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Panorama Havariekommando übt mit Popcorn für den Ernstfall in der Nordsee
Mehr Welt Panorama Havariekommando übt mit Popcorn für den Ernstfall in der Nordsee
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07:47 01.07.2010
Nur eine Übung für den Ernstfall: Das Mehrzweckschiff „Mellum“ (rechts) trainiert mit den Ölbekämpfungsschiffen „Rüstersiel“, „OSK-1“ und „Lüttmoor“ das Auffangen eines Ölteppichs. Quelle: dpa
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Ölschlamm wird an die Küsten gespült und setzt sich zäh in jede Ritze. In schwarzem Brei verklebte Vögel kämpfen aussichtslos ums Überleben, Milliardenschäden und vernichtete Existenzen durch das Lebenselixier der industrialisierten Welt. Auch an den deutschen Küsten der Nordsee drohen Ölkatastrophen mit unabsehbaren Folgen für das Wattenmeer.

Immer und immer wieder trainiert das Havariekommando von Bund und Küstenländern jedes Jahr den Ernstfall. Am Mittwoch werfen die Spezialisten bei Schilligreede große Mengen Popcorn in die Nordsee nördlich von Wilhelmshaven. Sieben Spezialschiffe nehmen die seltsame Fracht an Bord. Die Spezialisten simulieren einen Ölteppich und wappnen sich für mögliche Katastrophen. „Wir trainieren die Abläufe“, sagt der Leiter des Havariekommandos, Hans-Werner Monsees. Das Popcorn reagiert dabei auf der schimmernden Meeresoberfläche genauso wie ein in Richtung Küste treibender Teppich der „schwarzen Pest“.

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Zehntausende Schiffe schippern jedes Jahr alleine durch die Deutsche Bucht, darunter tausende Tanker. Die Gefahr ist allgegenwärtig. Auf eine Katastrophe wie im Golf von Mexiko, wo Schätzungen zufolge täglich bis zu 8000 Tonnen Öl ins Meer fließen, kann man sich nach Angaben Monsees nicht wirklich einstellen. „Auf einen solchen Gau kann man sich nicht vorbereiten. Das ist auch viel zu teuer.“ Die Gefahr für eine Katastrophe solchen Ausmaßes schätzen Experten vor der eigenen Haustür jedoch gering ein.

Zudem sieht Monsees die Nord- und Ostseeanrainer besser gewappnet als die Einsatzkräfte in den USA. Die Länder hätten sich geeinigt, so viel Kapazitäten bereitzustellen, dass bei einer Tankerkollision auslaufendes Öl abgefangen werden kann. „Auf eine Tankerexplosion kann sich niemand vorbereiten“, erläutert Monsees. Doch an den ökologisch sensiblen Küsten reichten ja auch schon kleine Mengen des braunen Ölschlamms.

„Insgesamt 23 Ölbekämpfungsschiffe stehen an den deutschen Küsten für den Notfall bereit, einige davon ständig auf See“, sagt die Sprecherin des Havariekommandos, Ulrike Windhövel. Zudem gebe es mit den Nachbarstaaten Verträge auf gegenseitige Unterstützung.

„Die Schifffahrtsorganisationen haben aus Unglücken durchaus gelernt“, glaubt auch WWF-Experte, Stephan Lutter. „Die Europäer sind weiter als die Amerikaner.“ Hier gebe es einheitliche Richtlinien und Umweltverträglichkeitsprüfungen. „Bei großen Ölaustritten wäre aber auch das Havariekommando überfordert.“

160 Mal im Jahr rücken die Spezialisten des Havariekommandos aus, um Notfälle zu trainieren. Und die nächsten Szenarien stehen auf dem Plan. Große Offshore-Windparks können nach Meinung von Umweltschützern auch für manövrierunfähige Schiffe zur Falle und damit zur Gefahr für die Umwelt werden. „Bestimmte bauliche Vorsichtsmaßnahmen seien dort ja eingeplant“, sagt Windhövel. Ausschließen können die Experten ein Unglück in den Parks mit den riesigen Windrädern nicht. „Wir bereiten uns darauf vor.“

Oliver Pietschmann

Wiebke Ramm 30.06.2010