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Panorama Grammy-Show: Diva im Ei, Diva am Boden und unbekannte Hauptgewinner
Mehr Welt Panorama Grammy-Show: Diva im Ei, Diva am Boden und unbekannte Hauptgewinner
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20:34 14.02.2011
Von Uwe Janssen
In Los Angeles sind die Grammys verliehen worden.
In Los Angeles sind die Grammys verliehen worden. Quelle: dpa
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Wir sind ein bisschen verwirrt, Fredricka“, stammelt die CNN-Reporterin vor dem Staples Center in Los Angeles ins Mikrofon, „gleich kommt Lady Gaga über den roten Teppich, und ich glaube, sie ist in einem Ei.“ Studiomoderatorin Fredricka Whitfield, auch verwirrt, fragt nach: „Was trägt sie?“ „Ich kann sie nicht sehen, sie ist in dem Ei. Das ist, äh, lustig.“ Die Kamera schwenkt auf ein großes, weißes Plastikei wie aus dem Jurassic Park, in dem sich etwas bewegt. Vier Träger wuchten das Gaga-Ei wie eine Sänfte an den aufgeregten Fotografen vorbei. „Interessant“, befindet Fredricka aus dem Off .

Man könnte sagen: Lady Gaga hat es wieder mal geschafft. Sie hat wieder mal die schrägste Idee gehabt, wieder mal das schrägste Kostüm, und sie ist ihrem Ruf als singender Spezialeffekt wieder mal gerecht geworden. Man könnte es aber auch so zusammenfassen: Diese Szene vor der Grammy-Verleihung war spannender als die gesamte Veranstaltung. Und das, obwohl die Programmgestalter Christina Aguilera eingeladen hatten, die am vergangenen Sonntag vor dem Superbowl die US-Hymne zur Freude der Nation spontan umgedichtet hatte. Für Spannung war also gesorgt, doch diesmal hatte sie es leichter: Mit anderen Soulröhren wie Jennifer Hudson sang sie ein Medley von und für die erkrankte Aretha Franklin. Die Soullegende grüßte per Videobotschaft und versprach, bald wieder auf der Bühne zu stehen. Aguilera schaffte das nicht mal bis zum Ende des Grammy-Auftritts. Nach Beendigung ihres Vortrags rutschte sie am Mikrofon aus. Und dürfte als Pannenqueen vor ihrem nächsten Auftritt jetzt auch in den Wettbüros ein Thema sein.

Ansonsten herrschte gepflegte Routine im Saal. Durchgestylte Showeinlagen lieferten Katy Perry, Rihanna und Teenie-Millionär Justin Bieber, der mit seinem Förderer Usher im Duett sang, aber unprämiert nach Hause fahren musste. Dazu ein paar Altstars wie Barbra Streisand und Bob Dylan, dessen größter Showeffekt nach wie vor seine Mundharmonika ist. Der Auftritt des fast 70-jährigen Mick Jagger war schon einer der Höhepunkte des Abends. Vielleicht aber auch das Duett von Schauspielerin Gwyneth Paltrow und Sänger Cee-Lo Green, die mit den Muppets als Begleitband einen Song sangen, der eigentlich „Fuck you“ heißt, aber im US-Fernsehen natürlich entskandalisiert werden muss. All das erfasst ungefähr die Tragweite dieser Glitzerveranstaltung, über die man heute noch spricht und sie morgen schon vergessen hat. Ach ja, und dann schlüpfte ja noch Lady Gaga aus dem Ei und sang ein neues Lied: „Born this Way“. Aha, Bezugsrequisite! Da fällt dann auch bei den Ladys von CNN der Groschen.

Abräumer des Abends war das amerikanische Country-Trio Lady Antebellum mit fünf Preisen, unter anderem für den besten Song namens „Need you now“. Und bevor Unsicherheit aufkommt: Es ist nicht schlimm, Lady Antebellum nicht zu kennen. Amerikanischer Country hat es bislang nicht weit über die Grenzen des Landes hinaus geschafft, und die nett-harmlosen drei Hockermusikanten aus Nashville werden diesen Zustand auch nicht ändern. Nur wenig mehr Hoffnung darf man diesbezüglich in Esperanza Spalding setzen, eine exzellente Jazz-Kontrabassisitin, die zur besten Newcomerin gewählt wurde und den enttäuschten Bieber ausstach. Vielleicht, weil sie die noch markantere Frisur hat. Vielleicht auch, weil sie die einzige Nominierte war, die kleiner ist als ihr Instrument. Für Jazz ist in dieser Kategorie normalerweise nichts zu holen.

Dass Lady Gaga auch prämiert wurde (insgesamt dreimal), sei am Rande erwähnt. Im Universum, in dem die amerikanischen Preisverleiher derzeit kreisen, ist sie als Shownummer unantastbar. Erwähnenswerter ist da schon, dass Abonnementssiegerin Beyonce Knowles diesmal leer ausging, dass Rapper Eminem als Topfavorit aus zehn Nominierungen lediglich zwei Preise machte – und dass es mit Arcade Fire doch noch einen Überraschungssieger (bestes Album) gab, auf den sich alle einigen konnten.

Grund zur Freude gab es auch in Deutschland, wie so oft über einen Klassik-Grammy. Diesmal gewann das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin unter Leitung von Kent Nagano eine Trophäe für die beste Opernaufnahme: die Einspielung von „L’Amour de Loin“ der finnischen Komponistin Kaja Saariaho zusammen mit dem Rundfunkchor Berlin. Die Klassiker gehören bei der Verleihung der mehr als 100 Auszeichnung zu den lediglich Genannten. Sie dürfen nicht performen oder sich in Eiern auf die Bühne tragen lassen. Was durchaus kein Nachteil sein muss.