die haitianische Regierung rechnet nach Angaben der EU-Kommission mittlerweile mit 200.000 Todesopfern. Der Präsident der Dominikanischen Republik schätzt die Kosten für die Unterstützung der Überlebenden und den Wiederaufbau Haitis auf zehn Milliarden Dollar in den nächsten fünf Jahren. Nach einem Treffen mit dem haitianischen Präsidenten Rene Preval schlug Fernandez die Gründung eines internationalen Komitees vor, das den Wiederaufbau überwachen solle.

Auch die deutsche Hilfe für die Erdbebenopfer wird intensiviert: Das DRK schickt ein mobiles Krankenhaus mit 120 Betten. Das ZDF und „Ein Herz für Kinder“ veranstalten am (heutigen) Dienstagabend eine Spendengala. Die Mediengruppe RTL erklärte, bei einer am Donnerstag gestarteten Hilfsaktion sei mehr als eine halbe Million Euro zusammengekommen.

16 Deutsche wurden am Montag noch im Katastrophengebiet vermisst. Bislang wurde ein deutsches Todesopfer bestätigt. Einen Bericht der Münchner „Abendzeitung“, wonach eine 26-jährige Münchnerin ebenfalls tot geborgen worden sei, konnte das Auswärtige Amt am Montagabend zunächst nicht bestätigen.

afp/ap

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ngesichts der fürchterlichen Erdbebenkatastrophe in Haiti wollen die Europäer dem bitterarmen und verwüsteten Land mit über 400 Millionen Euro unter die Arme greifen. 330 Millionen Euro will die EU an Sofort- und langfristiger Hilfe zur Verfügung stellen, weitere 92 Millionen Euro fließen von den einzelnen EU-Mitgliedern, wie die EU-Kommission am Montag mitteilte.

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