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Panorama Hauptstadt im Verkehrsnotstand
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14:47 20.07.2009
Japanische Verhältnisse in der Berliner S-Bahn.
Japanische Verhältnisse in der Berliner S-Bahn. Quelle: Foto: Axel Schmidt/AFP
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„Das ist ein Armutszeugnis für die Hauptstadt“, sagt die Hannoveranerin entschieden. Die 43-Jährige steht mit ihrer Begleiterin am Zoologischen Garten, einen Stadtplan von Berlin in der Hand. Die S-Bahn-Station, die sie ansteuern wollte, ist geschlossen, also müssen die beiden Frauen die Füße in die Hand nehmen. „Typisch, wenn man mal verreist, heißt es gleich ,Schwarzer Montag’“, sagt die Freundin. Denn seit Anfang dieser Woche stehen mehr als zwei Drittel aller Berliner S-Bahnen still.

Auslöser der Berliner S-Bahn-Krise war ein Radbruch Anfang Mai. In der Folge stellte sich heraus, dass die Deutsche-Bahn-Tochter wichtige Prüfungen von Rädern und Achsen wochenlang hatte schleifen lassen. Das Eisenbahn-Bundesamt als zuständige Sicherheitsbehörde auferlegte der S-Bahn daraufhin, diese Kontrollen sofort auszuführen. Bis das geschehen ist, dürfen nur noch 165 von 550 Zügen rollen.

Inzwischen wurden acht Teilstrecken stillgelegt, seit Montag sogar die zentrale Innenstadtachse zwischen Zoologischem Garten und Ostbahnhof. Statt Zügen im 3-Minuten-Takt werden zusätzliche Regionalbahnen viermal pro Stunde eingesetzt. Die Bahn hält allerdings nur an fünf der sonst acht Bahnhöfe.

Die Folge sind überfüllte Waggons, in denen sich die Passagiere drängen - Verhältnisse, wie sie sonst nur Megastädte wie Tokio oder New York kennen. Eine Berlinerin vergleicht ihre Stadt mit Valencia, wo sie kürzlich war. „Dort funktioniert der Verkehr reibungslos, die Züge sind klimatisiert und sehr sauber“, sagt sie, „bei uns ist alles marode.“

Ein Geschäftsreisender aus Köln kann das alles kaum glauben. „Ich dachte, es gäbe vielleicht Bauarbeiten an einer Stelle der Strecke“, wundert sich der 51-Jährige. Dass auch seine Station Hackescher Markt komplett geschlossen ist, hat er nicht gewusst. Zwei Touristen aus Italien fragen einen Bahn-Helfer auf Englisch nach dem Ersatzverkehr. Der Mann schickt sie zu „platform one“ am Ostbahnhof. Als es um die Abfahrtszeit des Zuges geht, kommt er mit seinen Fremdsprachenkenntnissen jedoch ins Schlingern.

„Wir setzen da auf die Berliner“, sagt dazu Christian Tänzler, Sprecher von Berlin Tourismus Marketing, „sie haben schon bei der Fußball-Weltmeisterschaft den Gästen geholfen, ihren Weg zu finden. “ Insgesamt sieht er die Situation nicht als katastrophal an. „In London oder Mailand funktioniert der Nahverkehr viel schlechter. Die Leute kommen bei uns immer noch von a nach b, vielleicht bloß nicht so bequem oder schnell wie sonst.“

In der Tat ist das vielerorts erwartete Chaos ausgeblieben. Die meisten Passagiere, ob Einheimische oder Berlinbesucher, haben sich vorab informiert und Zeit mitgebracht. Die Hauptstadt lebt mit ihren Katastrophen. Viele S-Bahn-Nutzer hätten sich Alternativen gesucht, und auch die Schulferien-Zeit komme der Bahn zugute, sagt ein Bahn-Sprecher: „Wir sind soweit zufrieden.“

Mit der momentanen Situation muss die Stadt in den nächsten drei Wochen klarkommen. Ab 10. August sollen dann wöchentlich 25 zusätzliche Züge den Betrieb stärken. Denn am 12. August beginnt für elf Tage die Leichtathletik-Weltmeisterschaft im Olympiastadion, zu der Hunderttausende erwartet werden. „Dann werden wir alles auf die Schiene stellen, was geht“, kündigt der Bahnsprecher an. Insgesamt wird es bis Dezember dauern, bis die S-Bahn wieder mit allen Zügen unterwegs ist.

AFP