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Panorama Haiti ist weiter im Ausnahmezustand
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12:26 24.11.2010
Ein Mann zieht den Leichnam seines Schwiegervaters durch die Stadt - auf Haiti alltägliches Elend. Quelle: dpa
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Das Elend begann kurz nach Mitternacht, eine Stunde später wusste Clodette Petit-Maitre, dass es nun auch sie getroffen hatte. In den vergangenen Tagen waren schon so viele Nachbarn in Cachale an diesen seltsamen Symptomen erkrankt, die eben noch kerngesunde Menschen so unvermittelt befallen wie die Dunkelheit, die um kurz nach 17 Uhr über Haiti hereinbricht.

Clodettes Mann Tinéné sattelte den alten Ackergaul, setzte seine Frau darauf und führte sie vom Dorf über die Hügel und durch die bewaldeten Berge. Viereinhalb Stunden dauerte der Marsch, immer wieder unterbrochen von Durchfällen und Erbrechen. Kurz nach Morgengrauen erreichte die 24 Jahre alte Clodette die Cholera-Station in dem kleinen Ort Rousseau auf der Grenze zwischen den Provinzen West und Artibonite. Wäre der Weg nur eine Stunde länger gewesen, die Mutter von vier Kindern wäre eines der 1344 Opfer geworden, die die Cholera in dem karibischen Land gefordert hat. 23.000 Menschen werden medizinisch behandelt. Es werden täglich mehr.

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Noch zwei Tage nach der Aufnahme liegt Clodette Petit-Maitre auf einem ­Feldbett und blickt teilnahmslos aus tief liegenden Augen, die Wangen wölben sich nach innen. Selbst das Sprechen kostet Kraft. Der haitianische Arzt Jean Gardy Marius kontrolliert die Infusionen. „Wir haben ihr schon drei Liter Glucose und Elektrolyte gegeben, aber noch immer ist sie schwach.“ Wie fast alle Menschen, die in Haiti leben, ist auch Clodette unter­ernährt. Das macht die Cholera für alle und schnell zur tödlichen Bedrohung. Die Heilung, in den meisten Ländern fast eine Selbstverständlichkeit, geht nur in winzigen Schritten voran.

Die Epidemie hat Haiti im schlimmsten Moment getroffen. Neun Monate nach dem Jahrhunderterdbeben, das 250.000 Menschen das Leben genommen hat. Einen Monat vor der Wahl, die dem Land endlich eine stabile Regierung geben soll.

Das eigentlich Verwunderliche aber ist nicht das Auftreten der Cholera, sondern dass es so lange gedauert hat, bis sie ausgebrochen ist. Schon vor dem Erdbeben waren die hygienischen Bedingungen im ärmsten Land der westlichen Hemisphäre katastrophal. Die Menschen verrichten ihre Notdurft meistens auf der Straße oder auf den Feldern oder wie in Rousseau im Fluss Montrouis, der sich hier breit durch die sanften und grünen Hügel Haitis schlängelt. Von und in diesem Gewässer leben die Menschen. Sie verrichten nicht nur ihre Notdurft darin, sie waschen auch ihre Wäsche darin und trinken daraus. „Das ist die Quelle unseres Übels“, sagt Mediziner Marius. So schön wie der Fluss ist, so tödlich ist er auch. Auch Clodette wird sich über das mit Fäkalien verun­reinigte Flusswasser angesteckt haben, das sie getrunken hat.

Marius leitet die Cholera-Station von Rousseau. Sie besteht aus einem Zelt, in dem zwanzig Pritschen stehen. Die Sta­tion wird von der haitianischen Organi­sation Osapo mit Geldern der Deutschen Diakonie Katastrophenhilfe betrieben. Kaum bekleidete Fünfjährige liegen hier neben Sechzigjährigen, deren Knochen sich unter der Haut abzeichnen. Darmkrämpfe plagen die Patienten. Ein Kind erbricht gelben Schleim in einen Eimer. Der Gestank ist schwer erträglich.

Die Cholera ist heimtückisch. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es jedes Jahr weltweit zwischen drei und vier Millionen Cholera-Fälle. Die Zahl der Todesopfer ist da im Verhältnis niedrig, sie liegt zwischen 100.000 und 120.000. Eine einfache Salz-Zucker-Lösung kann selbst Patienten mit einem gravierenden Flüssigkeitsverlust das Leben retten. Aber schnell muss es gehen. Wenige Stunden entscheiden über Leben und Tod. Dann verschwindet der Puls, die Venen sind nicht mehr zu finden, um den Tropf anzuschließen, die Augen fallen tief in die Höhlen zurück, die Patienten vertrocknen. Cholera-Kranke sterben zumeist an multiplem Organversagen.

Die Seuche hat Haiti völlig unvorbereitet getroffen. „Wir haben die Krankheit hier seit über hundert Jahren nicht gehabt“, sagt Marius. „Wir mussten uns erst selbst weiterbilden.“ Heute arbeiten fünf Ärzte und acht Schwestern rund um die Uhr in der kleinen Cholera-Station am Fluss. „50 Patienten täglich kamen in den ersten Tagen“, sagt Marius. „Aber nur zwei sind gestorben.“

Die Reaktion auf die Cholera-Epidemie war umfassend. Da fast alle internationalen Hilfsorganisationen ohnehin seit dem Erdbeben im Land waren, konnten sie rasch umschalten. „Wir haben in Haiti 37 Cholera-Behandlungszentren, 62 kleinere Stationen, und täglich kommen Dutzende hinzu“, sagt Andreas Fabricius. Der Gesundheitsmanager leitet die Cholera-Klinik des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Arcahaie, knapp zwei Stunden nördlich von Port-au-Prince. Trotzdem rafft die Durchfallerkrankung in Haiti noch immer mehr Menschen dahin als zum Beispiel in Bangladesch, wo alljährlich Hunderttausende an Cholera erkranken. „Das Erdbeben, die langen Transportwege, die schlechte Infrastruktur und der fehlende Zugang zu sauberem Wasser sind daran schuld. Haiti hatte in den Anfangstagen der Epidemie eine Sterblichkeitsrate von bis zu elf Prozent“, sagt Fabricius. „Nun sterben noch sechs von hundert Patienten. Das wollen wir auf drei drücken.“

Tatsächlich kommt die Epidemie gerade erst so richtig in Fahrt. Sie hat alle zehn Provinzen Haitis erreicht. Und der Hauptstadt Port-au-Prince steht das Schlimmste noch bevor, befürchten Experten. Die Stadt mit ihren Hunderten von Obdach­losenlagern ist ein ideales Verbreitungsgebiet für das Vibrio cholerae, den Erreger der Krankheit. Hier leben nahezu eine Million Menschen auf engstem Raum und allzu oft ohne eine sanitäre Versorgung, die diesen Namen verdient.

So zum Beispiel auf der Place St. Pierre im Stadtteil Pétionville. In dem Lager fließen die wenigen Latrinen über. Gestank nach Fäkalien dringt aus den offenen ­Türen. Ein paar Meter daneben pinkelt ein Mann gegen einen Müllcontainer. Wenige Schritte weiter braten Frauen Bananen, verkaufen Getränke und Obst. Eine Umgebung wie geschaffen für das Vibrio cholerae.

In Titayen, im „Kleinen Nichts“ am Rande von Port-au-Prince, wissen sie, dass dieses Katastrophenjahr noch viele Schrecken für Haiti bereithält. Dort, wo schon im Januar mehr als 70 000 Erd­bebentote verscharrt worden waren, hat die Stadt am Dienstag neue Massengräber ausheben lassen. Seit dem vergangenen Donnerstag sind dort hundert Leichen in weißen Plastiksäcken beigesetzt worden. Solange die Epidemie anhält, hat das Gesundheitsministerium angeordnet, dürfen die Leichenschauhäuser keine Cholera-Toten mehr annehmen. Und: „In den Straßen aufgesammelte Leichen, die keine Spuren von Gewalt aufweisen, werden aus hygienischen Gründen nicht mehr in den Leichenhäusern zugelassen.“ Sie landen namenlos im „Kleinen Nichts“.

Dem Elend zum Trotz, ungeachtet der zum Zerreißen gespannten Stimmung, sollen am Sonntag ein neuer Präsident und ein neues Parlament gewählt werden. Am Wochenende hatten vier der 19 Kandidaten verlangt, die Wahlen zu verschieben, weil die Cholera von UN-Blauhelmsoldaten eingeschleppt worden sei. Bevor die Wahl stattfinden könne, müsse die Epidemie besiegt sein, erklärten die vier – ziemlich aussichtslosen – Kandidaten.

„Verschieben ist keine Lösung“, sagt dagegen Lut Fabert-Goossens, Leiterin der EU-Delegation in Haiti. „Das würde die politische Instabilität nur verschlimmern.“ Der gebeutelte Karibikstaat brauche einen verfassungsmäßigen Rahmen. Viele Hilfsorganisationen halten ihre Gelder zurück, bis sie wissen, mit wem sie in den kommenden Jahren den Wiederaufbau des Landes verhandeln können. Die internationale Gemeinschaft hat Haiti langfristig zehn Milliarden US-Dollar zugesagt, von den für dieses Jahr versprochenen Mitteln aber erst 15 Prozent überwiesen. Grund dafür ist auch, dass die Regierung das Geld nicht verwalten kann.

„Demokratische Wahlen sind unter den gegebenen Bedingungen zwar schwer, aber machbar“, glaubt Fabert-Goossens. Die Proteste der vergangenen Tage vor allem gegen die UN-Stabilisierungsmission Minustah hält die Diplomatin für inszeniert. Gruppen, die kein Interesse an einer stabilen Regierung hätten, versuchten so, die Abstimmung zu kippen.

In Rousseau, dem tropischen Weiler am Fluss, werden neue Patienten in die Cholera-Station eingeliefert. „Seit wir unsere Gesundheitsaufklärer in die hintersten Dörfer senden, sinken die Zahlen deutlich. Wir haben nur noch 20 Fälle täglich“, sagt Dr. Marius. Aber ausrotten lässt sich die Epidemie nicht in ein paar Monaten. Das kann Jahre dauern, bekräftigt der Arzt. „Die Cholera ist gekommen, um zu bleiben.“

Klaus Ehringfeld

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