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Panorama „Hemmungen sind gesunken, sich in der Öffentlichkeit antisemitisch zu positionieren“
Mehr Welt Panorama „Hemmungen sind gesunken, sich in der Öffentlichkeit antisemitisch zu positionieren“
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19:12 12.10.2021
Ein Mann mit einer Kippa in Berlin. (Archivfoto)
Ein Mann mit einer Kippa in Berlin. (Archivfoto) Quelle: picture alliance / dpa
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In der vergangenen Woche hat ein mutmaßlich antisemitischer Vorfall gegenüber dem Sänger Gil Ofarim in einem Leipziger Hotel eine große Debatte über Antisemitismus ausgelöst. Dass die Aufmerksamkeit für solche Fälle meist schnell nachlässt, sei eines der Probleme, sagt der Historiker Frank Bajohr. „Polizeiliche Statistiken haben das Problem, dass sie den Alltagsrassismus nicht abbilden“, so der wissenschaftliche Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München. „Ein höhnisches Zurufen reicht in der Regel nicht aus, um in die Kriminalstatistik einzugehen.“

Seit Februar 2019 sammelt der Bundesverband Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) bundesweite Statistiken. Zuvor gab es bereits vier Meldestellen in Bayern, Berlin, Brandenburg und in Schleswig-Holstein. Im letzten Jahr dokumentierte der RIAS 1909 antisemitische Vorfälle. Mehr als ein Drittel (33,7 Prozent) der 644 bundesweit erfassten antisemitischen Vorfälle fand online statt. 40 Prozent passierten im öffentlichen Raum, vor allem auf der Straße, im ÖPNV sowie in öffentlichen Parks und Gebäuden. Diese Fälle dürfen nicht im Sande verlaufen, betont Bajohr.

Historiker Frank Bajohr Quelle: Privat

Gleichzeitig zähle auch die subjektive Einschätzung der Betroffenen, die zunehmend das Gefühl hätten, dass es sich um ein wachsendes Phänomen handele. „Die Hemmungen sind gesunken, sich in der Öffentlichkeit antisemitisch zu positionieren. Mit den Mitteln der klassischen Meinungserhebung ist das jedoch nicht immer einfach zu ermitteln“, sagt Bajohr. Es gebe den Tabuisierungsdruck, der dazu führe, dass Menschen in Meinungs­umfragen eher ausweichend antworten und ihre Einstellung verschleiern würden. „Deswegen ist es umso wichtiger, die persönliche Perspektive der Betroffenen einzubeziehen“, so Bajohr.

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Parallelen und Unterschiede zur Vergangenheit

Der Historiker setzt sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Thema Antisemitismus auseinander und hat insbesondere den sogenannten Bäderantisemitismus erforscht. Beim heutigen Antisemitismus sieht er Parallelen, aber auch deutliche Unterschiede. „Im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Staat wenig gegen Judenfeindlichkeit und gesellschaftliche Diskriminierung unternommen, sah sich nicht veranlasst, zu handeln. Es wurde nur eingegriffen, wenn die öffentliche Ordnung gestört wurde“, erklärt Bajohr, der in seinem Buch „Unser Hotel ist judenfrei“ über den Bäderantisemitismus in den Kurbadeorten der damaligen Zeit schreibt.

In den Kurorten an Nord- und Ostsee erholten sich zunächst die gut situierten Großbürger, aber ab 1870 konnten auch die weniger gut verdienenden Kleinbürger zum Urlaub an die Strände von Wangerooge und Borkum, Zinnowitz und Bansin fahren. Wie Bajohr in seinem Buch darstellt, habe es vor allem im Klein­bürgertum Vorurteile gegenüber jüdischen Menschen gegeben. „Die noch eher kleineren, unbekannten Kurorte versuchten damals gezielt, diese Zielgruppe anzuwerben.“ Es seien Grußpostkarten an Familien verschickt worden, auf denen der hübsche Urlaubsort zu sehen ist – versehen mit Sprüchen wie „Mit dem herrlichen breiten Strand. Das judenfreie Nordseebad“, „Juden werden hier nicht geduldet“ oder „Trinkkuren mit Meereswasser. Stein- und judenfreier Badestrand“. Das Borkumlied aus dem Jahr 1897, das klar juden­feindlich ist, wurde sogar täglich von der offiziellen Kurkapelle gespielt. Die Gäste sangen mit. „Der Staat ist damals nicht dagegen vorgegangen. Das ist der große Unterschied zu unserer heutigen Zeit“, so Bajohr. Nach dem Ersten Weltkrieg habe es dann eine starke Ideologisierung und Radikalisierung mit dem Aufstieg der NSDAP gegeben.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand der Antisemitismus nicht. „Er ist eine Konstante und öffentlich mal mehr, mal weniger präsent“, erklärt Bajohr. Vor allem entwickelte sich ihm zufolge der sekundäre Antisemitismus, also die Relativierung oder Leugnung des Holocaust. Was sich im Laufe der Geschichte positiv geändert habe: dass der Staat aus der passiven Rolle in eine aktive gewechselt sei. Er habe die Bekämpfung antijüdischer Diskriminierung zu seiner Aufgabe gemacht. „Das ist im Kaiserreich nicht der Fall gewesen, in den 1920er-Jahren nicht und erst recht nicht im Dritten Reich, in dem der Antisemitismus ganz klar Bestandteil des Parteiprogramms war“, so der Historiker. „Dass sich Hunderte von Hotels in einem demokratischen Staat als ‚judenfrei‘ erklären konnten, Restaurants ‚judenfreies Haus‘ auf ihre Servietten druckten, das wäre nach heutiger Rechtsauffassung unmöglich.“

Seit 1960 ist es möglich, antisemitische Vorfälle wegen Volksverhetzung mit dem Paragrafen 130 im Strafgesetzbuch anzuzeigen. „Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, die Menschenwürde anderer dadurch angreift, dass er sie beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet, wird mit Gefängnis nicht unter drei Monaten bestraft. Daneben kann auf Geldstrafe erkannt werden“, lautete damals der Gesetzestext. Seitdem wurde der Paragraf immer wieder überarbeitet, zuletzt in den Jahren 2020 und 2021.

„Die Erfahrungen aus der Vergangenheit müssen uns sensibilisieren“

Der Antisemitismus sei trotzdem immer noch in der Mitte der Gesellschaft verankert, so der Historiker. Was die Situation von früher mit der von heute unterscheide? „Es ist die historische Erfahrung, was die Konsequenzen eines radikalen Antisemitismus betrifft. Das war in den 1920er-Jahren nicht unbedingt abzusehen.“ Die Erinnerungskultur ist für den Historiker Bajohr deshalb unverzichtbar: „Diese Erfahrungen müssen Konsequenzen für die Gegenwart haben und uns sensibilisieren. Eine Gesellschaft wird nicht erst inhuman, wenn es zum Massenmord kommt. Eine Gesellschaft, die nicht auf die systematische Abgrenzung von Minderheiten reagiert, wäre eine Gesellschaft, deren demokratische und humane Substanz ausgehöhlt wird.“

Bajohrs Schlussfolgerung: Antisemitismus dürfe nicht in der Gesellschaft ignoriert werden. Es müsse eine Öffentlichkeit hergestellt und nichts unter den Teppich gekehrt werden. „Ansonsten besteht die Gefahr, dass Antisemitismus als normal akzeptiert wird. Diese Normalität ist dann Ausgangspunkt für eine weitere Radikalisierung. Dann gerät eine Gesellschaft auf eine abschüssige Bahn“, so Bajohr. Die Aus- und Abgrenzung im Antisemitismus vereinfache ein komplexes Problem und biete ein Ventil für Hass und Frustration. Das sei für einen bestimmten Teil der Bevölkerung attraktiv. Bajohr sieht auch einen Zusammenhang mit den Anhängern von Verschwörungstheorien.

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Wie Antisemitismus eingedämmt werden kann

Öffentlichkeit, Aufklärung und Bildung sowie das Eingreifen des Staates seien daher nötig, um Antisemitismus einzudämmen. „Auch wenn wir nicht die Illusion haben dürfen, den Antisemitismus gänzlich zum Verschwinden zu bringen.“ Das liege auch daran, dass es sich dabei nicht um eine Meinung handele, sondern Antisemitismus Teil eines Weltbildes sei, das sich nur schwer ändere.

„Damals gab es auch dort den größten Judenhass, wo die wenigsten Juden lebten“, so Bajohr. Vergleichbar zu heute, wo der Ausländerhass in den ostdeutschen Bundesländern deutlicher ausgeprägter sei als in den westlichen Bundesländern und vor allem den Großstädten, in denen der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund deutlich höher ist. Deswegen seien Tage der offenen Tür, etwa wie beim Tag der offenen Moschee, wichtig. Es gehe darum, Informationen zu vermitteln und Vorurteile abzubauen. „Wenn die drei Punkte Öffentlichkeit, Aufklärung und Bildung sowie die staatliche Komponente erfüllt sind, besteht zumindest die Chance, einer weiteren Verbreitung des Antisemitismus entgegenzuwirken.“

Von Kathleen Retzar/RND

Der Artikel "„Hemmungen sind gesunken, sich in der Öffentlichkeit antisemitisch zu positionieren“ " stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.