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Panorama Hamburger Großmarkt wehrt sich gegen Verdacht der Verunreinigung
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20:11 27.05.2011
Gurken aus regionalem Anbau, die nicht verkauft werden konnten, liegen am Freitag in Kisten auf dem Großmarkt Hamburg. Quelle: dpa
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Ratlos steht Hans Joachim Conrad in den Hallen des Hamburger Großmarktes. „Wir treiben hier doch keine Kuhherden durch die Hallen“, sagt der Vorsitzende der Großmarkt-Genossenschaft. Er deutet auf Hunderte Gurkenkisten, die abseits der Stände stehen und nun keiner mehr haben will. Seitdem am Donnerstag das Hamburger Hygiene-Institut nachgewiesen hat, dass hier mit EHEC-Keimen verunreinigte Gurken aus Spanien gehandelt worden sind, steht sein Handy nicht mehr still. Es ist das beherrschende Thema im Großmarkt in der Nähe des Hafens.

Die spanische Regierung hatte am Freitag erklärt, bislang sei „nicht bewiesen“ worden, dass die Gurken in Spanien mit dem EHEC-Erreger in Berührung gekommen seien. Einer der betroffenen Erzeuger in Spanien, Frunet Bio in Algarrobo (Málaga), hatte stattdessen den Verdacht geäußert, seine Gurken seien beim Sturz einer Palette während des Transports zum Hamburger Großmarkt verunreinigt worden – und nicht schon auf seinem Hof. Der Hamburger Gemüsehändler Uwe Behncken erklärte, die fragliche Palette mit 180 Kisten Gurken sei auf einem Lastwagen lediglich gegen die Bordwand gerutscht. Keine Gurke hätte Kontakt mit dem Boden gehabt. Es seien nur 14 Kisten beschädigt und dadurch unverkäuflich geworden.

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Wie sich der Keim in diese großen Hallen verirrt haben soll, kann sich im Hamburger Großmarkt jedenfalls keiner erklären. Die Saison für Gurken aus Spanien ist eigentlich vorbei, sagen Händler wie Jens Kupka. Zuletzt habe er das Gemüse Anfang März verkauft. Warum solle er ausgerechnet jetzt spanische Gurken bestellen, wenn die deutschen längst reif seien?

An einer Ecke seines Standes stapeln sich die Gurken in die Höhe. Winsen an der Luhe steht auf den Kisten. Frisch und knackig sehen die Gurken aus, und spottbillig sind sie. Trotzdem wird Kupka jetzt auf ihnen sitzenbleiben. Wie lange es dauert, bis das Vertrauen der Verbraucher wieder hergestellt ist? Er weiß es nicht. Für die rund 50 Kisten Gurken ist aber ohnehin fast alles zu spät. Eine Woche, höchstens zwei, halten sie noch. Danach landen sie auf dem Müll.

Bei den Bauern verwelke derweil der Salat auf den Äckern, berichtet Kupka. „Für uns alle ist das sehr schädlich.“ Die Verunsicherung der Kunden sei so groß, dass sie die Finger von allem ließen, was eigentlich frisch und gesund ist. Seine Kunden hätten nicht nur Salate und Tomaten für die kommenden Tage abbestellt, sondern auch Obst.

Der Anblick der unverkäuflichen Gurken macht ihn nachdenklich. Dann sagt er: „Eine dieser Gurken hier kostet 29 Cent. Es gibt genug Ware aus Deutschland. Warum muss man jetzt noch Waren aus Südspanien herfahren?“ Es bleibt unausgesprochen, an wen sich seine Kritik richtet – offensichtlich an die großen Discounter und Supermärkte. „Die Preistreiberei geht letztlich auf die Gesundheit der Verbraucher“, ist er der Ansicht.

Großmarkthändlerin Eva-Maria Wedemann sieht große Probleme auf sich zukommen. Mit spanischen Gurken hat sie zuletzt im Februar gehandelt. „Wenn das so weitergeht, muss unser Eisbergsalat eingefräst werden“, befürchtet sie. Seit mehr als vier Jahrzehnten steht sie auf diesem Markt, hat sich mittlerweile auf biologischen Anbau spezialisiert. Aber was hilft das? Die Leute kaufen trotzdem weniger. Große Einbußen hat sie in dieser Woche bilanziert, fast ein Drittel weniger verkauft.

Ein paar Meter weiter steht Gemüseproduzent Heiner Wischendorff. Auch er ist empört. Das Wort „Panikmache“ fällt. „Alle paar Monate wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben“, sagt er. Jetzt sei halt das Gemüse an der Reihe.
Dem Großhandelsvorsitzenden Conrad ist die Anspannung der vergangenen Stunden ins Gesicht geschrieben. Dass sein Markt europaweit in den Schlagzeilen steht, ist ihm unangenehm. Etwas verkrampft durchschreitet er die Hallen und unterhält sich mit den Händlern. Generell sei die Gefahr der Kontamination von Lebensmitteln dann am größten, wenn viele Verbraucher damit in Kontakt kommen. Das sei vor allem im Laden der Fall. Die Fahrer und Händler würden die Ware nur selten anfassen. Hamburg sei nur das Verteillager. „Natürlich fällt hier mal was um. Aber das ist wie wenn in China ein Sack Reis umfällt.“

Am Freitag erhält Conrad Schützenhilfe von oberster Behördenstelle. Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) teilt mit, dass die belasteten Gurken nicht von einer einzigen Palette stammen könnten, die durch ein Umkippen verseucht wurde.

Und auch die Niederlande wehren sich gegen Berichte, wonach eine der verseuchten Gurken aus Holland stammen soll. Das Hamburger Hygiene-Institut hatte den Durchfallerreger bei vier Salatgurken vom Hamburger Großmarkt nachgewiesen. Drei seien spanischen, eine niederländischen Ursprungs, hieß es. Die Niederlande wiesen dies als falsch zurück. „Wir haben bislang keinerlei derartige Erkenntnisse“, sagte Marian Bestelink, Sprecherin der zuständigen Behörde für Warenprüfung. Die Angabe über die verunreinigte Gurke aus Holland beruhe „vermutlich auf einem Missverständnis“. Sie gehe wohl darauf zurück, dass einer der in Spanien betroffenen Gemüsebauern Niederländer sei.
Die genaue Ursache der EHEC-Epedemie bleibt also weiterhin ungeklärt. Für den Hamburger Großhandelsvorsitzenden Conrad heißt das: „Das Image ist beschädigt. Das ist katastrophal.“

Andreas Frey

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