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Panorama Helden und Heimlichtuer in Japan
Mehr Welt Panorama Helden und Heimlichtuer in Japan
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17:13 05.12.2014
Auf der Suche nach Überlebenden. Quelle: dpa
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„Meine Schwester war in einem Bus, als die Welle hinter ihnen auftauchte. Der Busfahrer sagte allen, sie sollen den Bus verlassen und laufen“, erzählt sie. „Meine Schwester rannte vor dem Wasser davon, aber manche Leute waren einfach nicht schnell genug.“ Sie wurden verschlungen von den wirbelnden Wassermassen wie tausende andere, als nach dem schlimmsten Erdbeben in der Geschichte Japans ein meterhoher Tsunami über das Land rauschte.

Die dreifache Mutter selbst flüchtete vor der tödlichen Wasserwand in ihrem Auto. „Die Tsunami-Welle kam und ich packte Großvater und unseren Hund und fuhr los. Die Welle war genau hinter mir, aber ich musste ständig Slalom fahren und Hindernissen ausweichen, bis ich in Sicherheit war“, erzählt Otomo. Ihre Familie überlebte, aber ihr Haus nahe des schwer verwüsteten Sendai wurde von der Naturkatastrophe zerstört. Otomo campiert jetzt in einer Notunterkunft mit gut tausend anderen Menschen.

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Im Katastrophengebiet entlang der Nordostküste gleichen sich die Szenen. Mehr als hundert Menschen sitzen in Decken gehüllt in der Turnhalle der Rokugo-Oberschule. Auf dem Parkplatz vor der Halle wird Trinkwasser ausgegeben. Örtliche Händler bringen Kisten mit Essen. Am Eingang zur Haupthalle stehen Schuhe ordentlich in Reih und Glied – ein Zeichen von Tradition und Disziplin inmitten der Katastrophe. Die Atmosphäre ist bemerkenswert ruhig und bestimmt.

Maki Kobari ist Englischlehrerin und eilte kurz nach der Flutkatastrophe mit ihren Kollegen zu Hilfe. Bevor am frühen Sonntagmorgen offizielle Helferteams eintrafen, versuchten sie, eine erste Nothilfe zu organisieren. Uniformierte sind jetzt nicht zu sehen, die Hilfslieferungen werden von Freiwilligen verteilt. Auf der anderen Straßenseite stehen Leute mit Kanistern Schlange, um Benzin zu kaufen. Manche sind noch immer im Schockzustand, können ihren Schrecken nicht in Worte fassen. „Manche haben ihre gesamten Familien verloren, sie haben alles verloren“, sagt Kobari.

Die Schule ist in diesen Tagen der letzte Zufluchtsort. Bis auf einen gewaltigen Riss im Parkplatz kündet hier wenig von der völligen Verwüstung nur einen Kilometer weiter. Über den Außenbezirken der Stadt liegt eine unheimliche Stille. Rettungsteams in orangefarbenen Overalls durchsuchen riesige Schuttfelder nach Überlebenden. „Es gibt praktisch keine Hoffnung mehr, noch Überlebende zu finden“, sagt Bürgermeister Emiko Okuyama. Armeelastwagen und Rettungsfahrzeuge der Polizei fahren ins Katastrophengebiet. Wegen neuer Tsunami-Warnungen mussten sie schon zwei Mal umkehren.

Doch die meisten Japaner wirken gefasst, wenn nicht sogar gelassen. Das liegt auch daran, dass die Medien trotz aller Kritik am Krisenmanagement in einer Beziehung mit der Regierung an einem Strang ziehen: Sie tun alles, um keine Panik aufkommen zu lassen. Statt Schreckensszenarien füllen kleine Heldentaten die Seiten. Es wird beruhigt und beschwichtigt, so gut es nur irgend geht.

Eine alte Dame, die auf dem Rücken eines Rettungshelfers reitet, beide lächeln fast vergnügt; eine Mutter, die ihr neugeborenes Baby in den Armen hält; der Mann, der zwei Tage auf dem Dach seines Hauses in den Fluten des Pazifiks überlebt hat – das sind die Farbfotos, die die Zeitungen zieren. Dazu Tipps, wie man sich vor radioaktiver Strahlung schützt: feuchtes Handtuch vors Gesicht, Fenster zu, kontaminierte Kleidung entsorgen, duschen. Bilder von Toten, Panik und Chaos sucht man vergeblich.

Es steht in merkwürdigem Gegensatz zu der immer verzweifelteren Lage. Umso heftiger fällt die Kritik derer aus, die Regierung und Presse kollektive Verschleierung der tatsächlichen Gefahr vorwerfen. „Was in den Nachrichten gesagt wird, ist völlig falsch“, sagt der Unternehmer und frühere Journalist Yasumitsu Yamada. Er war in den vergangenen Tagen selbst in der Evakuierungszone um die Kernkraftwerke in Fukushima unterwegs. Dort sei er vielen erschöpften und verängstigten Menschen begegnet. Doch die Regierung wolle nicht, dass solche Aufnahmen verbreitet würden. Auch ihn habe die Polizei davon abhalten wollen zu fotografieren.

Eine Erklärung dafür findet sich in der englischsprachigen „Japan Times“. Die druckt in ihrer Montagsausgabe auf Seite eins eine Analyse: Es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass die Ereignisse in Japan so schlimm seien wie in Tschernobyl. Im Text ermahnt ein Atomkraftexperte die Medien, die Öffentlichkeit nicht in Aufregung zu versetzen mit Berichten, dass die Lage gefährlich sei. Stattdessen seien ruhige und akkurate Berichte nötig, weil viele Leute übermäßig sensibel auf das Wort Radioaktivität reagierten.

Tatsächlich ist es kaum vorstellbar, was passieren würde, wenn eine Massenpanik ausbrechen würde. In Tokio allein leben mehr als zwölf Millionen Menschen – die angrenzenden Städte nicht mitgerechnet. Vor diesem Hintergrund kann man die Beschwichtigungen der Presse auch tapfer nennen.

Kelly Mcnamara und Heike Sonnberger