Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Getötete Christinnen: In gutem Glauben in die tödliche Gefahr des Jemen
Mehr Welt Panorama Getötete Christinnen: In gutem Glauben in die tödliche Gefahr des Jemen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:08 17.06.2009
Von Daniel Behrendt
Die beiden im Jemen ermordeten Frauen Anita G. (24, links) und Rita S. (26) absolvierten im Saada ein Praktikum in einem Krankenhaus. Quelle: ddp

Besonders im Norden des Landes, am Fuße des Berges Dschabal an-Nabi Schu’aib, des mit 3760 Meter höchsten Gipfels des Jemens, gibt es vielerorts weder Elektrizität noch befestigte Straßen noch Häuser, die man aus Wohlstandsperspektive als solche bezeichnen würde. In den entlegenen Bergdörfern dieses Armenhauses der arabischen Halbinsel verbrachte der 39-jährige Islamwissenschaftler einige Monate als Projektkoordinator der Hilfsorganisation Care. „Schlimmer noch als die miserable Infrastruktur in weiten Teilen des Landes ist die Tatsache, dass nicht alle Menschen einen permanenten Zugang zu Trinkwasser haben und die mageren Böden kaum genug hergeben, um den Hunger zu stillen“, sagt Wolf.

Wie nötig das Engagement der Hilfsorganisationen ist, wird im krisengeschüttelten Jemen auf Schritt und Tritt deutlich. Doch die Entwicklungshelfer – darunter derzeit rund 70 Deutsche, die als staatliche Entwicklungshelfer im Jemen sind – setzen bei ihrer Arbeit oft das eigene Leben aufs Spiel. Das hat sich am Montag erneut in tragischer Weise offenbart, als bekannt wurde, dass mindestens drei der neun am vergangenen Sonnabend entführten Ausländer von Unbekannten getötet wurden – darunter die 24-jährige Anita G. und die 25-jährige Rita S. Beide Frauen stammen aus Gifhorn und waren in den Jemen gereist, um ehrenamtlich in einem Krankenhaus in der bitterarmen Nordprovinz Saada zu arbeiten. Das grausame Verbrechen, das das vorläufige Ende einer langen Kette von Entführungen bildet, wirft die Frage auf, ob humanitäre Einsätze vertretbar sind, wenn die Sicherheit der Helfer nicht garantiert werden kann.

Was aber, wenn die Helfer vor den Terroristen kapitulieren und ihr Engagement aufgeben würden? Dass wenigstens ein Teil der Jemeniten sauberes Wasser und ausreichend zu essen hat, dass es wenigstens partiell eine einigermaßen befriedigende medizinische Versorgung gibt, ist zu einem nicht unerheblichen Teil professionellen Helfern wie Felix Wolff zu verdanken. Mit 60 Mitarbeitern – 57 davon Einheimische – sorgt der Projektkoordinator, der regelmäßig zwischen dem heimischen Bonn und dem Jemen pendelt, dafür, dass Wasserleitungen gebaut oder instand gesetzt werden, dass Felder ertragreicher bestellt werden können – und nicht zuletzt dafür, dass die Menschen ihre durch Jahrtausende alte Traditionen eingefahrenen Rollenbilder überdenken. „Wenn wir irgendwo eine neue Leitung bauen, geben wir bewusst den Frauen die Verantwortung für das Wasser. Sie teilen das Grundlebensmittel zu und erlangen so Autorität“, erklärt Wolff eine der vielen Strategien, mit der seine Organisation den gesellschaftlichen Wandel im religiös geprägten Jemen zu unterstützen versucht. Angst, er und seine Mitarbeiter könnten durch ihr aufklärerisches Handeln ins Visier fundamentalistischer Kräfte geraten, hat der Entwicklungshelfer nicht. Schließlich, betont Wolff, halte er sich an ein ungeschriebenes Gesetz – und das besagt, dass man Neuerungen nicht gegen den Willen örtlicher Autoritäten, etwa des Imams oder des Dorfältesten, durchsetzen sollte.

Gefährdet sieht Wolff sich und seine jemenitischen Helfer auch deshalb nicht, weil Care sich schon vor zwei Jahren aus der immer wieder von Terroranschlägen und Entführungen heimgesuchten Provinz Saada zurückgezogen hat – eben jener Region, in der Anita G. und Regina S. getötet wurden. Die jungen Frauen waren Studentinnen einer evangelikalen Bibelschule im nordrhein-westfälischen Lemgo. Sie wollten, offenbar von ihrem christlichen Glauben geleitet, ein dreimonatiges Praktikum im Al-Dschumhuri-Krankenhaus in Saada absolvieren. Vermittelt wurde den jungen Frauen die verhängnisvolle Mission durch die in Fachkreisen nahezu unbekannte niederländische Hilfsorganisation Worldwide Services, hinter der der Narkosearzt Paul Lieverse steht. Der Mediziner hatte in den achtziger Jahren selbst in Saada gearbeitet und kannte die angespannten Verhältnisse dort genau. Dennoch hielt er es offenbar für vertretbar, seine Mitarbeiter in eine Region zu schicken, vor deren Besuch das Auswärtige Amt schon seit Langem warnt. „Wenn Sie sehen, wie voll die Wartezimmer sind und wie dringend die Menschen Hilfe brauchen, denken Sie nicht an die persönliche Gefahr“, rechtfertigte der Mediziner am Dienstag seine Haltung gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“.

Die anderen im Jemen engagierten Hilfsorganisationen treffen ihre Entscheidungen wesentlich skrupulöser als Lieversen. „Für uns hat die Sicherheit unserer Mitarbeiter höchste Priorität sagt Care-Projektleiter Felix Wolff – und fast wortgleich bekräftigen es auch Martina Helmer-Phamxuan, Direktorin des evangelisch-lutherischen Missionswerkes in Niedersachsen und Fredric Barkenhammar, Auslandssprecher des Deutschen Roten Kreuzes.

Gegenüber dieser Zeitung erklärten alle drei Organisationen, dass sie in engen Kontakt zu örtlichen Kräften, dem Auswärtigen Amt und zu anderen Hilfsorganisationen stünden, und bei leisesten Hinweisen auf das Aufflammen einer Krise Maßnahmen zum Schutz ihrer Mitarbeiter ergriffen oder diese unverzüglich aus der betroffenen Region abzögen. „Dennoch“, schränkt Barkenhammar ein, „lässt sich ein Restrisiko wohl nie ausschließen, wenn man in der Entwicklungshilfe tätig ist.“

Ob die beiden Bibelschülerinnen aus Gifhorn die Gefahren ihrer Reise für ihre religiösen Überzeugungen, ihr Bedürfnis, Nächstenliebe zu üben, billigend in Kauf nahmen oder ob sie am Ende doch nur guten Glaubens in einen der übelsten Landstriche der Welt getrieben hat, wird sich wohl nicht mit absoluter Sicherheit klären lassen. Fest steht jedoch, dass die jüngsten Vorfälle die verantwortungsvolle Arbeit der Hilfsorganisationen im Jemen nicht leichter machen. Dennoch hofft Felix Wolff – und mit ihm hoffen es viele andere, die sich an den Brennpunkten der Welt engagieren –, dass die Not der Menschen im Jemen über die tragischen Vorfälle dieser Tage nicht in Vergessenheit gerät.

Mehr zum Thema

Das Auswärtige Amt bemüht sich weiter intensiv um eine Aufklärung des Schicksals einer im Jemen vermissten deutschen Familie. Man müsse weiter davon ausgehen, dass sich die fünf vermissten Deutschen und eine weitere westliche Person in der Hand von skrupellosen Gewalttätern befinden.

17.06.2009

Vertreter westlicher Geheimdienste vermuten im jemenitischen Geiseldrama eine „Machtdemonstration“ der Terrororganisation Al-Qaida.

17.06.2009

Nach dem gewaltsamen Tod zweier Studentinnen im Jemen will die Bibelschule Brake in Lemgo keinerlei weitere Auskünfte zu den Hintergründen der Missionsarbeit der beiden Frauen erteilen.

17.06.2009

Das Landgericht Göttingen verurteilte am Mittwoch einen Arbeiter zu zehn Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe, weil er eine 87 Jahre alte Greisin vergewaltigt und dabei getötet hat.

17.06.2009

In Deutschland werden Fälle der sogenannten Schweinegrippe aus fast allen Bundesländern gemeldet. Wie die Gesundheitsbehörde in Bremen am Mittwoch mitteilte, ist eine 42-jährige Frau nach einem Florida-Aufenthalt erkrankt.

17.06.2009

Im Prozess um die Attacke von Ernst August Prinz von Hannover auf einen Discobesitzer in Kenia hat am Mittwoch erneut das Opfer ausgesagt. Bei dem Angriff wurde der Mann nach eigenen Angaben krankenhausreif geschlagen. Allerdings ist strittig, wie schwer seine Verletzungen wirklich waren und ob der Prinz mit einem Schlagring zuschlug.

17.06.2009