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Panorama Haftstrafe für tödliches Wetttrinken
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18:53 03.07.2009
Das Landgericht Berlin hat einen früheren Gastwirt zu drei Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt. Quelle: ddp
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Der 28-Jährige wurde am Freitag wegen Körperverletzung mit Todesfolge sowie vorsätzlichen Alkoholausschanks an Jugendliche verurteilt. Aufgrund der „rechtsstaatswidrigen Verfahrensverzögerung von sechs Monaten“ gelten zwei Monate Haft bereits als verbüßt.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Wirt im Februar 2007 beim Wetttrinken in seiner Charlottenburger Kneipe den 16-Jährigen getäuscht hatte, indem er sich selbst überwiegend Wasser statt Tequila einschenken ließ. Der Jugendliche hatte 45 Schnäpse getrunken und war ins Koma gefallen. Er starb fünf Wochen später, ohne wieder zu Bewusstsein gekommen zu sein.

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Mit dem Urteil gegen den Wirt folgte das Gericht im Wesentlichen dem Antrag des Staatsanwalts, der vier Jahre Haft gefordert hatte. Die Verteidigung hatte keinen konkreten Strafantrag gestellt. Im Prozess übernahm der frühere Gastwirt die moralische Verantwortung für den Tod des Jugendlichen und räumte ein, damals „ohne Bedenken“ harten Alkohol an sehr junge Gäste verkauft zu haben. Dem Urteil zufolge hatte der Angeklagte „aus Gewinnsucht Alkohol an Jugendliche ausgeschenkt“.

Der Gastwirt habe vorhersehen müssen, dass der Tod des Jugendlichen die Folge dieses „extremen Wetttrinkens“ sein konnte, hieß es im Urteil. Zwar habe der Schüler, der nachweislich Alkohol gewöhnt war, auf das Wetttrinken gedrungen. Der Angeklagte müsse sich jedoch „das selbstschädigende Verhalten des Jungen zurechnen“. Der Angeklagte habe gewusst, dass es kein fairer Wettkampf sei. Auch die Einwilligung des Schülers in das Trinkduell sei „durch Täuschung erzielt worden“ und daher unbrauchbar, hieß es.

Nach Einschätzung des Gerichts hat der heute Gastwirt mindestens 10, vielleicht auch 20 Gläser Wasser getrunken. Die Täuschung war aufgeflogen, als der 16-Jährige durch einen Kellnergehilfen versehentlich eines der Wassergläser bekam und den Geschmack monierte. Den „Nachteil“, den das Opfer durch den Betrug hatte, habe der Jugendliche nicht wieder korrigieren können, betonte der Richter.

Der Schüler brach nach dem Wetttrinken zusammen. Personal und Gäste kümmerten sich um den Bewusstlosen und legten ihn auf ein Sofa. Irgendjemand soll ihm laut Medienberichten mit einem Kugelschreiber noch „Du hast verloren“ auf den Bauch gekritzelt haben, bevor ihn die Feuerwehr ins Krankenhaus brachte, wo er Wochen später an den Folgen des Alkoholexzesses starb.

Der Tod des Gymnasiasten hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt und die Debatte über Alkoholmissbrauch unter Minderjährigen ausgelöst. Aufgrund des Vorfalls schloss das Bezirksamt die Charlottenburger Kneipe des Angeklagten im April 2007. Ein 19-Jähriger, der damals die Strichliste führte, und ein drei Jahre älterer Angestellter, der die Schnapsgläser füllte, waren im Februar 2008 wegen Beihilfe zur Körperverletzung zur Teilnahme an einem zehnmonatigen sozialen Trainingskurs verurteilt worden. Das Verfahren gegen eine 18-jährige Aushilfe war Anfang des Jahres wegen geringer Schuld eingestellt worden.

In seinem Schlusswort sprach der Angeklagte erstmals der Mutter des Opfers sein Beileid aus. Ihm tue die Sache „sehr, sehr leid“, äußerte er. Zu einem früheren Zeitpunkt hatte der Angeklagte betont, er wolle „mit dem Ausschank von Alkohol nie wieder etwas zu tun haben“. Er arbeitet heute in einem Call-Center.

ddp